Die fortschreitende Militarisierung und radikale Hochrüstung auf Steuerkosten innerhalb der EU macht den meisten Bürgern in Europa Angst. Während Politiker die «Kriegstüchtigkeit» preisen, und jede fehlgeleitete Drohne zu einem Angriff Russlands hochstilisieren, schlägt das Herz der Menschen mehrheitlich für Frieden und Diplomatie. Politische Parteien, die sich für den Frieden – auch und insbesondere mit Russland – und Abrüstung aussprechen, haben daher sehr gute Chancen bei den Wählern. Allerdings zeigt sich die Kriegspropaganda - von Seiten der Politik und der Medien - hyperaktiv. Bisher positiv besetzte Begriffe aus Psychologie und Pädagogik werden dabei gerne eingeschleust, um die soziale Akzeptanz immer raumgreifenderer Militärkonzepte zu erhöhen.
Grünbuch der Bundeswehr ziert sich mit dem Resilienzbegriff
Eva Borst, (Jg. 1956) Professorin der Erziehungswissenschaften im Ruhestand, musste beispielsweise feststellen, dass der Begriff «Resilienz», der ursprünglich aus der Psychopathologie stammt, mittlerweile in einem Grünbuch der Bundeswehr auftaucht, unter dem Titel: «Zivil-Militärische Zusammenarbeit 4.0 im militärischen Krisenfall». Wer mit dem Suchmodus in diesem Dokument den Begriff «Resilienz» aufspürt, wird ihn ganze 37 Mal in dem 67-seitigen Strategiepapier finden. Da ist beispielsweise die Rede von der «Resilienz der Gesamtverteidigung» oder von «Resilienzkonzepten für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft»,«Resilienzmassnahmen» sollen kritische Infrastruktur schützen. Und natürlich sollen «Resilienzmassnahmen» Desinformation vorbeugen und die Medien- und Nachrichtenkompetenz stärken.
Resilienzforschung von Emmy E. Werner
Dazu Eva Borst: «Resilienz bedeutet in der Sprache der Psychologie ‚psychische Widerstandskraft‘. Der Begriff stammt von der US-amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner. Sie hat 1977 in einer Längsschnittuntersuchung mit 698 schwer traumatisierten Kindern festgestellt, dass es nur circa einem Drittel der Kinder gelungen war, ein ´normales` Leben zu führen. Die genaue Ursache dafür ist immer noch nicht ganz klar. Ein Faktor für diese Stabilität ist vermutlich in der vertrauensvollen Beziehung zu einem anderen Menschen zu suchen.
Heute möchte man junge Menschen resilient «machen».
In den vergangenen 20 Jahren wurden die für die Pädagogik bezeichnenden Fragen zu Bildung und Erziehung immer weiter zurückgedrängt und durch Begriffe sowie Fragen aus der Psychologie ersetzt. So möchte die Züricher Professorin für pädagogische Psychologie, Corinna Wustmann-Seiler, alle Kinder und Jugendliche im Hinblick auf künftige Traumata resilient machen. Das stellt für mich eine Umkehr des zeitlichen Ablaufs dar, den Werner erforscht hat. Aktuell will Beratung, Coaching oder Lebensbegleitung «psychisch fit machen» durch Erlernen von «Resilienztechniken». Menschen sollen von vornherein resilient «gemacht» werden, damit sie mit eventuellen Traumata, etwa Arbeitslosigkeit oder Kriegsgeschehen, zurechtkommen.
Dahinter steckt, dass sie sich möglichst schnell von traumatischen Erlebnissen erholen. Von Traumata kann man sich aber nicht erholen, man kann sie nicht ungeschehen machen, man kommt mit ihnen im besten Falle zurecht. Deshalb entspricht die Auffassung, man könne alle Menschen von vornherein resilient und sie so gegen jede Art von Traumata widerstandsfähig machen, einer Illusion, die einem technokratischen Verständnis vom Menschen entspringt. Widerstandskraft, die durchaus sinnvoll ist für die Lebensbewältigung, lässt sich aber nicht auf Knopfdruck produzieren.
Technologische Sicht auf Menschen
Die von aussen ausgelösten und kollektiv verursachten Traumata, wie etwa Kriegsfolgen, soll das Individuum möglichst «geräuschlos» ertragen. Die Bewältigung von Leiden, die äussere Ursachen haben, wird so dem Individuum überlassen, das im Ernstfall seine "Resilienzkompetenz» aktivieren soll, um etwa im Kriegsfalle nicht zu klagen, sondern weiterzukämpfen. In anderen Worten: Das Verbot der Klage und das Gebot der psychischen Widerstandskraft im allgegenwärtigen Kampf ums Überleben gewinnt angesichts verordneter Kriegstüchtigkeit strategische Bedeutung.
2016 tauchte der Begriff «Resilienz» zum ersten Mal im Weissbuch der Bundeswehr auf und dient der gesamtgesellschaftlichen Mobilmachung. Unter der Überschrift «Sicherheitsvorsorge und Resilienz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe vorantreiben» soll mit diversen Resilienzmassnahmen aktuellen und zukünftigen Gefährdungen begegnet werden. Dieses technologische Resilienzverständnis erfordert eine Gleichschaltung von«Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft», wie es im Weissbuch heisst. Alle sollen eben resilient werden.
Echte Resilienz entwickelt sich in einem emotionalen Vertrauensverhältnis
Die Ergebnisse der Resilienzforschung von Emmy E. Werner werden dabei überhaupt nicht beachtet. Die Popularisierung und Instrumentalisierung eines in der Entwicklungspsychologie durchaus ernst zu nehmenden Begriffs dient heute der Verschleierung der Brutalität, die ein Krieg mit sich bringt. Denn Krieg ist immer auch Ursache von Traumata. Die Grundlage für Resilienz indes ist die Erfahrung einer vertrauensvollen Beziehung, die dazu beitragen kann, die seelische Gesundheit zu stärken. Die Bundeswehr hingegen interessiert sich nicht für die seelische Gesundheit des Einzelnen, sondern für die Umsetzung ihrer Kriegsmaschinerie.
Resilient zu sein, hat einen guten Klang. Nicht nur bei der Bundeswehr. Zur Psychotechnik verkommen, suggeriert Resilienz Menschen, die auf der Suche nach innerer Gesundheit sind, Heilung. Letztlich aber wird Resilienz zum Aufhänger für ein Geschäftsmodell auf dem Markt der vielfältigen Angebote für psychische Ausgeglichenheit. Der Begriff der Resilienz wird dabei aber in meinen Augen missbräuchlich verwendet.»
Wer sich eingehender mit diesem Thema beschäftigen möchte, kann im diesjährigen Kongressband «Rasende Zerstörung» der Neuen Gesellschaft für Psychologie, https://mediashop.at/buecher/rasende-zerstoerung/, den Vortrag von Eva Borst «Resilient in den Untergang. Gehorsamsschulung im Zeichen der Kriegstüchtigkeit» nachlesen.