Trostlosigkeit und orange Zelte – wie der Entdeckung des wilden Schottlands sogleich die Ernüchterung folgte

Als ich mich in die Welt verliebte – Chronik einer Leidenschaft #22

Hinterhof in Glasgow, um 1970 / © Nicolas Lindt

Ich suchte in Schottland das Unverfälschtheit, das Echte – und meine Suche wurde belohnt. Ich fand es in den schottischen Highlands mit ihren Bergen und ihrer Menschenleere, ihren sprudelnden Bächen und samtenen Mooren, ihren verschlafenen spärlichen Dörfern, ihren mit der Natur verwachsenen Burgruinen und ihren schwarzdunklen Lochs, die eine undurchdringliche Tiefe erahnen liessen.

Natürlich kamen wir auch am Loch Ness vorbei, wo Touristen – schon damals – mit ihren Feldstechern nach der rätselhaften Seeschlange Ausschau hielten. Tag für Tag stiessen wir weiter vor. Wir schliefen in einer trutzigen, düsteren Ritterburg, die als Herberge diente, und wurden am frühen Morgen von einem schottischen Gast geweckt, der uns mit seinem Dudelsack unsanft, aber eindrucksvoll aus dem Schlaf riss. Wir trampten der zerklüfteten Küste entlang, erreichten Oban, ein Städtchen am Meer, assen Fish & Chips auf dem Marktplatz, übernachteten in der Jugendherberge beim Hafen, zusammen mit jungen Leuten aus aller Welt – und die Welt war damals die westliche Welt –, und setzten am nächsten Tag mit der Fähre zur Insel Mull über. Dort mieteten wir ein Ruderboot und wären von der Strömung fast ins offene Meer hinausgeschwemmt worden.

Noch heute habe ich eine gefühllose Stelle am Oberschenkel, die von unserem fieberhaften Versuch herrührt, zur Küste zurück zu rudern. Wir schafften es mit viel Glück, fühlten uns aber danach wie die letzten Binnenländer, die es nur der Gnade des Meeres verdankten, dass sie den rettenden Hafen erreichten.

Eigentlich hatten wir mehrere Tage auf Mull bleiben wollen, doch Nebel und Regen trieben uns aufs Festland zurück, wo wir uns an die Strasse stellten, die zurück in den Süden führte, der uns Sonne und Sommer verhiess. Doch bevor wir Schottland verliessen, hatten wir ein letztes Reiseziel vor uns, eine Stadt, die uns heute, Jahrzehnte später, mit Sicherheit zum Bleiben einladen würde. Damals war das noch anders – wie aus meinem Reisebericht hervorgeht:

«Im Lieferwagen eines Käselieferanten näherten wir uns Glasgow. Zweistöckige städtische Busse und ein Dunsthimmel, wie man ihn über jedem Industriezentrum findet, kündigten Schottlands grösste Stadt an; von weitem schon sahen wir unzählige rauchende Schornsteine. Der junge Mann, der uns mitgenommen hatte, machte uns in schwer verständlichem schottischem Slang auf die wichtigsten Gebäude und Fabriken seiner Stadt aufmerksam. Er tat es nicht ohne Stolz – doch ihm zustimmen konnten wir nicht. Glasgow strahlt eine schmutzige Trostlosigkeit aus. Wir fuhren durch Quartiere, in denen jedes Haus abbruchreif ist und schon längst nicht mehr bewohnt wird. Gähnende Fensterlöcher zeigen schonungslos das verbrannte oder sonstwie zerstörte Innere grauschwarzer Mauern, und übriggebliebene Ladenschilder im Erdgeschoss erinnern auf traurige Weise daran, dass hier einmal gelebt und gearbeitet worden war.»

«Mitten in diesen Elendsquartieren – man kann sie nicht anders nennen – lebt unser Fahrer, in einem zwar noch bewohnten, jedoch ebenso abbruchreifen Gebäude. Glücklich, fremden Gästen Einblick in sein Leben geben zu können, lud er uns zum Tee in die enge Wohnung ein. Er zeigte uns Fotos von seiner Familie, holte seine Münzensammlung hervor und breitete sie im bescheidenen kleinen Wohnzimmer vor uns aus.»

Das Erlebnis dieses Besuchs klang in mir lange nach, und ich versuchte es in meinem Bericht zu verarbeiten: «Man fragt sich, wie eine derart proletarische Existenz in einer Gegend ertragen werden kann, die sonst so naturverbunden und voll natürlichen Lebens ist. Wie kann man auf eine Stadt stolz sein, die mit ihrer Industrie und ihren Slums in einem so schreienden Gegensatz zu ganz Schottland steht?»

Wieder gab ich meiner Ernüchterung Ausdruck, dass die Welt nicht so rein und so unverfälscht war, wie ich sie mir ersehnte. Und der kritische Rückblick, den ich nach meiner Heimkehr verfasste, beschränkte sich nicht auf die Schattenseiten am Rande der Highlands. Ich ging überhaupt mit Schottland streng ins Gericht:

«Wir strebten dem Süden zu und erreichten mit einigem Stopperglück in einem einzigen Tag Englands südlichsten Süden, wo das Meer uns endlich zum Baden einlud. Cornwall war von Touristen vollständig überlaufen – doch in Schottland hatten sie mich viel stärker gestört: In die einsame, prächtige schottische Landschaft gehören keine roten, orangen und hellblauen Zelte und keine Wohnwagen, wie sie uns in Scharen begegneten. Schottland ist entdeckt. Unzählige Campingplätze, Hotels und neue Strassen sind nur der Anfang. Bald wird das Land durch den Tourismus restlos erschlossen sein.»

Fünfzehn Jahre dauerte es bis zu meiner zweiten Reise nach Schottland. Bei diesem zweiten Besuch fiel mein Urteil schon milder aus. Ich hatte unterdessen schmerzhaft gelernt, dass die Welt nirgends unverfälscht ist. Überall stiess ich auf Widersprüche und Gegensätze, doch ich konnte darüber hinwegsehen, wenn etwas anderes für mich wichtiger war.

Seit meiner Befürchtung, der Tourismus würde Schottland restlos erobern, sind viele Jahrzehnte vergangen. Hätte meine jugendliche Betroffenheit recht bekommen, dann wäre das Land hinter dem Hadrianswall heute ein einziger Campingplatz. Die rauhe Ursprünglichkeit läge begraben unter den roten, orangen und hellblauen Zelten. Wie tröstlich, dass sich die Dinge nicht so entwickelten. Ich bin sicher: Würde ich heute nach Schottland reisen, könnte ich es entdecken, als sei es immer noch unentdeckt.