«Wir planen ein Event für diejenigen, die die Bedrohung durch Kollaps und Autoritarismus so ernst nehmen wie wir; die wissen, dass wir uns jetzt auf Klimakatastrophen, auf autoritäre Machtübernahmen, auf Systemzusammenbrüche, auf weniger Unterstützung durch den Staat vorbereiten müssen, nicht erst in ein paar Jahren; und die wissen, dass sich für eine Zukunft mit zunehmenden Katastrophen vorbereiten bedeutet, jetzt Zeit und Ressourcen in diese Vorbereitung zu investieren.
Solidarische Strukturen bedeuten aber nicht nur, sich umeinander zu kümmern, sprich, Mutual-Aid-Gruppen aufzubauen. Es bedeutet auch, politischen Aktivismus voranzutreiben, bestehende Macht- und Herrschaftsstrukturen zu hinterfragen und sich zu organisieren. Queere Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund und viele weitere Betroffene sind besonders davon bedroht, aktiv von Menschen angegriffen oder vernachlässigt zu werden. Diese Gleichzeitigkeit machen wir erlebbar und trainierbar, um langfristig solidarisch und aktivistisch handlungsfähig zu bleiben.»
(Aus: https://mutualaidheat.de)
Soweit aus der Einladung für ein Trainingscamp, wo 150-200 Menschen ganz konkret Überlebenswissen im Katastrophenfall lernen sollen: Dazu gehört Kommunikation, medizinischer Support, Lebensmittelversorgung und Selbstschutz – und eben auch politischer Aktivismus.
So ein Training ernsthaft, kompetent und praktisch zu absolvieren, würde mich auch persönlich sehr interessieren. Die politischen Positionen und die Radikalität der Organisatoren sind aber nicht meine. Vielleicht würden mich die anderen Teilnehmer sogar als rechts identifizieren. Denn links im alten Sinn fühle ich mich längst nicht mehr, auch wenn mir Gerechtigkeit und der Schutz von vulnerablen Bevölkerungsgruppen am Herzen liegen. Mehr als irgendwelche Rechts-Links-Scheuklappen interessiert es mich, wie sich verschiedene Gruppen auf den Ernstfall vorbereiten. Dafür habe ich mit einer der Organisatorinnen gesprochen, die sich mir gegenüber Scully nennt - ja, so wie aus «Akte X».

Nicht nur bei Umweltkatastrophen, sondern auch bei Angriffen z.B. auf die CSD-Märsche sich und andere schützen lernen. Foto: zVg
Zeitpunkt: In eurem Programm «Mutual Aid» geht es um Vorbereitung auf mögliche Katastrophen, aber auch um Aktivismus und Solidarität. Ist es das erste Mal, dass ihr so ein Camp macht?
Scully: In dieser Art ist es das erste Mal. Letztes Jahr haben wir das Kollapscamp mit knapp 1000 Teilnehmenden und 103 Workshops an vier Tagen organisiert. Die Idee war damals, überhaupt erst einen Raum zu schaffen, in dem man über den Kollaps sprechen kann und sich fragt: Was kann man eigentlich tun? Wir kommen aus dem linken Aktivismus und dem Klimaaktivismus. Viele von uns fühlen sich inzwischen oft müde und hilflos. Man besetzt Wälder, geht mit «Ende Gelände» in den Tagebau – und den grossen Gewinn haben wir trotzdem nicht erreicht. Weder ist der Kapitalismus abgeschafft, noch ist der Kohleausstieg sicher, und der Rechtsruck ist massiver denn je, nicht nur in Deutschland. Das zermürbt auf Dauer.
Deshalb wollten wir einen Raum schaffen, in dem man nicht mehr diskutieren muss, ob man das Wort «Kollaps» überhaupt verwenden darf. Wir definieren den Begriff auch nicht, weil er für jeden eine andere Dimension hat. Für mich als Person in Thüringen heisst Kollaps, dass ich beim Verlassen der Wohnung damit rechnen muss, von Rechten angegriffen zu werden. Für andere ist es der fehlende Zugang zu Medikamenten, für wieder andere sind es die immer häufigeren Extremwetterereignisse. Und global gesehen leben viele Menschen schon lange in Kollapsszenarien.
Dieses Jahr gibt es wieder ein reguläres Kollaps-Camp, aber wir als kleines Orga-Team wollten einen nächsten Schritt gehen. Deshalb organisieren wir das HEAT-Trainingslager. Es wird deutlich kleiner: maximal 200 Teilnehmende. Die Leute bewerben sich und werden ausgewählt, damit wir pro Training höchstens 50 Personen haben.
Was plant ihr konkret?
Scully: Wir haben vier Trainingsstränge: Kommunikation, Versorgung (Essen), kollektiver Selbstschutz und medizinische Erste Hilfe. Die Teilnehmenden sind von Sonntag bis Sonntag an einem Ort in Brandenburg zusammen. Vier Tage lang trainiert man intensiv in einem selbst gewählten Bereich mit sehr viel Praxis.
Dann folgt von Freitag bis Samstag ein Szenario, in dem das Gelernte unter Stress getestet wird. Am Sonntagmorgen gibt es noch ein gemeinsames Abschlussplenum, um die Leute gut wieder «rauszuholen».
Wir wollen nicht, dass jemand denkt: «Jetzt bin ich für alles gewappnet.» Aber die Leute sollen mit einem guten Gefühl gehen – dass sie wissen, was sie können, wie es sich anfühlt, kollektiv zu handeln, und zu spüren, wo es unter Stress noch hakt. Emotionale Begleitung und Unterstützung sind uns dabei sehr wichtig.
Woher kommt das Wissen für die Trainings?
Scully: Wir organisieren das mit Fachleuten. Für Kommunikation haben wir Leute, die sich mit Funk und Piratenradio auskennen. Bei Erster Hilfe und medizinischen Themen arbeiten Rettungssanitäter und Menschen aus dem Katastrophenschutz mit. Viele davon waren schon letztes Jahr beim Kollaps-Camp dabei.
Ist das Angebot nur für eine bestimmte linke Blase gedacht?
Scully: Rechte wollen und brauchen wir nicht. Ansonsten ist es bewusst offen. Es sind Klimaaktivistinnen dabei, Antifaschistinnen, queere und feministische Menschen, Leute aus Wohnprojekten und auch aus dem bürgerlich-grünen Spektrum. Wichtig ist uns, dass die Teilnehmenden möglichst schon in Gruppen oder Strukturen organisiert sind – sei es in der Nachbarschaftshilfe, einem Gärtnerclub, einer Antifa-Gruppe oder einer Klima-Initiative. Das Wissen soll dann in diese bestehenden Strukturen zurückfliessen.
Wenn ich für Klimaschutz aktiv bin, muss ich das hier nicht argumentieren. Aber wenn zum Beispiel, wie Ende letzten Jahres in Berlin ein Blackout war, dann kann ich mit meiner Klimagruppe kommen und sagen, ihr wollt kommunizieren? Wir wissen, wie das geht, auch wenn kein Strom da ist und Internet nicht funktioniert, so dass ihr zumindest Textnachrichten schicken und eure Menschen wissen lassen könnt, bei mir ist alles in Ordnung. Dann sehen mich die Leute nicht als Klimaaktivist, sondern als jemand, der ihnen helfen kann. Und das fühlt sich für mich selber gut an. Und das öffnet mir im besten Fall auch einen Weg, dann auch mal wieder mit den Leuten über Klima zu reden.
In der Prepperszene geht es auch immer um die Bewaffnung, um sich verteidigen zu können. Wie steht ihr zum Thema Bewaffnung?
Skully: Das muss letztlich jeder selbst wissen. Aber Gewaltfreiheit ist für mich eine Illusion, die auf Privilegien beruht. Wir führen alle kein gewaltfreies Leben – schon in das, was wir essen oder wie wir uns fortbewegen, ist Gewalt involviert. Natürlich geht es als erstes immer um Deeskalation. Aber manchmal funktioniert Deeskalation nicht. Wenn ich oder meine Gruppe angegriffen werde, möchte ich in der Lage sein, mich und andere zu verteidigen. Das Training zum kollektiven Selbstschutz geht deshalb nicht nur um Deeskalation und Früherkennung von Gefahren, sondern auch um konkrete Selbstverteidigung in der Gruppe. Der beste Schutz ist natürlich, gar nicht erst angegriffen zu werden.