Die Rückkehr der Bader: Mit basischem Marathon-Baden in den Frühling
«Das musst du schon selber ausbaden!» Vielleicht meint diese Redewendung ja keine Strafe, sondern Heilung.
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Nach dem Baden wird die Wanne geleert und ausgewaschen. Foto: CD

Denn – wie unsere Vorfahren wussten – wir können uns durch basisches Baden von Schlacken, Giften, Übersäuerungen befreien, die sich in Körper und auch Geist und Psyche angesammelt haben. Stefan Kuntzmann bietet eine extreme Form des Badens an – ganz in der vergessenen Tradition der mittelalterlichen Bader.

Basisches Baden gehört zum Frühlingszeremoniell von Wellness-Fans – durch Fuss- oder Vollbäder treten ein Wohlfühleffekt mit Tiefenentspannung ein. Doch die meisten Anbieter von Basenbädern betonen auf ihren Packungsbeilagen: Basisches Baden diene rein dem Wohlempfinden, nicht der Heilung. Denn Übersäuerung ist kein medizinisch anerkanntes Konzept, folglich gilt auch Hilfe bei Übersäuerung nicht als Heilung.

Das war einmal anders: Basisches Baden gehörte zur Heilkultur unserer Vorfahren. Deshalb hiessen die mittelalterlichen Ärzte auch Bader. Und auch Kleopatras angebliches Milchbad war mit ziemlicher Sicherheit ein basisches Bad. Im christlichen Abendland wurde das ausgiebige Baden dann als zu sinnlich abgelehnt und verboten, damit wurde dessen Heilwirkung unterdrückt und geriet in Vergessenheit.

Die im Drogeriemarkt erhältlichen Mischungen seien mit ihrem Ph-Wert von ca. 8 - 9 zu schwach, findet Stefan. Und die empfohlene Badelänge von 30 Minuten sei zu kurz, nach 30 Minuten beginnt erst der Osmoseaustausch durch Haut. Wer den Körper also wirksam und nachhaltig entsäuern will, solle im Ph-Wert höher gehen und wesentlich länger baden. Seine Empfehlung: fünf Tage à 12 Stunden in Wasser mit einem Ph-Wert von bis zu 10 oder auch darüber.

Meine beiden Mitbewohner wagen es als erstes. Beide wünschen sich einen deutlichen Heilungsimpuls für ihren Körper. Mutig steigen sie eines Morgens in die umfunktionierten aufblasbaren Whirl-Bottiche, gefüllt mit 750 l Wasser. Die basische Mischung darin besteht aus Soda, Kreide, Magnesium und Kalium. Das Wasser ist anfangs etwas mehr als körperwarm und kühlt dann im Laufe des Tages ab. Wenn es zu ungemütlich wird, können sie selbst nachheizen.

«Doch gerade das kühlere Wasser wirkt stärker», weiss Stefan. «Es lohnt sich also, den ungemütlichen Punkt etwas hinauszuschieben. Leiden sollte man allerdings nicht.»

Tee, Kakao und basisches Essen bekommen die beiden an die Wanne gebracht. Ausser für den Toilettengang verlassen sie den Bottich nicht. Lesen oder Arbeiten sollen sie nicht, nicht nur weil auch die Hände unter Wasser sein sollen – sondern weil auch Nichts-Tun und Stille zur Therapie gehören.

Stefan: «Natürlich kommt in den vielen Stunden im Wasser auch einiges hoch, was im Leben noch unverarbeitet ist – das soll auch so sein, denn Körper und Seele sind ja eine Einheit.» Er bietet dann neben der Suppe oder dem Tee manchmal auch sein Ohr und seine Erfahrung.

Der erste Tag ist herum. Die beiden wirken reichlich geschafft und verschwinden gleich ins Bett. «Kein Wunder», meint Stefan. «Der Körper leistet 12 Stunden Entgiftungs-Höchstarbeit. An einem Tag im basischen Bad lassen wir die Schlacken und Gifte eines ganzen Jahres ab – das kann vor allem ab dem dritten Tag auch sehr dunkel werden und übel riechen.»

Übersäuerung kommt durch falsche Ernährung, zu viele verarbeitete, tierische Produkte – aber mehr noch durch Stress, wie Stefan betont. Ihre Folgen sind Gelenkschmerzen, Müdigkeit, Osteoporose, sowie Herz-Kreislaufprobleme. Basisches Baden kann all dem vorbeugen. Stefan selbst machte beim Baden die Erfahrung, dass ab dem dritten Tag sich der omnipräsente Gedankennebel legte – all die negativen Glaubenssätze und Muster wichen einer hoffnungsvollen Klarheit.

Auch die beiden Bader meiner WG sehen nach dem zweiten Tag schon frischer und fröhlicher aus. Das kälter werdende Bad macht ihnen auch schon viel weniger aus. Sie beginnen, es zu geniessen.

Stefans wirklicher Beruf ist Tischler. Zum Basischen Baden kam er durch eigene Erfahrung, stiess dann auf ein Netzwerk von Untergrund-Badern und lernte von ihren Erfahrungen. Inzwischen bietet er es seit 2 Jahren in seinem Haus in Unterfranken an, wo er gemeinsam mit seiner Partnerin einen Raum mit vier Wannen hat. Werbung machen sie dafür keine, das Baden läuft über Mundpropaganda, denn medizinisches Baden geschieht am Rande der Legalität. Dermatologische Institute warnen vor Hautschäden durch das Angreifen des Säureschutzmantels. Und so genannte Wissenschaftssendungen wie Quarks im WDR halten basische Bäder und überhaupt die Idee der Entsäuerung für «Quatsch». Verbraucherzentralen weisen darauf hin, dass überhaupt dem Konzept der Azidose (=Übersäuerung) jegliche wissenschaftliche Evidenz fehle. Abgesehen davon dürfen Menschen ohne medizinische Ausbildung natürlich keine Heilung anbieten.

Stefan: «Ich kann niemanden heilen, das behaupte ich auch nicht. Ich kann nur den Raum zur Verfügung stellen.» Natürlich hat er sich auch mit Kontraindikationen beschäftigt. So sollten Schwangere vor allem in der ersten Zeit auf das basische Bad verzichten.

Den beiden Dauerbadern aus meinem Haus ist von irgendwelchen negativen Wirkungen nichts anzusehen: Ihre Augen leuchten, ihre Wangen sind gerötet, sie lächeln, als sie abends aus dem schmutzigen Wasser steigen.

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger
Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch unter dem Namen Leila Dregger bekannt). Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebte fast 40 Jahren in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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