Noch ein Buch, das den Zerfall des Westens beschreibt – diesmal aus wirtschaftlicher kapitalismuskritischer Sicht – und auch wenn wir uns noch nicht vorstellen können, wie die Welt danach aussieht, können wir die Fakten kaum noch leugnen.
«Die Weltordnung zerfällt vor unseren Augen, während wir ihr im Westen ängstlich, verunsichert und nicht ohne eigenes Zutun dabei zuschauen.» So beginnt «Zerfall der Weltordnung. Die Ignoranz des Westens und der Aufstand des globalen Südens» (Westend Verlag, 2026). Patrick Kaczmarczyk, deutscher Ökonom und Politikwissenschaftler, beschreibt darin den historischen Bruch mit der seit 1945 und nach 1991 noch einmal verstärkt dominierenden westlich-zentrierten Weltordnung – einer Ordnung, die der Autor als zutiefst asymmetrisch, neokolonial und ideologisch erstarrt charakterisiert. Sie zerfalle nicht primär durch äussere Feinde, sondern durch die strukturelle Ignoranz und Realitätsverweigerung des Westens selbst. Marktliberale Dogmen, neokoloniale Strukturen in Finanz- und Handelssystemen sowie massive globale Ungleichgewichte haben über Jahrzehnte eine explosive Spannung aufgebaut, die sich nun Bahn bricht.
Wir glauben, eine besonders gutmütige Rolle in der Welt zu spielen, doch der Rest der Welt sieht uns anders.
Während der globale Norden (vor allem USA + EU) weiterhin versucht, die alten Regeln selektiv durchzusetzen («rules-based order», solange sie ihnen selbst nützlich ist), organisiert sich der globale Süden zunehmend selbstbewusst und institutionell eigenständig. Die BRICS-Erweiterung, alternative Zahlungssysteme, Rohstoff-Allianzen, neue Entwicklungsbanken und die Abkehr vom US-Dollar als alleiniger Reservewährung sind für Kaczmarczyk Symptome eines viel tieferen Wandels.
Nach Kaczmarczyk glauben die Hegemonialmacht USA und ihrer Vasallen in ihrer Arroganz weiterhin, die Weltwirtschaft und die internationalen Institutionen (IWF, Weltbank, WTO) als Machtinstrumente beliebig einsetzen zu können: Sie üben fleissige Doppelmoral bei Sanktionen, Handelsregeln, Klimapolitik und Schuldenfragen. Der Neoliberalismus wird dabei trotz offensichtlicher Fehlschläge – siehe Finanzkrisen, Deindustrialisierung, wachsende Ungleichheit, Lieferketten-Katastrophen – weiter als universelle Heilslehre verkauft. Statt auf Augenhöhe mit aufstrebenden Mächten zu verhandeln, setzt man auf Konfrontation, Technologie-Blockaden und militärische Machtdemonstration. Kein Wunder, dass das zu einem Frust des aufstrebenden neuen Wirtschaftsmächte führt.
Mit dem «Aufstand» des globalen Südens zeichnet Kaczmarczyk kein Bild einer idealistischen Revolution, er beschreibt vielmehr einen pragmatischen, interessengeleiteten Emanzipationsprozess: Länder wie China, Indien, Brasilien, Südafrika, Indonesien, Saudi-Arabien, VAE, Ägypten etc. wollen nicht mehr nur die Juniorpartner der ehemaligen Kolonialmächte sein. Sie streben multipolare Strukturen an, in denen mehrere Währungszentren, Zahlungssysteme und Sicherheitsarchitekturen koexistieren.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht unbedingt eine Ideologie, sondern der Wunsch nach wirtschaftlicher Souveränität in Bezug auf Nahrungsmittel, Energie, Technologie, Finanzen.
Gleichzeitig warnt Kaczmarczyk: Diese Emanzipation könne auch in sozialdarwinistische Machtkämpfe und neue Abhängigkeiten münden, wenn keine gerechteren globalen Spielregeln entstehen.
«Wir merken nicht, wie oft wir uns in Widersprüche verrennen, die in den Augen der übrigen Welt unsere Glaubwürdigkeit untergraben: Wir stehen einerseits für eine regelbasierte Ordnung ein, attackieren andererseits aber die Institutionen der globalen Judikative, wenn deren Urteile nicht in unser Weltbild passen. Wir sehen uns einerseits als Verfechter des freien Marktes, haben andererseits aber keine Probleme, unsere Wirtschaft durch Protektionismus und Interventionen zu schützen. Einerseits werfen wir anderen Ländern vor, mit Exportüberschüssen gegen die Regeln des Freihandels zu verstossen. Andererseits sind wir stolz auf unsere eigenen Überschüsse, die alles übersteigen, was man in den grösseren Volkswirtschaften dieser Welt finden kann. Einerseits setzen wir in unserer Rhetorik auf Partnerschaften auf Augenhöhe in den Nord-Süd-Beziehungen, wollen andererseits aber in der Praxis an neokolonialen Wirtschaftsabkommen und -strukturen nichts ändern. Primär geht es uns weiterhin um den Zugang zu Rohstoffen, wobei wir nun statt fossiler Energie lieber grüne Energie importieren würden. Einerseits halten wir demokratische Werte hoch. Andererseits geht es uns gehörig gegen den Strich, dass andere Staaten in der internationalen Ordnung mehr Mitsprache fordern.»
Die Beziehungen zwischen dem Westen und dem globalen Süden hat Kaczmarcyk intensiv studiert, war er doch in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit tätig, unter anderem für die Welthandels- und Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen (UNCTAD), wo er zu Fragen der Schulden- und Entwicklungsfinanzierung arbeitete und Projekte in Ostafrika sowie im Nahen Osten begleitete.
Kaczmarczyk schreibt aus einer kapitalismuskritischen Perspektive. Anhand klarer Analysen zu Finanzmärkten, Handelspolitik, Schulden und internationalen Institutionen legt er offen, weshalb das bisherige System ins Wanken geraten ist. Zugleich skizziert er, welche Reformen notwendig wären, um den drohenden Rückfall in internationale Anarchie zu verhindern. Er plädiert dafür, dass der Westen endlich aufwacht, die neue Machtrealität akzeptiert und auf Verhandlung auf Augenhöhe statt auf Hegemonialanspruch setzt – bevor die Türen für eine kooperative Lösung endgültig zufallen. Ein Buch für alle, die verstehen wollen, wie sich die Machtverhältnisse verschieben – und was das für die Zukunft der Welt bedeutet.
«Zerfall der Weltordnung. Die Ignoranz des Westens und der Aufstand des globalen Südens» (Westend Verlag, 2026)