Mit dem Herz eines anderen

Wenn sich zwei Lebensgeschichten auf der Schwelle des Todes kreuzen.

«Ich bin ein glücklicher Mensch», sagt Nicola Heyser von sich. Die 45-jährige Reitsportlerin übt ihren Traumberuf aus, sie ist Mutter einer zwölfjährigen Tochter und fühlt sich heute gesund. So gesund, dass sie ihr dichtes Programm als Reitlehrerin und Sportchefin –
Dressur samt Tournieren, Pferdeausbildungen und eigener Weiterbildung – «im Galopp» bewältigen kann und bereits vieles Weitere für die Zukunft plant.

Das war nicht immer so. Schon in jungen Jahren fühlte sich Nicola Heyser oft unerklärlich müde. «Ich hatte richtige ‹Blei›-Beine, war häufig erschöpft und nicht mehr leistungsfähig.» Während ihrer Lehrzeit als Bereiterin sass sie nonstop auf Pferderücken. Nichts Neues für die Pferde­närrin. «Schon als Kinder hatten wir eigene Ponys und waren ständig draussen. Meine Eltern haben sich früh getrennt, doch beide Elternteile und die ganze Verwandtschaft waren dem Reit- und Dressursport zugeneigt. Diese Leidenschaft wurde mir bereits in die Wiege gelegt.»


Herzleiden unbekannter Ursache
Nie wäre sie darauf gekommen, dass ihre Erschöpfung etwas mit dem Herzen zu tun haben könnte. «Ich vermutete Asthma, doch die Ärzte konnten nichts dergleichen feststellen. So ritt ich weiterhin vier bis fünf Pferde pro Tag und absolvierte am Wochenende Tourniere.»

Doch trotz viel Freude und Erfolg liessen sich die Beschwerden nicht mehr ignorieren, Nicola ging es gesundheitlich immer schlechter. Als sie 1999 die Diagnose «Herzinsuffizienz unbekannter Ursache» bekam, war das für die ambitionierte Sportlerin ein Schock. Ihren Kinderwunsch liess sie sich aber trotz der Diagnose nicht nehmen. «Mein Partner und ich wussten beide, dass es eine Risikoschwangerschaft sein würde. Aber Schwangerschaft und Geburt sind dann zum Glück trotz aller Befürchtungen gut verlaufen.»

Kurzzeitig ging alles gut, hartnäckig versuchte Nicola die Kondition zu halten – aber dann ging´s rapide bergab. Es folgte eine erste Herzoperation. «Ich war wie gelähmt und sah keine Zukunft mehr. Die Träume von den Weltmeisterschaften im Dressurreiten schwammen davon.» Sie erfuhr, dass ihre Lunge zudem von einer bedrohlichen Sarkoidose befallen war. Einer Krankheit, die schwere Komplikationen bis hin zu Organversagen zu verursachen droht.

Mit letzter Kraft schleppte sie sich durch. Ihr Herz war geschwächt, die Prognose vernichtend: Ohne Transplantation würde Nicola Heyser längerfristig keine Überlebenschancen haben. «Am Nullpunkt angekommen wurde ich auf die Transplantationsliste gesetzt.» Ob genug Zeit blieb, wusste niemand.


Über die Schwelle
Fünf Monate später kam der Anruf des Spitals, es sei ein Herz für sie bereit. «Ein schwerstkranker Mensch war gestorben, bei ihm hatten alle Massnahmen versagt. Das machte mich traurig, gleichzeitig war ich so unendlich dankbar!» An der Schwelle zwischen Leben und Tod kreuzte sich Nicolas Weg mit dem eines andern Menschen. Ein Ort, wo Verzweiflung und Trauer der Freude und Hoffnung ins Auge schauen. Ein Ort auch, wo ethische Grundwerte aufeinanderprallen: Die Rettung des Lebens auf der einen, ein würdiges Sterben auf der andern Seite. Auf dem Operationstisch wird der Sterbeprozess zu einem medizinisch-juristischen Vorgang.

«Ich hatte immer wieder ein schlechtes Gewissen, dass dieser Mensch sterben musste, mit dessen Organ ich nun leben darf. Aber gleichzeitig bin ich so glücklich, dass ich dieses Geschenk bekommen habe.» Von der Persönlichkeit des Spenders habe sie im Gegensatz zu den Berichten anderer Spender nichts gefühlt, sagt Nicola.  «Ich bin eher eine Realistin. Für mich ist der Körper eine Hülle, mit der sich die Seele ausdrücken kann. An eine Körper-Seele-Geist-Einheit glaube ich eher nicht.»  

Ihr Körper hat sich umgestellt. Auch die Probleme mit den Immunsuppressiva lassen sich inzwischen bewältigen. «Das hat gedauert. Doch heute geht es mir wirklich gut. Dass ich leben darf und mein Kind grossziehen kann, ist für mich wie eine zweite Geburt. Und jeder Tag ist ein unglaubliches Geschenk!».