Wo bitte geht es zur Sicherheit? / 2
Zum Thema der neuen Zeitpunkt-Ausgabe «Das Ende der Gewissheit» stellten wir unseren LeserInnen diese Frage. Aus den vielen Antworten können wir nur eine kleine Auswahl gekürzt ins Heft aufnehmen. Hier kommen ausführlichere Antworten. Danke für Ihre Gedanken und Beiträge!
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Das Eis der Sicherheit bricht - was kommt darunter zum Vorschein?

...Der neue Zeitpunkt «Das Ende der Gewissheit» erscheint am 19. Februar. Sie können ihn für Fr./€ 10.– statt 15.- bestellen. Das Angebot ist gültig bis 16. Februar.


Unsicherheit aushalten

Man kann und sollte heute lernen Unsicherheit und Lösungslosigkeit eine (längere) Zeitlang auszuhalten. Ansonsten hilft vielleicht ein Hinweis v. Rudolf Steiner (1861 - 1925): «Es gehört zu dem, was wir in dieser Zeit lernen müssen: aus reinem Vertrauen leben, ohne jede Daseinssicherung, aus dem Vertrauen in die immer gegenwärtige Hilfe der geistigen Welt. Wahrhaftig, anders geht es heute nicht, wenn der Mut nicht sinken soll.»
Reinhold Junele, Steffisburg


Menschenkenntnis statt Kodexe

Liebe MitarbeiterInnen vom Flüchtlingszentrum,
seit einer Woche finden meine Deutschstunden recht guten Anklang, und gerne will ich sie weiter anbieten.
Nun aber sollten wir ehrenamtliche Helfer etliche Dokumente durchlesen und unterschreiben. Diesen Aufwand finde ich übertrieben, und ich ersetze ihn lieber durch direkte Gespräche.
Denn die überall grassierende Zertifizierungskultur mag ursprünglich gut gemeint sein, gaukelt aber eine simple Scheinsicherheit vor. Sie baut letztlich sogar ab, was wir selbstverständlich entwickeln und pflegen sollten: eine gute Beobachtungsgabe und ein gesundes Empfinden für die Vertrauenswürdigkeit der Mitmenschen. Dies wird uns leider schon in den ersten Lebensjahren ausgetrieben. Eine lebenserfahrene Menschenkenntnis ist jeder schriftlichen Bescheinigung haushoch überlegen. Wir müssen in Zukunft unsere üblichen hilflosen Bemühungen um ausgeklügelte Kodexe und Zeugnisse völlig anders zur Förderung lebenspraktischer Empathie einsetzen.
Verständnisvoll, aber entschieden grüsst euch herzlich
Ruedi Höhn, Winterthur


Ein gutes Leben

Es ist kaum auszuhalten. Jeden Tag neue Berichte über Gräueltaten, Machtmissbrauch und tödlicher Gewalt. Lokal und weltweit. Und die die von uns oder selbstgewählt die Aufgabe haben, das zu regeln, schaffen es nicht, weil eigene oder fremde Interessen sie blockieren und sie darin verhindern. 
Es wird mich niemand davon überzeugen können, dass wir nicht wissen, was wir tun und was zu tun wäre. Denn in dieser hoch globalisierten Welt, in der wie jetzt leben, wissen die meisten von uns, ob wir es wollen oder nicht, was, auch in den entferntesten Ecken der Erde, gerade jetzt, gerade vorher oder bis lange zurück passiert oder stattgefunden hat. Nur ein sehr BEWUSSTES Wegschauen würde das «Nichtwissen» ermöglichen. Opfer gleich Täter.
Im Grunde wissen wir also genau, um was es geht, wenn was schief läuft. Und wir haben (oder hatten) alle eine innere Stimme, die uns sagt, was richtig und was falsch ist. Wir besitzen ein inneres Rechtsgefühl und ein Gewissen. Wir müssen nur mal daran denken, wie wir selber gerne behandelt werden möchten. Es bracht nur die hochbesungene aber selten praktizierte Nächstenliebe, um alles wieder ins Lot zu bringen. Denn wir haben die Wahl, auch wenn das nicht immer «gratis» ist, wie wir auf diese Ereignisse reagieren. Wir können nicht über das Verhalten der Anderen bestimmen, aber wir können unser Umfeld deutlich zeigen, was wir darüber denken und selber ein Beispiel sein und so den Schmetterlingseffekt benutzen. Und was wir aus Überzeugung statt unter Zwang machen, hat eine ganz andere Wirkung auf uns und auf die Anderen. Wir sind keine Inseln. Wir brauchen einander.
Ich habe die 80 gerundet und wenn ich zurückblicke sehe ich diese allzu schnelle Veränderung in der Art, wie wir heute leben, als eine der wichtigen Gründe unseres Dilemma. In Prinzip bräuchten wir ein Update / Reset. Neue Strategien.
Meine Strategie: Ich hatte das grosse Glück, Eltern und Geschwister zu haben, die mir die Freiheit unter Verantwortung mich so zu entwickeln, wie ich für richtig hielt, erlaubten. Ich brauchte aber trotzdem fast 40 Jahre, bis ich wusste, wer ich bin. Es war kein leichtes Unterfangen, denn es gab ja auch andere Leute um mich herum. Ich habe die Wahl getroffen, dass es mir wichtiger ist, dass ich mich selber mag, als von den anderen gemocht zu werden, wenn ich mich dann verstellen muss, um akzeptiert zu werden. Auch dass ich nie aufhören will, dazu zu lernen und begeisterungsfähig bleibe und eher schätze, was ich habe, als daran zu denken, was mir noch fehlt. Rückblickend kann ich sagen, dass ich ein gutes Leben hatte bis jetzt. Das es mir wert war und ist. Und dass mein Verhalten mehrheitlich respektiert und geschätzt wird. Meine Familie und meine Freunde nehmen mich so, wie ich bin, und wir können über alles reden.
Deshalb stehe ich dafür ein, die menschliche Werte hochzuhalten und dafür einzustehen. Das Wissen, um das, was wir WIRKLICH brauchen, das Wesentliche, um ein gutes Leben zu haben, auch in die Tat umzusetzen. Wir müssen realisieren, dass wir alle, gleich welche Hautfarbe, Religion oder Ausbildung, mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben. Fremd sein, kann auch eine Chance sein. Das Aufteilen, die Spaltung in immer mehr Untergruppen ist sehr gefährlich. Fremd gleich Feind ist tödlich. Wir alle brauchen wohlwollend wahrgenommen zu werden in Respekt, Vertrauen, Sicherheit und Liebe. Schwingungen des Misstrauens schaden, und die genommene Macht trennt, statt verbindet, und sie ist sehr instabil.
Es wäre so einfach, wenn nicht etwas oder jemanden uns blind, taub, gefühllos und damit manipulierbar gemacht hätte. Es ist wichtig, zu lernen dieser neuzeitlichen «Brot und Spiele»-Trick zu durchschauen und zu durchbrechen. Es ist höchster Zeit für uns, bevor alles verloren ist, aufzuwachen und uns auf die wirklichen Werte zu konzentrieren. Und zu zeigen, dass es auch anders geht. Wenig vom Herzen ist besser als nichts, und nur zusammen sind wir stark. Wir dürfen nicht aufgeben. Denn wenn wir es nicht schaffen, haben wir dieses Geschenk, das Leben, einfach nicht verdient!
Roger Willemsen hat geschrieben: «Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden. Voller Informationen, aber ohne Erkenntnis. Randvoll mit wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten…»
Möchten wir wirklich, dass es so ausgeht?
Auch ohne Gewissheit oder Sicherheit müssen wir das tun, was wir können und woran wir glauben.
Anders Vesterby

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