Rojava: Hoffnung ist kurdisch
Das Modell des demokratischen Konföderalismus in Kurdistan, das in Rojava seit 2012 besonders von Frauen erkämpft und gelebt wurde, darf nicht untergehen.
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YPG-Kämpferin in Rojava. Archiv-Foto

Kurdistan wird als geografischer Raum verstanden, der die historischen wie gegenwärtigen Siedlungsgebiete der Kurden darstellt. Es findet sich hier eine grosse Vielfalt an Sprachen, Kulturen, religiösen Überzeugungen und natürlichen Landschaften. Trotz dieser Diversität verstehen sich die KurdInnen als ein Volk. Diese Einheit und Vielfalt sind über Jahrtausende gewachsen und begründen das Bestreben der KurdInnen nach einem vereinten, selbstverwalteten Heimatland.  

Der demokratische Konföderalismus ist ein basisdemokratisches, staatenloses Gesellschaftsmodell, das sich auf Ökologie, Gleichstellung der Frauen, solidarischer Ökonomie, Organisation von unten und letztlich auf: «Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit» gründet.

Gestern erreichte mich dazu folgendes Schreiben von Alexander Michaelis:

Rojava soll leben!

Die kurdischen Befreiungsorganisationen, allen voran die PKK, haben bereits vor Jahrzehnten einen Strategiewechsel vollzogen, der in der Geschichte der Befreiungsorganisationen wohl einmalig ist und vom Westen bisher so gut nicht zur Kenntnis genommen wurde. Statt für einen eigenen unabhängigen Staat zu kämpfen, propagieren sie seit langem den demokratischen Konföderalismus, eine sich von unten basisdemokratisch aufbauende, kommunale und regionale Selbstorganisation.

In Rojava, dem von Kurden bewohnten Nordosten Syriens, propagieren sie dieses Modell demokratischer Selbstverwaltung nicht nur, sie praktizieren es. Im Zuge des syrischen Bürgerkriegs war dort ein Machtvakuum entstanden, das von ihnen genutzt wurde, um dort ein in der Welt einmaliges Modell politischer Selbstbestimmung für alle zu etablieren. Frauen und Männer sind gleichberechtigt daran beteiligt, alle wichtigen Posten und Funktionen sind mit einer Doppelspitze aus einer Frau und einem Mann besetzt. Frauenräte haben in wichtigen Fragen ein Vetorecht. Mit den Kurden leben dort Araber, Moslems der verschiedenen Konfessionen, Juden, Christen und Jesiden friedlich und gleichberechtigt zusammen.

Die kurdischen Selbstverteidigungskräfte bestehen unter anderem aus drei reinen Frauenbataillonen, die streckenweise im Kampfs gegen den IS die Hauptlast trugen. Als sie den IS damals aus der Region vertrieben, wurden sie von der US-Luftwaffe unterstützt. Daneben waren amerikanische Beobachter in der Region präsent, wodurch Erdogans türkische Armee davon Abstand nahm, zugunsten des IS in die Kämpfe einzugreifen. Alle Welt feierte damals den Sieg über das islamistische Kalifat, der in erster Linie von den kurdischen Bodentruppen erkämpft wurde.

Trotz alledem: bis heute werden sowohl die PKK als auch die syrischen Kurdenorganisationen wie die YPG von den westlichen Staaten, so auch von den deutschen Staatsschutzbehörden, immer noch als Terrororganisationen geführt. Der deutschen Regierung ist das Wohlwollen des türkischen Diktators Erdogan wichtiger als die Solidarität mit den demokratischen Kräften, mit denen man sich bei der Bekämpfung des IS verbündet sah.

Nach dem Abzug der Amerikaner gab die türkische Armee ihre Zurückhaltung auf und begann mit dem Einmarsch in die Syrischen Kurdengebiete. Unter ihrem Schutz schlichen sich IS-Kämpfer in die Region zurück und begannen, sich an den Kurden und speziell den Kurdinnen zu rächen. Der Westen nahm das kaum zur Kenntnis und unternahm nichts.

Und nach dem Sieg islamistischer Kräfte über das Assad-Regime geschieht das gleiche nun von Süden her. Unter dem Schutz der islamistischen syrischen Armee dringt der IS jetzt auch von Süden her in das bisher selbstverwaltete Rojava wieder ein.

Die Rache der Islamisten richtet sich speziell gegen ihre einstigen Bezwingerinnen, die jetzt als Amtsträgerinnen in der Selbstverwaltung fungieren, gegen Ratsvorsitzende, Bügermeisterinnen und andere politisch engagierte Frauen. Sie werden gelyncht, vergewaltigt, gefoltert oder umgebracht.

Hier wird jetzt nicht nur ein Volk niedergemacht, sondern auch eine politische Idee gemordet. Das Wegschauen des Westens könnten wir auch als ein heimliches Einverstanden sein deuten. Ist man vielleicht sogar heimlich ganz froh darüber, dass hier ein funktionierendes und patriarchatskritisches Gesellschaftsmodell wieder ausradiert wird, das wie ein Leuchtturm in einer erzpatriarchalen Umgebung strahlte? Was wäre, wenn dieses Beispiel Schule machte?

Wenn man es etwa auf Palästina übertragen würde? Wenn statt faschistoider Einstaatenlösungen, wie sie der israelischen Rechten oder der Hamas vorschweben, oder der kraftlosen Zweistaatenlösung westlicher Theoretiker man genau dort den demokratischen Konföderalismus einführen würde?

Zur Zeit sieht es so aus, dass die Mächtigen dieser Welt lieber das kurdische Freiheitsmodell dem Islamismus in den Rachen werfen, als zulassen wollen, dass in Rojava ein Menschheitstraum in Erfüllung geht und eine patriarchatskritische freiheitliche demokratische Gesellschaft entsteht. Der Mord an den Kurdinnen und Kurden wird auch zum Mord an diesem Menschheitstraum. Kurzfristige Deals mit Ankara und Damaskus sind dem Westen wichtiger als die Solidarität mit Menschen und Werten, die ja ursprünglich einst die eigenen waren waren.

Anschliessend las ich in der TAZ: 

Aus Angst, von den Truppen und Milizen der Übergangsregierung am Ende völlig überrannt zu werden, haben die KurdInnen in Syrien am Freitag einer neuen Vereinbarung mit Damaskus zugestimmt, mit der sie ihre autonome Region Rojava endgültig aufgeben und sich zu einer vollständigen Integration in den Zentralstaat verpflichten.

Auch wenn es für die Kurden auf den ersten Blick eine völlige Niederlage zu sein scheint, sprechen kurdische PolitikerInnen von einem Erfolg. Das bezieht sich nicht nur darauf, dass das Töten der letzten Wochen beendet und ein drohendes Massaker an der Zivilbevölkerung verhindert werden konnte, es gibt auch Elemente in der Vereinbarung, die für die Zukunft der Kurden in Syrien hoffen lassen. «Hoffnung ist kurdisch!»

Die Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens. (Friedrich Nietzsche)      

Die Hoffnung stirbt zuletzt! Heute Abend um 21 Uhr können wir diese Hoffnung der KurdInnen solidarisch mit der Kraft unserer Gedanken unterstützen. Schon seit vielen Jahren haben die kurdischen Kämpfer und besonders die KÄMPFERINNEN meine allergrösste Hochachtung für ihren Einsatz und ihren Erfolg. 

Lasst uns heute gemeinsam, und dadurch synergetisch verstärkt! liebevolle Friedensgedanken für Rojava ins morphogenetische Feld der Liebe und des Friedens senden – zusätzlich verstärkt von dem aufsteigenden Licht des heutigen Lichtmesstages. Danke, dass Ihr dabei seid!

www.eva-maria-gent.de 
www.gesellschaft-in-balance.de
www.charta-demokratiekonferenz.org

 

Eva Maria Gent

Eva Maria Gent

Eva Maria Gent (*1951) lebt in Kassel und ist Heilpraktikerin und Homöopathin. Sie ist Ko-Vorsitzende der «Gesellschaft in Balance e.V.», die die «Charta Demokratiekonferenz» entwickelt hat. eva-maria-gent.de

Ich wohne in einer Gemeinschaft mit 16 Erwachsenen und 4 Kindern. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann sich noch den Film über uns in der ARD-Mediathek anschauen: https://1.ard.de/Anders_leben_S01_E03

 

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