Wie ich 1971 in Finnland an eine verbotene Grenze kam - und einige Tage später, wieder an einer Grenze, ein Symbol des Kapitalismus über den Stacheldraht warf. Aus der Serie «Als ich mich in die Welt verliebte. Chronik einer Leidenschaft» #32 von Nicolas Lindt.

An der Zonengrenze zur DDR in Travemünde, Juli 1971/© Nicolas Lindt

Jetzt, Jahrzehnte später, beim Lesen meiner Reiseeindrücke wird mir klar, dass ich in Finnland das erstemal romantische Gefühle bei mir entdeckte. Mein zunehmend kritisches Denken, das auch meine Empfindlichkeit gegen Kitsch förderte, konnte mich nicht davon abhalten, beim Anblick des Sonnenuntergangs über dem kleinen See in romantisches Schwärmen zu kommen. Vielleicht lag es daran, dass ich doch allmählich erwachsen wurde, denn Kinder finden eine untergehende Sonne einfach nur schön oder beachten sie gar nicht – während Erwachsene geradezu ein Gefühl, eine Filmmusik daraus machen.

Seit damals habe ich unzählige Sonnen prachtvoll untergehen sehen – und  wurde ihrer nie überdrüssig. Doch es war jener Moment am finnischen See, der mich darauf zu achten lehrte, jedem Sonnenuntergang meine Wertschätzung zu erweisen, einen Augenblick innezuhalten und das Schauspiel der Natur nicht zu verpassen. Jedesmal bewundere ich wieder das Bild, wenn der rote Ball auf den Horizont trifft und das warme Abendlicht ein letztes Mal aufscheint, bevor es der Dämmerung Platz macht.

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Noch etwas fällt mir auf, wenn ich meinen Bericht aus dem Sommer 1971 wieder zur Hand nehme. Mir kommt in den Sinn, was unerwähnt blieb, und ich kann es mir nicht erklären, warum ich gerade diese beiden Erlebnisse in meine Reiseeindrücke nicht aufnahm. Musste ich sie aus Platzmangel streichen? Jetzt will ich sie endlich erzählen, denn für mich sind sie fast die wichtigsten Erinnerungen an unsere Finnlandreise.

Eines Nachmittags auf unserem Weg zu den südöstlichen Seen bemerkte ich beim Betrachten der Karte, dass die Strasse, der wir folgten, direkt der finnisch-russischen Grenze entlang verlief. Im Auto des Finnen sitzend, der uns mitnahm, wurde ich unruhig. Mir wurde bewusst, dass dies der Eiserne Vorhang war – und dass wir uns dicht daneben befanden. Hinter dem Wald lag die Sowjetunion, das verbotene kommunistische Land. Nur wenige hundert Meter trennten uns von der Grenze.

Als ich ein Strässchen sah, das in den Wald hinein führte, wollte ich auf der Stelle aussteigen. Mein Reisegefährte war einverstanden, und der Finne hielt erstaunt für uns an. In seinen kaum verständlichen Worten riet er uns davon ab, zur Grenze zu gehen. Aber ich musste dahin, ich musste das Verbotene sehen.

Wir liefen dem Weg entlang ins Dickicht des Waldes, der immer dichter und dunkler zu werden schien, obwohl am Himmel die Sonne stand. Mutig ging ich voraus, während mir Thomas folgte, ein wenig zögernd, weil er zwar ebenfalls neugierig war, meine Faszination für die nahe Grenze aber nicht wirklich teilte. Als der Weg kein Ende zu nehmen schien, wurden auch meine Schritte zögerlicher – und als uns endlich ein Schild gebot, stehenzubleiben, verliess mich der Mut.

Wenige Jahre später bereits wäre ich wohl weitergegangen. Doch in diesem Moment war ich plötzlich wieder erst 17. Und weil Thomas für Umkehren war, war auch ich dafür, und wir kehrten um.

Doch die Anziehungskraft der verbotenen Grenze offenbarte ein Interesse in mir, das mein Leben bis heute prägt und begleitet: das Bedürfnis, Grenzen zu überschreiten. Besonders betroffen machen mich Grenzen, die Menschen von Menschen trennen. Meine Annäherung an den Eisernen Vorhang, so unspektakulär sie gewesen sein mochte, liess mich deshalb nicht los – und als wir auf unserer Rückreise im nördlichsten Norden Deutschlands von einem Autofahrer in Lübeck abgesetzt wurden, entdeckte ich auf der Karte, dass unmittelbar neben Lübeck, beim Badeort Travemünde die BRD direkt an die DDR grenzte.

Auch diesmal konnte ich Thomas dafür begeistern, den Abstecher an die Zonengrenze zu unternehmen. Hätte er nicht mitkommen wollen – ich wäre allein gegangen. Diese Grenze nun musste ich unbedingt sehen.

In Travemünde versperrte kein Wald den Blick auf die unüberwindbare Schranken zwischen den beiden Staaten. Die Grenze lag offen vor uns und zerschnitt den Strand in zwei ungleiche Teile. Der westliche Teil, auf dem auch wir uns befanden, war trotz des bewölkten Himmels bevölkert mit Badenden, Familien beim Picknick und Kindern, die zwischen den Strandkörben übermütig umherrannten – während der Ostteil des Strandes, abgesperrt und menschenleer, einen tristen und verlassenen Eindruck machte. Dazwischen erstreckte sich ein breiter, mit Stacheldraht unpassierbar gemachter Streifen Niemandsland, auf dessen östlicher Seite ostdeutsche Grenzschützer patrouillierten.

Zusammen mit meinem Reisegefährten stand ich vor dieser Absperrung, blickte aus dem lebendigen Teil des Strandes hinüber zum toten Teil – und erfasste zum ersten Mal mit eigenen Augen die Absurdität eines Systems, das seine Bevölkerung einsperren muss und zu diesem Zweck sogar einen Badestrand zur verbotenen Zone erklärt. Der schreiende Gegensatz zwischen den beiden Strandabschnitten machte mich wütend, und ich habe nicht vergessen, was ich dann tat. Als ich im Sand eine leere Cola-Flasche entdeckte, ergriff ich sie und schleuderte das Symbol des Kapitalismus in hohem Bogen in den Sozialismus hinüber.

Während ich nun diese Zeilen schreibe, sehe ich mir ein Video an, das im Januar 1990 den gleichen Strandabschnitt zeigt, unmittelbar nachdem die Hindernisse entfernt wurden. Hunderte von DDR-Bürgern, deutsche Fahnen schwenkend, kommen zu Fuss auf ihre Landsleute aus dem Westen zu, von denen sie schon erwartet und begeistert willkommen geheissen werden. Auf dem Strand von Travemünde, der jetzt wieder ein gemeinsamer Strand ist, vermischen sich die Deutschen von beiden Seiten und feiern eine spontane Wiedervereinigung.

Es sind eindrückliche Bilder, die etwas Selbstverständliches zeigen, und jüngere Generationen können es sich schon gar nicht mehr vorstellen, dass es während der DDR-Zeit 40 Jahre lang anders war. Aber ich habe den zweigeteilten Strand von Travemünde 1971 selber gesehen, und ich habe zehn Jahre später auch die Berliner Mauer gesehen. Als ich in Westberlin an der grauen Festungsmauer emporblickte, die eine ganze Stadt zerschnitt, war mein erster Gedanke: Das darf und wird nicht so bleiben. Eines Tages wird diese Mauer fallen. Doch am Strand von Travemünde konnte ich mir noch nicht vorstellen, wie sehr sich die Dinge ändern können. Ich sah einfach nur diese Sperre mitten in diesem harmlosen Badestrand und war voller jugendlicher Empörung.

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