Es sind oft einzelne Persönlichkeiten, die uns Mut machen und uns wieder an das Gute im Menschen glauben lassen. Einer dieser Menschen ist für mich Ingrid Frank (62), eine Weberin, die im Heilbronner Raum in Baden-Württemberg lebt, wirkt und webt. In einem kleinen Teilort von Brackenheim hat sie ein grosszügiges Webatelier, das ausserdem Webschule und Spezialgeschäft in einem ist. Ingrid bietet Wolle und Garne in vielen Farben und Qualitäten an.
Im Atelier stehen grosse Profi-Webstühle, auf denen Teppiche gewebt werden, aber es gibt auch kleinere Webstühle für Schals, Bänder, Taschen. In einer Ecke steht ein grosser ovaler Tisch mit zahlreichen unterschiedlichen Stühlen. Hier haben viele Menschen Platz und können Tee trinken. Man merkt gleich: Kommunikation ist Ingrid sehr wichtig. Sie mag Menschen und lädt auch regelmässig zu einer offenen Werkstatt ein: Jeder ist willkommen, auch wenn er «nur» reden möchte.
An den Wänden und auf den Regalen sind bunte Webarbeiten aufgehängt und ausgestellt. Ursprünglich hat Ingrid, die mit ihren Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern gleich per Du ist, eine Ausbildung als Erzieherin absolviert. Aber nach Beendigung ihrer Ausbildung schwappte gerade eine Erzieherwelle, und die zierliche junge Frau musste sich erst einmal eine andere Beschäftigung suchen.

Die Wirkung der Waldenser
In ihrem Nachbarort leben Nachkommen der ehemaligen Waldenser. Das sind evangelische Glaubensflüchtlinge, die sich aus Italien nach Württemberg aufmachten, weil sie in ihrem Heimatland verfolgt und dann vertrieben wurden. Der württembergische König gewährte ihnen Aufnahme. Alle Waldenser, die 1699 bis 1701 nach Württemberg kamen, stammten aus dem Chisonetal. Dieses Tal liegt im Piemont auf der italienischen Seite der Cottischen Alpen.
Die Nachkommen dieser Waldenser spielen in Ingrids Leben eine entscheidende Rolle. Zuerst einmal fuhr sie mit ihnen in die Gegend von Turin, wo eine Kirche der Waldenser existiert: Etwa 150 Jahre – und zwar bis 1848 – lebten die evangelischen Christen dort im Ghetto.
Heutzutage bieten sie dort verschiedene soziale Projekte an. Ihr gefiel es in der christlichen Gemeinschaft so gut, dass sie anfing, in der «Chiesa Valdese» mitzuarbeiten, und zwar im internationalen und ökumenischen Zentrum «Agape», das Seminare und über den Sommer ein Friedenscamp veranstaltet.
Später wechselte Ingrid für ein freiwilliges soziales Jahr in eine Tageseinrichtung für Ältere vor Ort. Und als der Leiter sie fragte, ob sie dort als Beschäftigungstherapeutin arbeiten könne, sagte sie einfach ja. Als er sie dannfragte, was sie denn da genau machen wolle, war ihre Antwort: Weben. Dabei wusste sie noch gar nicht sogenau, wie das ging.
Ein alter Webstuhl zog sie in ihren Bann
Ingrid lernte natürlich auch italienisch und fuhr manchmal in die naheliegende Stadt Pinerolo zum Einkaufen. In einem Ladenfenster in einem kleinen Gässchen sah sie einen alten Webstuhl, der sie immer wieder magisch in seinen Bann zog. Sie drückte sich ihre junge Stupsnase an der Scheibe platt und bestaunte dieses bewegliche Wunder aus Holz dann auch im Laden.
Sie wusste damals noch nicht, dass sie damit eine entscheidende Spur aufgenommen hatte. Als sie aus Italien zurück ins Schwabenländle kam, stand eines für sie fest: «Ich wollte Weberin werden und besuchte die Fachschule für Weben und Webgestaltung in Sindelfingen. Dort lernte ich alle Arten von Webstühlen kennen, kleine und grosse. Das Weben ist ein ganzes Universum!»
Nach der Ausbildung zur Handweberin ging Ingrid «auf die Walz». Da sie sich bereits zu Hause für die Anti-Apartheid-Bewegung engagiert hatte, ging sie 1991 für ein Jahr nach Südafrika und war dort als Weberin sehr gefragt. Aufträge waren da, aber die Webstühle waren nicht in Ordnung. Ingrid reparierte sie und liess sich sogar Ersatzteile aus Deutschland schicken.
«Ich wollte ursprünglich nach Skandinavien, aber ich habe in Afrika viele Einblicke in die politische und wirtschaftliche Situation eines Schwellenlandes bekommen. Und dafür hat sich dieser Aufenthalt gelohnt. Wenn man vor Ort ist, erfasst man die komplexe Situation viel besser.»
Selbständigkeit als Weberin
Zurück aus Südafrika machte sich die Weberin bald selbständig und webte Tragetücher für Babys, Tischdecken aus Leinen, Schals, Teppiche, insbesondere runde Teppiche, die sind ihre Spezialität. Während unseres Gesprächs zeigt Ingrid auf ein Foto, das sie als junge, zierliche Frau mit Lockenkopf ganz am Anfang ihrer Selbständigkeit zeigt. Die 29-Jährige sitzt an einem grossen Webstuhl und strahlt.
Ingrid hat zwei Kinder: «Meine Kinder sind in der Werkstatt gross geworden». Ausserdem schulte sie Praktikanten, ging auf Kunsthandwerkermärkte, bot Mitmachaktionen in der Gemeinde an, erweiterte ihr Kurs-Repertoire auf Spinnen, Färben und Filzen.
Ihr war von Anfang an klar, dass sie Webkurse geben wollte – und sie tut das bis heute, in ihrem Atelier und auch in der Grundschule im Nachbarort. Die Grundschüler hängen an ihrer Weblehrerin, denn sie hat wirklich eine Engelsgeduld.
Ich habe es selbst erlebt. Sie kennt die Tricks, wie man Webfehler behebt. Wobei sie meint, dass ein Webstück gerne einen «Demutsfehler» behalten darf. In der Grundschule wird nicht nur gewebt, sondern auch die Rohwolle verarbeitet, Projekte veranstaltet, und die Schulklassen kommen auch zu ihr ins Atelier. Seit neuestem bietet Ingrid auch eine Weberausbildung an. In ihrer freien Webschule, die vom Regierungspräsidium anerkannt ist, gibt es zwei Klassen mit jeweils sechs Schülern und Schülerinnen.
Die Suche nach einem geeigneten Webrahmen
Lange war Ingrid mit ihren Webrahmen für die Kurse nicht ganz zufrieden. Sie waren etwas unpraktisch und nicht professionell genug. Eines Tages suchte sie im Internet auf Italienisch nach einer Frage zum Weben. Und es war wie eine Fügung, dass sie in der Waldenserhauptstat Torre Pellice auf Matteo Salusso stiess, der erstklassige Handwebrahmen produziert.
Ingrid findet sie ganz prima: «Es sind die besten auf der Welt. Sie sind sehr professionell und werden auch von Profi-Handwebmeisterinnen verwendet. Auch meine Schulklassen und Kursteilnehmer kommen damit gut zurecht.»
Mit Matteo, dessen Vater die Webrahmen selbst entworfen und optimiert hat, steht die Schwäbin seitdem in enger Verbindung. Sie treffen sich regelmässig und entwickeln zusammen neue Webtechniken. «Als ich Matteo einmal von dem alten Webstuhl erzählte, der mich vor Jahren in Pinorolo so magisch angezogen hat, sagte er: Den hat mein Vater gebaut.» Ingrid lächelt versonnen und nimmt einen Schluck Tee.