Wo die Gewissheiten vergehen, möchte das neue, lebendige Denken entstehen
Wo bitte geht es zur Sicherheit? fragten wir unsere LeserInnen. Die heutige Antwort beleuchtet den Weg der Freiheit von Rudolf Steiner.
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Das Eis der Sicherheit schmilzt - was kommt darunter zum Vorschein?

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Auch die Gewissheiten, mit denen ich als Geograph, Forscher und Bürger jahrzehntelang gearbeitet habe, sind am Ende. Auf der Suche nach einer Erklärung, begann ich, mich mit der Philosophie der Freiheit von Rudolf Steiner zu befassen. Im Ende der Gewissheiten erkannte ich einen notwendigen und zukunftsweisenden Schritt der individuellen und gemeinschaftlichen Entwicklung. In ihm liegt der Keim zu einem neuen Bewusstsein, das mein Denken, Fühlen und Wollen mit neuem Leben und einer wahren Freiheit erfüllt. Die wichtigsten Wegmarken auf diesem Erkenntnisweg, fasse ich hier zusammen.

Das unwissenschaftliche Fundament der Wissenschaft

Die Philosophie der Freiheit zeigt auf, dass alle so genannten wissenschaftlichen Tatsachen, auf philosophischen Annahmen oder Axiome aufgebaut sind, die nicht weiter überprüfbar seien. Das zentrale Axiom der Moderne ist der Materialismus, der glaubt: Das einzig Reale sei die Materie. Daraus entstanden die abstrakten, auf die tote Materie fokussierten Wissenschaften. Ihr Menschenbild postuliert das Axiom: Der Mensch und seine Gesellschaften können nicht frei sein, da unser Denken, Fühlen und Wollen, über komplexe, materielle, neurologisch-psychologische Prozesse gesteuert würden. Das materialistische Denken erwies sich als sehr wirksam bei der unendlichen Steigerung des materiellen Wohlstandes. Beim Versuch, das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen über die Logik des toten Denkens zu steuern, hat es komplett versagt. Das Fehlen des lebendigen Denkens ist deshalb der wahre Grund für das Ende der Gewissheiten.

Wissenschaft abschreiben?

Nein, das Positive an der Wissenschaft sind nicht ihre fiktiven und lebensfremden Gewissheiten. Das Bleibende ist die aus der Wissenschaft entstandene Fähigkeit jedes einzelnen Menschen zur eigenen, bewussten und genauen Beobachtung der Phänomene, die in und um uns ablaufen. Das ist der nächste, geniale Schritt in der Philosophie der Freiheit: Wir verwenden die Fähigkeit der bewussten Beobachtung von inneren und äusseren Phänomenen nicht mehr zur Formulierung von lebensfremden Axiomen, sondern wir erforschen uns selbst. Wir machen uns, als Menschen mit einem materiellen Körper, Seele und Geist, zum Gegenstand der eigenen Erkenntnis. Anstatt zu fragen, was die Wissenschaften über uns und die Welt sagen, erforschen wir an und in uns selbst, was wir über uns und die Welt wissen möchten.

Was ist Erkenntnis?

Das ist die zentrale Frage der modernen Philosophie. Was ergibt sich, wenn ich mein eigenes Denken, Fühlen und Wollen oder Handeln bewusst beobachte, um herauszufinden, wie ich zur Erkenntnis der Welt und mir selbst komme?

Wahrnehmung und Denken

Die Philosophie der Freiheit gibt uns eine Methode zur Beobachtung des eigenen Denkens. Ich erkenne so, dass mein Denken kein Produkt von komplexen neurologischen und psychologischen Prozessen ist, wie die Wissenschaft behauptet. Es zeigt sich mir als eine authentische, von mir bewusst ausgeführte, geistige Tätigkeit, die ich willentlich entfalten kann. Es steht im konstanten Wechselspiel mit meinen Sinneswahrnehmungen. Denken ich mich in die Lebensprozesse hinein, z.B. in dem ich mir vorstelle, wie aus einem Samenkorn eine Pflanze heranwächst, dann erfahre ich, wie sich das Denken aus der Abstraktheit der Begriffswelt herauslöst. Es gerät in eine beobachtbare Bewegung und verwandelt sich so in ein lebendigeres Denken, das der Lebenskraft der Pflanze ähnlich ist. Ich erlebe mich als ein Erkennender in zwei objektiven Welten: die Welt der Sinneswahrnehmungen und die Welt der Begriffe und Ideen. In der Erkenntnis verbinde ich sie miteinander. Als Mensch stehe ich nicht ausserhalb von Natur, Seele und Geist, sondern mittendrin!

Und das Fühlen?

Die Selbstbeobachtung meines Fühlens verweist auf drei Quellen: In der materiellen Welt meines Körpers fühle ich, z.B. wenn ich Fieber habe, die erhöhte Temperatur; ich nehme sie sinnlich wahr und verbinde sie mit dem Begriff der Erkältung. Eine zweite - seelische - Gruppe von Gefühlen wird ausgelöst von Gedanken oder Vorstellungen, die mir sympathisch oder unsympathisch erscheinen. Die dritte Quelle von Gefühlen wird ausgelöst, wenn ich beobachten lerne, was ich empfinde, wenn ich denke. Ich bemerke, dass im Denkprozess die Begriffe und Ideen mit einer zarten, nur innerlich wahrnehmbaren «Bewegung» verbunden sind. Empfinde ich diese «Gedankenbewegungen» als harmonisch, rund und ineinanderfliessend, erscheint mir das Denken lebendig; in meiner Seele steigt eine Art von Wahrheitsempfinden auf. Das ist ein wertvoller Kompass bei der Suche nach dem lebendigen Denken: Was wir an Gedanken aus der Selbsterkenntnis erzeugen, tritt in Resonanz mit der Wahrheitsempfindung und gibt uns einen Hinweis, wie weit ich schon im Bereich des lebendigen Denkens bewege, bei dem Kopf und Herz in der Erkenntnis zusammenspielen. Das lebendige Denken ist erfahre ich als ein «Denken mit dem Herzen», das aus dem Scherbenhaufen der Gewissheiten hervortreten möchte.

Unterwegs zum freien Handeln

Die Beobachtung meines eigenen Wollens und Handelns lässt mich mich selbst als ein sich ständig wandelndes Wesen erfahren. Über den Erkenntnisprozess erhalte ich ein Wissen über die äusseren Bedingungen, die mit meinem seelisch-geistiges Innenleben in konstanter Wechselwirkung stehen. Ich bemerke, dass ich je nach Lebenssituation, triebgetrieben, emotional, egoistisch, materialistisch, altruistisch, rationalistisch, ideell oder intuitiv handle. Ich kann in jedem Moment erkennen, ob ich mehr oder weniger frei von Trieben, Konventionen, Gesetzen, Erfahrungen, vorgegeben Ideen handle. Die Bandbreite von Handlungsmotiven zeigt mir, dass ich ohne Denken und Fühlen nicht handeln kann. Ich werde gewahr: Wenn ich mein Denken und Fühlen hin zum lebendigen Denken mit dem Herzen erweitere, eröffne ich mir neue und immer freiere Handlungsmotive.

Im Endpunkt der Selbstbeobachtung meines Wollen und Handelns erkenne ich, dass die höchste Form des freien, lebendigen Denkens in der moralischen Intuition besteht. Die kommt zustande, wenn ich mich von allen leibgebundenen Motiven (Trieben, Vorlieben und Vorstellungen) löse und über mein lebendiges Denken den Impuls zur Handlung aus der geistigen Welt der Ideen heraushole. Ich handle dann so, dass ich aus der geistigen Welt einen neuen Gedanken in mein irdisches Leben hineinbringe, der so von mir noch nie erfasst wurde. Damit dieser Gedanken einen Weg in das irdische menschliche Leben finden kann, versuche ich – mittels der moralischen Fantasie – die dazugehörigen Begriffe zu finden, die es mir erlauben, den Weg ins reale Leben zu finden. Mit der «moralischen Technik» erschaffe ich zum Beispiel eine neue Organisation oder baue eine Maschine, die es erlauben den frei aus der geistigen Welt herausgeholten Impuls im realen Leben wirksam werden zu lassen.

Der skizzierte Erkenntnisweg eröffnete mir ein Wissen über mich und die Welt, das keine Axiome mehr braucht. Selbsterkenntnis ist nie hypothetisch, sondern immer erlebte Erfahrung. Die Steigerung der Selbsterkenntnis bis zur Möglichkeit der freien Tat aus der moralischen Intuition heraus weist uns den Weg zum lebendigen Denken. Wir erschaffen es, indem wir die fiktiven und oft auch verlogenen Gewissheiten der Moderne hinter uns lassen.

Stephan Rist

Stephan Rist

Stephan Rist hat Agrarwissenschaften an der ETH studiert und dann für das Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (Schweiz) und der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit, während neun Jahren am internationalen Projekt «Agarökologie Uni Cochabamba» (AGRUCO) gearbeitet. Nach seiner agrarsoziologischen Doktorarbeit an der Technischen Universität München, wurde er Professor für Humangeographie an der Uni Bern. Dort hat er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2021, gearbeitet. Im gleichen Jahr hat er als Gründungsmitglied geholfen die «Akademie Freiheit – Lebenswelt» aus der Taufe zu heben. Die Akademie setzt sich für die innere und äussere Befreiung ein. Dazu fördert sie die ganzheitliche Bildung und Wissenschaft. Diese wird verstanden als Beitrag zu einem innerlich und äusserlich wirklich freien Geistesleben (Bildung, Wissenschaft, Gesundheit, Medien, Kultur), einem solidarisch-brüderlichen Wirtschaftsleben, sowie zu einem demokratischen Staatsleben, welches sich auf die Erhaltung der für alle gleich geltenden Grundrechte beschränkt, sowie die Freiheit des Geisteslebens und die Autonomie der solidarisch organisierten Wirtschaftswelt respektiert.

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