Was ist, wenn wir das, was uns immer ausgemacht hat, nicht mehr tun können? Wenn wir nicht mehr in gewohnter Weise arbeiten, für andere da sein, Erfolg haben oder uns für eine bessere Welt einsetzen können? Wie treten wir in Würde zurück von dem, was uns immer Identität gab? Wodurch ersetzen wir die Anerkennung und das Gefühl, gebraucht zu werden? Und welche Qualität kommt dann in unser Leben und in unsere Wirksamkeit?
An einem kühlen Donnerstagmorgen in einem Café in Freiburg im Breisgau warte ich auf meinen alten Freund Wolf Bergmann. Bis letztes Jahr war der 82-Jährige noch viel auf dem Motorrad unterwegs, ein jugendlich-attraktiver Mann mit weissen Haaren und Lederjacke, überall dort anzutreffen, wo es um Veränderung und Gerechtigkeit geht. Unermüdlich setzte er sich ein, schrieb Petitionen, hielt Vorträge, rief zu Demonstrationen auf, gründete Gruppen zu Themen, die auch mir wichtig sind: für Frieden, Abrüstung, Demokratie, gegen Corona-Massnahmen, Digitalisierung, 5G, für ein ehrliches Miteinander und für mehr Heilung und Freiheit in der Liebe. Auch als Arzt arbeitete Wolf noch einmal pro Woche – ein echtes Vorbild.
Immer wieder habe ich bei ihm und seiner Frau übernachtet. Sie hat mit ihrer direkten, herzhaften Art ihre ostfriesische Teezeremonie zubereitet, während er von einer anderen Welt schwärmte. Wolf zählt zu den wenigen mir bekannten Männern, die spontan in Tränen ausbrechen können, wenn sie von Unrecht erfahren – etwa angesichts des von Deutschland unterstützten Völkermords in Gaza.
Doch seit einigen Monaten tritt Wolf nun kürzer. Den geplanten Besuch bei uns im Gut Nisdorf an der Ostsee hat er abgesagt, eine Motorradtour über die Alpen musste er abbrechen. Es ist das Herz, erklärt er mir, als er im Freiburger Café erscheint und sich mit seinem Tee an den Tisch setzt. Mehrmals während unseres Gespräches fragt er: «Der Kontakt mit dir ist so berührend – ob das meinem Herzen wohl gut tut?» Am Ende tut es ihm so gut, dass er sogar wagt, seiner alten Leidenschaft zu frönen: einen Espresso zu trinken. Auch mir tut es gut, von diesem Pionier des Älterwerdens zu hören, worauf es wirklich ankommt im Leben.
Das Interview stammt aus dem aktuellem Zeitpunkt, Nr. 185: Der grosse Umbau
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Zeitpunkt: Wolf, wofür hast du dich all die Jahrzehnte eingesetzt und warum?
Wolf Bergmann: Ich habe mein ganzes Leben lang nach Alternativen zum Kapitalismus und zum Patriarchat gesucht. Lange hat mich die Idee einer Revolution, einer Ablösung des Profitsystems, geprägt. Auch als Schulmediziner habe ich nach anderen Wegen gesucht. In der Homöopathie habe ich eine ganzheitliche, spirituelle Dimension gefunden, die mich bis heute begleitet. Ich bin Mitglied bei den Ärzten zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) und war in der Anti-Atom-Bewegung nach Tschernobyl und Fukushima aktiv. In München habe ich als Kassenarzt eine Liste demokratischer Ärzte gegründet, um gegen die alten Nazis in der Ärztekammer anzutreten. Später kamen Umweltthemen dazu, vor allem Mobilfunk und Gesundheit. Diese technischen Frequenzen greifen tief in unser biologisches System ein – bei Menschen, Tieren und Pflanzen.
Wenn du eine Bilanz ziehst – was hat der ganze Aktivismus gebracht? Gerade jetzt, wo wieder Atomkraft reaktiviert werden soll, Mobilfunk zunimmt, Kriege eskalieren und die Abhängigkeit von künstlicher Intelligenz wächst.
Die Not ist gross, und vieles von dem, wogegen wir gekämpft haben, kommt zurück. Aber in Resignation bin ich fast nie geraten. Ich habe da einen gesunden Trotz: Ich sehe, dass es den Bach runtergeht, aber ich will mir selbst treu bleiben.
Du hast aber auch Freundschaften verloren durch deinen Aktivismus.
Ja, das war schmerzhaft. In meinem Herzensprojekt, der Solidarischen Landwirtschaft in Freiburg, haben mich meine engsten Freunde rausgeschmissen, weil ich die offizielle Corona-Politik kritisiert habe. Aber dann kam noch einmal ein Thema zu mir, das mir neue Kraft gab: die Befreiung der Liebe von Angst, ein Thema, das ich durch die Friedensgemeinschaft Tamera in Portugal kennenlernte. So lange wir die Geschlechterliebe nicht heilen, wiederholen wir immer wieder die alten Muster von Krieg und Gewalt. Das hat mich auf meine alten Tage noch einmal richtig wachgerüttelt. Plötzlich wurde klar, warum so viele Projekte und Revolutionen scheitern. Das hat eine neue Begeisterung in mir ausgelöst.
Was hast du da konkret erfahren?
Bei einem Seminar habe ich eine Frau kennengelernt und mich total von ihr angezogen gefühlt. Ich sagte mir: «Diese Frau ist schön, erotisch und faszinierend.» Ich habe es ihr dann auch gesagt und dann auch meiner Frau. Das hat eine unglaubliche Freude freigesetzt und letztlich auch die Beziehung zu meiner Frau belebt. Sie hat meine Lebendigkeit gesehen und sich gefreut, dann aber gedacht, das gelte ihr gar nicht. Ihr Schmerz war heftig für uns beide, aber dann konnten wir es gut klären. Zu erleben, dass die Angst in der Liebe weggehen kann, belebt alles – die Beziehungen, die Lebensfreude, die Energie.
Jetzt spürst du, dass es Zeit ist, zurückzutreten. Was hat dein Körper dir konkret signalisiert?
Ich hatte starke Schwindelanfälle und vor allem schwere Herzrhythmusstörungen – Vorhofflimmern und Vorhofflattern. Ich war in der Herzklinik, bekam Elektroschocks, aber die Symptome kamen zurück und wurden lebensbedrohlich. Da habe ich verstanden: Ich kann nicht mehr weitermachen wie bisher. Es könnte jeden Moment zu Ende sein. Ich nenne mich jetzt «Rentner und Ältester in Ausbildung». Nicht ganz freiwillig.
Wie haben sich deine Beziehungen verändert, wo du nicht mehr so aktiv bist?
Als ich fast alle Aktivitäten abgegeben habe, bin ich erst einmal in ein Rentnerloch gefallen: «Ich bin nichts wert, keiner liebt mich.» Aber langsam drehte es sich. Eine Freundin aus einem Arbeitskreis hier in Freiburg hat gesagt: «Indem du weniger tust, gibst du uns Gelegenheit, dich mehr zu lieben.» Das hat zuerst etwas gerieben, aber es stimmt: Mein ganzes Leben habe ich geglaubt, ich müsse mir die Liebe durch Tun verdienen.
Ich habe dann zu meiner Tochter gesagt: «Stell dir vor, ich hätte jetzt noch zwei Monate zu leben – was wollen wir noch klären?» Das Gedankenspiel hat die Tür weit geöffnet. Sie sagte: «Durch deinen Aktivismus ist mir oft mein Vater abhandengekommen.» Das hat mich getroffen. Gleichzeitig hat es etwas geheilt, weil sie es so offen aussprechen konnte.
Zunehmend spüre ich Erleichterung und Befreiung. Die Begegnungen haben jetzt eine andere Qualität – authentischer, herzlicher, tiefer. Eine junge Frau hat mir nach einem Gespräch ein Gedicht geschickt: «Ich verlangsame meinen Schritt, kehre ein in ein Sein.» Genau das passiert gerade mit mir.
Ist Tun nicht auch ein Teil des Seins? Oder sind die beiden Gegensätze?
Von Herzen bin ich dem Wunsch nach Veränderung immer noch verbunden. Aber mein Beitrag ändert sich. Als Ältester geht es nicht mehr nur ums Machen, sondern ums Bezeugen, Ermutigen und um die Resonanz mit dem Inneren. Ich vertrete jetzt stärker diesen Kontakt zum Inneren und schenke ihn weiter. Eine Freundin sagte: «Geh du mal voran mit deinem Sein, dann kannst du uns von da aus einladen, innezuhalten.» Das fühlt sich richtig an.
Was ist deine neueste Entdeckung?
Meine Herzensfreundin besuchte uns zusammen mit ihrem Mann und sagte mir zum Abschied: «Fühle dich geliebt!» Das löste so viel in mir aus! Auf einmal spürte ich: Ich habe mich noch nie wirklich geliebt gefühlt. Es nützt nichts, mich anzustrengen, um geliebt zu werden, wenn ich mich nicht selber liebe. Und wenn ich mich selber liebe, muss ich mich nicht anstrengen, geliebt zu werden. So einfach! Jetzt mache ich mir das grosse Geschenk, mich selbst zu lieben. Und auf einmal nehme ich wahr, wieviel Liebe mir entgegengebracht wird.
Vielen Dank, Wolf, für das berührende Gespräch. Wir bleiben in Kontakt – immer wieder hier auf Erden. Und irgendwann auch über die Grenze des Dies- und Jenseits hinweg.