«Nicht wir sind die Schuldigen»
Vor 100 Jahren: Eine Verteidigung der Schweizer Frau gegen den streitbaren Befund eines Mannes
«Ein bisschen Bewunderung ist jeder Frau unendlich viel wichtiger, als der Mann gewöhnlich annimmt.» (Bild KI nach einer Originalfotografie aus der Schweiz der 20er Jahre)
«Ein bisschen Bewunderung ist jeder Frau unendlich viel wichtiger, als der Mann gewöhnlich annimmt.» (Bild KI nach einer Originalfotografie aus der Schweiz der 20er Jahre)

Nachdem ein heimgekehrter Auslandschweizer in der damals neu publizierten Zeitschrift «Schweizer Spiegel» sein Bild vom Wesen der Schweizer Frau dargelegt hatte, antwortete ihm im in der folgenden Nummer die Schweizer Journalistin Anna Huggler ebenso offenherzig. Den Hauptgrund für die von Konrad Schmid-Clavadetscher beklagte «mangelnde Weiblichkeit» der Schweizerinnen sah sie im Verhalten der Männer. Auch ihre Antwort ist in mancher Hinsicht von der Zeit überholt. Aber sie trifft auch 100 Jahre danach einen wahren Kern.

Ist die Schweizerfrau wirklich weniger weiblich als die Frauen von andern Nationen? Ich habe den Beitrag von Konrad Schmid wieder und wieder gelesen. Das Bild, das er von der Schweizerin entwirft, entspricht der Wirklichkeit, nicht einmal übertrieben ist es. Und doch – wird er der Schweizerin gerecht?

Ja, die Schweizerfrau wirkt weniger weiblich als die Frauen der meisten anderen Länder. Aber es handelt sich dabei weniger um eine übermässige Anpassung an unsere schweren Existenzbedingungen als um eine unfreiwillige Anpassung an den Mann. Die Schweizer Frau ist das Opfer der Missachtung ihrer Weiblichkeit. Kein Geschöpf kann sich normal entwickeln, wenn es nirgends Anklang findet, nirgends Verständnis. So ist die Weiblichkeit der Schweizerfrau, wenn nicht verkümmert, so doch unterentwickelt, da scheinbar kein Bedürfnis nach ihr vorhanden ist.

Denn nicht nur die «ent-erotisierten Führerinnen der Frauenbewegung», wie der Autor schreibt, sondern die Männer selbst, so scheint es zumindest, betrachten alles Weibliche als minderwertig. Weil sie es nämlich nicht kennen und sich auch nicht darum bemühen. Sie kennen die Frauen ihres Landes so wenig wie den entferntesten Völkerstamm. Daher können sich Schweizer Männer und Frauen nur mit der grössten Anstrengung gemeinschaftlich unterhalten. Fast in jeder Gesellschaft bilden sie heute noch getrennte Gruppen, die sich eigentlich nichts zu sagen haben.

Ja, worüber spricht eine Frau mit einem Mann? Wenn sie mitreden will, muss sie es über männliche Themen tun. Denn der Mann glaubt, für eine intelligente Frau sei es beleidigend, sich mit ihr zum Beispiel über das Kochen zu unterhalten. Die Frau in der Schweiz muss aber nicht nur über männliche Themen sprechen, der Mann nötigt sie ausserdem, auf eine männliche Art darüber zu sprechen, weil er die weibliche Denkungsart mitleidig belächelt. Die Frau verleugnet dann ihre Wesensart, sie tut es dem Manne nach, und das Ergebnis ist für beide langweilig.

Der Schweizer interessiert sich für die Frau vor allem zu einem bestimmten Zwecke, nämlich, wenn er heiraten will. Deshalb spielt die verheiratete Frau bei uns eine so nebensächliche Rolle. Unverheiratete Männer interessieren sich nicht für sie, da sie ja verheiratet ist. Und verheiratete Männer interessieren sich eingestandenermassen ebensowenig für sie.

Nur derjenige kann die Frauen aber verstehen lernen, der sich auch ohne Zweck für sie interessiert. Die Frau wiederum kann ihre weibliche Eigenart gar nicht entwickeln, wenn der Mann ihr die Möglichkeit dazu nicht gibt. Denn ihre Eigenart ist tief mit ihrem Geschlecht verbunden und hängt darum mit der Beziehung zum Mann unauflöslich zusammen. Sie kann nicht ohne ihn «Frau sein» und ihr weibliches Wesen entfalten. Wenn sich dann ausnahmsweise ein Mann sich an sie wendet, enttäuscht sie ihn durch ihre unentwickelte Persönlichkeit. Worauf sich der Mann in seiner Ansicht von der weiblichen Minderwertigkeit ein weiteres Mal bestärkt sieht, was zu einem circulus viciosus, einem Teufelskreis führt.

Dieses mangelnde Interesse, diese Unkenntnis zeigt sich im täglichen Leben bei jeder Gelegenheit. Wie selten weiss zum Beispiel ein Mann bei uns, was er seiner Frau auf Weihnachten schenken will. Er weiss nicht, was Mode ist, er weiss nicht, was ihr gut steht, er weiss nicht, woran Frauen Freude haben. Er verfällt zuletzt auf etwas «Nützliches», etwas, das dem Haushalt zugute kommt, einen Teppich oder eine Kaffeemaschine.

In Frankreich dagegen sind der Gelehrte ebenso wie der Fabrikarbeiter gleichermassen imstande, für eine Frau ein Geschenk zu kaufen, ohne vorher Rat einholen zu müssen. Weiss bei uns ein durchschnittlicher Ehemann, was für einen Hut seine Frau trägt? Weiss er mit Sicherheit die Farbe ihrer Augen anzugeben?

Der Schweizer Mann schenkt der äusseren Erscheinung der Frau wenig Beachtung. Mancher würde darauf entgegnen: «Ich liebe die Frau, nicht ihr Kleid.» Aber das Kleid der Frau ist mehr als nur ein zufälliger Umhang, der sie gegen Regen und Kälte schützt. Sie hat ihren Hut gewählt, weil seine Farbe gerade zum Goldbraun ihrer Haare passt oder weil seine Form die zarte Rundung ihrer Wangen zur Geltung bringt. Darum ist der Hut ein Bestandteil ihrer Erscheinung, den man, wenn sie ihn trägt, nicht von ihr trennen kann, weshalb man auch ihn ein wenig bewundern darf.

Das Kleid ist aber auch Ausdruck ihrer Persönlichkeit, der Stimmung, in der sich die Frau gerade befindet. Verdienen die gedruckten Blumen ihres Kleides wirklich weniger Beachtung als die Blütenbeete des Gartens? Es gibt Männer, die an einem Blumenladen nicht vorbeigehen können, ohne einen bewundernden Ausdruck zu finden, die aber für das Kleid, mit welchem sich eine Frau für sie geschmückt hat, keinen Blick der Anerkennung haben.

«Mir geht halt so manches durch den Kopf», sagt der Mann, «an solche Kleinigkeiten kann ich nicht denken.»

Was aber ist wichtiger als eine Freude, die uns jemand machen will, der uns liebt? Ist die hübsche Nase einer Frau nicht ebenso der Bewunderung wert wie der Gipfel eines unserer zahlreichen Schneeberge?

Welche Beachtung findet jedes Detail der weiblichen Erscheinung zum Beispiel in Frankreich! Wenn dort ein Journalist ein Interview mit einer Frau macht – und es muss gar nicht unbedingt eine Schauspielerin sein – , mit welcher Hingabe beschreibt er dann jede «Äusserlichkeit». Er will, dass wir die Frau sehen. Dann wissen wir schon fast, wer sie ist.

Die Nation, welche die Mode kreiert, kennt und liebt die Frau und macht aus ihrer Bewunderung kein Hehl. In dieser Atmosphäre der Sympathie, der männlichen Wertschätzung kann die Frau ihren Charme entfalten. Wenn sie aber vernachlässigt wird, verliert sie das Selbstvertrauen, die Freude an sich selber. Sie erblickt dann ihren Zweck nur noch in ihrer «Nützlichkeit», in dem, was sie leistet. Das heisst, sie misst sich und wird gemessen am männlichen Massstab.

Dabei wird sie immer zu kurz kommen. Der Mann sieht in ihr einen weniger begabten, schwächeren Kompagnon und lässt es daher oft an Rücksicht fehlen. Wie selten sind bei uns Männer, die ihrer Frau durch kleine Handreichungen ihre männliche Rücksichtnahme beweisen. Wenn der Engländer im dienstbotenlosen Heim seine Schuhe zum Beispiel stets selber putzt, besteht der Wert dieser Handlung in ihrer Freiwilligkeit. Diese Einstellung macht der Frau ihre Pflichten leicht. Er muss es nicht tun und sie fordert es nicht. Auch die körperliche Arbeit, die er ihr abnimmt, ist keine Pflicht. Er beweist dadurch nur, dass er nicht will, dass die Frau seine Dienerin ist. Er tut es ihr zuliebe.

Nichts ist falscher, als wenn die Frau bei jedem kleinen Dienste, den der Mann ihr mit ungeschickten Händen erweisen will, abwehrend meint: «Ach, lass nur, ich mache es lieber grad selber».

Die kleinen Aufmerksamkeiten, Rücksichten, ein bisschen Bewunderung sind jeder Frau unendlich viel wichtiger, als der Mann gewöhnlich annimmt. Sie braucht Worte der Anerkennung so sehr wie das Kind. Es genügt ihr nicht, zu «wissen», dass man ihre Arbeit schätzt, sie möchte es hören.

Unsere Männer sind so stark auf Kampf und Erwerb eingestellt, dass sie sich von der Arbeit verschlingen lassen. Sie arbeiten nicht, um zu leben. Sie leben, um zu arbeiten. Vielleicht tragen sie diese Genügsamkeit, diese Nüchternheit, diese Unfähigkeit zum Lebensgenuss als Erbteil unserer Vergangenheit mit sich. Doch sie werden dadurch zur Ursache der puritanischen Gesinnung unserer Frauen.

Sobald den Frauen aber diese spartanische Lebensauffassung nicht mehr genügt, sobald sie im Leben mehr sehen als ein Wettrennen der Tüchtigkeiten – sobald dies die Schweizerinnen erkennen, werden sie nicht mehr dieselben sein.

Diese Veränderung aber muss von beiden Geschlechtern kommen. Sie kann erst gelingen, wenn die Frau in den Augen des Mannes mehr als eine tüchtige Hausfrau und Mutter ist.

Bei den Kindern wollen wir anfangen. Die Knaben zu mehr Rücksicht und Zartheit erziehen, die Mädchen zur Anmut. Ich erinnere mich, wie unser Pfarrer im Unterricht einmal sagte: «Ihr Mädchen seid nicht nur Blümlein, deren Aufgabe es ist, den Garten zu schmücken. Ihr müsst auch tüchtig und arbeitsam werden.»

Aber sollte man nicht im Gegenteil unseren Mädchen, in deren Wesen die Tüchtigkeit ja ohnehin tief verwurzelt ist, sagen: «Denkt daran, dass ihr dazu bestimmt seid, zu blühen, dass in euren Händen die Schönheit ruht!» Sollte man nicht überhaupt schon den Kindern zeigen, dass das Leben kein Krautgarten ist? Die Rosen darin sind so notwendig wie die Kohlköpfe.

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Bearbeitet von Nicolas Lindt. Eine Audiofassung dieses Textes findet sich im Podcast «Die Schweiz vor 100 Jahren im Schweizer Spiegel». Zu hören auf itunes, Audible, podcast..de oder auf Spotify:

https://open.spotify.com/episode/6WudPV1DdcRI9oMfHPxUND?si=9f7c2a2f71594bd7


 

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Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. Neben dem Schreiben gestaltete er während 30 Jahren freie Trauungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

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