Professor Klaus-Jürgen Bruder (1941 - 2026): Ein Leben im Dienst von Psychologie und radikaler Gesellschaftskritik
Wir nehmen Abschied von einer prägenden Stimme der kritischen Psychologie und Psychoanalyse. Mit Prof. Klaus-Jürgen Bruder verliert die akademische Welt sowie die Zivilgesellschaft einen engagierten Wissenschaftler, einen mutigen Streiter für die Freiheit des Geistes und einen unbestechlichen Denker.
Nachruf auf Professor Klaus-Jürgen Bruder (1941 - 2026)
Foto: arbeiterfotografie.com

Als langjähriger Vorsitzender der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) und Professor an  der Freien Universität Berlin prägte er Generationen von Studentinnen und Studenten und  beeinflusste die Psychologie in Theorie und Praxis in Deutschland nachhaltig. Klaus-Jürgen  Bruder verstand die Psychologie nie als blosse Anpassungswissenschaft, sondern stets als  Werkzeug der Aufklärung und der Gesellschaftskritik. In der Tradition Peter Brückners verband  er kritische Sozialwissenschaft mit psychoanalytischer Theorie. Damit legte er das Fundament  für eine politische Psychologie, die die Verstrickungen von Subjektivität, Macht und Herrschaft  radikal in den Blick nimmt.

Der «Diskurs der Macht» als analytisches Werkzeug

Sein wichtigstes analytisches Konzept war der «Diskurs der Macht», den er im Anschluss an Jacques Lacan, Michel Foucault und Pierre Bourdieu entwickelte. Er beschrieb präzise, wie  mächtige Akteure und Institutionen über Sprache, mediale Bilder und scheinbare  «Begründungen» einen gesellschaftlichen Konsens herstellen, der Herrschaft legitimiert –  während die eigentlichen Ursachen wie strukturelle Unterdrückung, fortwährende  Ausbeutung und Profitinteressen systematisch unsichtbar oder «unbewusst» gemacht werden.In diesem offiziell-öffentlichen Sprechraum, der unser aller Leben formt, setzen die  Herrschenden ihre Deutungen als «vernünftig», «notwendig», «wissenschaftlich bestätigt» oder  «zum Schutz aller» durch. Dieser Diskurs wirkt nicht primär durch Befehl und Zwang, sondern  durch Überzeugung, Belehrung, Veranschaulichung und vor allem durch gezieltes  Verschweigen und Umdeuten. So übernehmen in der kapitalistischen Klassengesellschaft viele  Menschen Parolen, die ihren eigenen Interessen widersprechen, und erleben diese zugleich  als «eigene Meinung».

Narrative wie der «menschengemachte Klimawandel», das «weltweit gefährliche Virus», der  «russische Angriffskrieg», «die Befreiung der Palästinenser von der Hamas» oder die «Befreiung  der Frauen im Iran» sah er dabei nicht als blosse sachliche Begründungen, sondern als  ideologische Rechtfertigungsangebote. Sie dienen im Diskurs dazu, den Verrat an den eigenen  Interessen vor sich selbst und anderen zu vertuschen.

Unbeugsamkeit und intellektuelles Fundament

Mit diesem scharfsinnigen Analysewerkzeug ausgestattet, scheute Klaus-Jürgen Bruder keine  Kontroverse. Wo andere schwiegen oder sich anpassten, erhob er seine Stimme – fundiert,  unbeugsam und stets kritisch gegenüber den blinden Flecken der bürgerlichen Diskurstheorie  à la Jürgen Habermas. Sein Engagement galt dem Aufdecken gesellschaftlicher  Verleugnungsmechanismen und der Verteidigung demokratischer Grundrechte.

Gemeinsam mit seiner im letzten Jahr verstorbenen Ehefrau, der Psychoanalytikerin Almuth  Bruder-Bezzel, bildete er über Jahrzehnte ein intellektuelles und persönliches Fundament, das  weit über den universitären Rahmen hinausstrahlte. Durch die Organisation von Kongressen,  die Herausgabe von Publikationen und seine unermüdliche Vortragstätigkeit – seinen letzten  Vortrag hielt er zur grassierenden «Entpolitisierung» auf dem diesjährigen Kongress der NGfP  – schuf er Räume für den freien, politischen und interdisziplinären Austausch. Dabei erinnerte  er immer wieder an die Worte Peter Brückners: «Nicht zum Frieden, man muss zum Krieg  planvoll erziehen.»

Radikale Gesellschaftskritik bis zuletzt

In seinen letzten Lebenswochen trieb ihn die aus seiner Sicht zunehmende «Faschisierung» in  Deutschland um. Dabei sah er nicht die AfD als massgebliche Triebfeder, sondern einen  «imperialistischen Antifaschismus», der vom NATO-affinen Establishment getragen und  befeuert werde – von der CDU bis zur Linkspartei, von den Gewerkschaften über  Nichtregierungsorganisationen bis hin zu den Leitmedien. Für ihn galt daher unverändert das  Diktum: Wer vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.

Mit seinem Tod verlieren wir einen öffentlichen Intellektuellen, der seine Verantwortung für  die Aufklärung ernst nahm und sich nie scheute, Haltung zu zeigen. Das kostete ihn bereits in  den 1970er-Jahren eine Berufung an die Universität Augsburg, als die bayerische  Landesregierung politisch in das Verfahren eingriff.Seine Arbeiten zur Postmoderne, zur politischen Psychologie und zur Funktion von Ideologien  in westlich-kapitalistischen Gesellschaften sind von bleibendem Wert. 

Er hinterlässt uns die  Gewissheit: Eine Psychologie ohne Gesellschaftstheorie ist eine Psychologie ohne historisches und politisches Bewusstsein – sie verkommt zu einer bloss behavioristischen Sozialtechnologie.

Unser tiefes Mitgefühl gilt seinen wissenschaftlichen und politischen Weggefährten sowie  allen Angehörigen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber ein richtigeres. Dieses hat  Klaus-Jürgen Bruder geführt. Wir werden sein geistiges Erbe bewahren und sein Werk weiterführen. Eine andere Welt ist möglich.

Die Abschiedsfeier für Klaus-Jürgen Bruder findet am Freitag, den 4. September 2026 um 10 Uhr in  der All Saints Church (gegenüber dem Waldfriedhof Dahlem) statt.

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