Wo bitte geht es zur Sicherheit? / 8
Zum Thema der neuen Zeitpunkt-Ausgabe «Das Ende der Gewissheit» stellten wir unseren LeserInnen diese Frage. Aus den vielen Antworten können wir nur eine kleine Auswahl gekürzt ins Heft aufnehmen. Hier kommen ausführlichere Antworten. Danke für Ihre Gedanken und Beiträge!
...
Das Eis der Sicherheit schmilzt - was kommt darunter zum Vorschein?

...Der neue Zeitpunkt «Das Ende der Gewissheit» erscheint am 19. Februar. Sie können ihn für Fr./€ 10.– statt 15.- bestellen. Das Angebot ist heute, am 16. Februar, zum letzten Mal gültig.


Menschenbild und Sicherheit

«Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. …  Als freiheitlicher Staat kann er ... nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert.» (Ernst-Wolfgang Böckenförde)

Das markante Zitat von Ernst-Wolfgang Böckenförde weist auf eine gesellschaftlich akzeptierte moralische Übereinkunft hin, die eine Grundlage für unser gesellschaftliches Miteinander und unsere Sicherheit darstellt. Man kann sich an gemeinsamen Werten orientieren und sich auf sie berufen. Allerdings wirft dies unweigerlich die Frage auf, wie diese Werte der moralischen Substanz  geprägt werden. 

Historisch betrachtet wurde der Westen von einer christlichen Übereinkunft geleitet. Man mag hier viele Defizite feststellen, doch die daraus entwickelte moralische Basis ermöglichte zumindest gesellschaftlich ein weitgehend verlässliches Miteinander. Im Grunde beruhte diese Moral auf der Überzeugung, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Darauf gründet sich die Würde aller Menschen. Die neutestamentliche Goldene Regel Jesu: «Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!» Matthäus 7,12 (EÜ) lieferte, neben seinem beispielhaften Wirken und vielen anderen Aussagen, das geistige Fundament für Mitgefühl, Solidarität, Sanftmut, Geduld, Gerechtigkeit, Wahrheit, Toleranz und Freiheit. Auch mit der Aufklärung und dem  klassischen Humanismus blieben die christlichen Werte bestehen. Sie hielten die Gesellschaft zusammen, auch wenn  religiöse und weltliche Eliten,  Staaten und auch jeder einzelne immer wieder dagegen verstiessen.

Allerdings hielten mit der Aufklärung und dem darwinistischen  Kampf ums Dasein auch alternative Wertvorstellungen Einzug. Friedrich Nietzsche beschrieb seine in Der Antichrist: «Was ist gut? - Alles, was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht. Was ist schlecht? - Alles, was aus der Schwäche stammt. Was ist Glück? - Das Gefühl davon, dass die Macht wächst - dass ein Widerstand überwunden wird. Nicht Zufriedenheit, sondern mehr Macht; nicht Friede überhaupt sondern Krieg; nicht Tugend, sondern Tüchtig­keit … Die Schwachen und Missratenen sollen zugrunde gehen: erster Satz unsrer Menschenliebe.» 

Während sich heute viele zwar auf die traditionellen moralischen Werte berufen, handeln sie doch tagtäglich nach dem Gesetz der Macht des Stärkeren. Man kann es auch den gesellschaftlich akzeptierten Erfolg nennen. Anstatt auch die Würde des möglicherweise unliebsamen Gegenübers anzuerkennen, stellen viele sich und ihre eigene Moral in den Vordergrund, verurteilen andere und beanspruchen für sich, im Recht und damit überlegen zu sein. Desinformation, Propaganda, Fake News, Zensur und sogar Gewalt sind sowohl im Kulturkampf als auch im globalen Machtstreben moralisch legitime Mittel geworden, um den eigenen Zweck zu heiligen. Das Gegenüber ist Konkurrent oder Feind, den es zu übertrumpfen gilt. Jeder sieht zu, dass er zu seinem eigenen Vorteil handelt, Recht behält, mehr Anerkennung, Macht und Geld bekommt. Einem Gott ist man nicht mehr rechenschaftspflichtig. Auch der klassische liberale Humanismus wird inzwischen lediglich als christliches Relikt betrachtet, das dem Fortschritt und dem  egoistischen Streben im Wege steht. Stattdessen postuliert der evolutionäre Humanismus zunehmend einen Fortschrittszwang, der den Menschen in Form des Transhumanismus zum Homo Deus (Yuval Harari) machen soll. Doch was ist nun die moralische Substanz, die dem freiheitlichen Staat Sicherheit verschafft? Ist es die Willkür und  das Recht der Stärkeren, der Fortschrittlichen, der Mächtigsten dieser Erde und der Tech-Milliardäre, die sich als die Erfolgreichen über die Schwächeren setzen? 

Müssen wir aufgrund dieses egozentrischen Welt- und Menschenbildes mit einem anarchistischen, zerstörerischen und neofeudalistischen Kampf der Eliten gegeneinander und gegen die Mehrheit der Menschheit rechnen, oder kann es auch ohne eine Katastrophe zu einer Rückbesinnung auf eine Sicherheit bietende Grundlage für alle Menschen kommen, wie es zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Ausrufung der Menschenrechte der Fall war?

...

Persönlich denke ich, dass es dabei mehr als ein Umdenken braucht. Wir müssen die lebensfördernden Werte neu entdecken und uns zu eigen machen. Was vormals rein religiöse Moral war, könnte in Zukunft ein Verinnerlichen des liebenden Charakters Gottes (gnädig, barmherzig, langmütig, treu und gütig – Exodus 34,6) sein. Christ consciousness, Christusbewusstsein nennt es der palästinensische Aktivist und Autor Sami Awad in seinem Buch Sacred Awakening, Sinnerfülltes Leben nenne ich es in meinem Buch Sinnerfülltes Leben – Wege in eine menschengerechte Zukunft (erscheint demnächst im Hochschulverlag Merseburg). Das egoistische Streben des Menschen nach Recht, Macht und Geld schafft das wahre Menschsein ab, der Geist Gottes aber führt zu einem verlässlichen Lebensstil, weil wir unser Gegenüber mehr und mehr als Ebenbild Gottes wahrnehmen können und dementsprechend handeln. Eine solche Sichtweise schafft Sicherheit - im privaten, gesellschaftlichen und globalen Kontext.  

Mathias Seitz

 

Newsletter bestellen