RUAG-Skandal: Wieder einmal soll es eine Arbeitsgruppe richten
Ist der Mitte-Mann Martin Pfister der Richtige, den Augias-Stall seiner Parteikollegin und Amtsvorgängerin Viola Amherd auszumisten
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Bundesrat Martin Pfister an der Medienkonferenz vom vergangenen Freitag (Screenshot)

Es kommt selten vor, dass ein Bundesrat öffentlich sagt, er sei erschüttert. Martin Pfister tat es am 30. Oktober. Nach der Lektüre des RUAG-Untersuchungsberichts kann man ihn verstehen. Schwieriger zu verstehen ist, wie lange diese Zustände bestehen konnten.

Ein Whistleblower-Hinweis von 2019 gelangte an eine involvierte Person statt an unabhängige Prüfer. Eine Führungsperson verschwieg 2022 der Compliance-Abteilung die frühere Meldung. 2022 begann die deutsche Justiz mit Ermittlungen gegen die deutsche RUAG-Tochter. Ein Jahr später gab die RUAG selbst die Untersuchung in Auftrag, die nun veröffentlich wurde. 2024 macht die Eidg. Finanzkontrolle den Skandal öffentlich. Und jetzt befasst sich der Bundesrat als Vertreter der Eidgenossenschaft als RUAG-Eigentümer endlich mit der Sache.

Wer in der RUAG Missstände meldete, setzte offenbar eher interne Abwehr als Aufklärung in Gang. Ich habe mit einem ehemaligen Compliance-Officer der RUAG gesprochen. Da er noch unter Geheimhaltungspflicht steht, konnte er mir nicht viel sagen, aber doch so viel: 

Die RUAG ist von oben bis unten und von links bis rechts korrupt. 

Der Mann, der eine Meldestelle für Unregelmässigkeiten innerhalb der RUAG einrichtete, wurde entlassen.

Dieselbe Quelle hat mir auch gesagt, dass der Bundesrat schon viel früher über gravierende Unregelmässigkeiten in der RUAG informiert wurde. Martin Pfister ist also reichlich spät erschüttert. Aber vielleicht hatte er ganz ähnliche Gefühle, als er sein Amt antrat, konnte sie aber mit Rücksicht auf seine Amtsvorgängerin und Parteikollegin nicht zum Ausdruck bringen.

Denn es war Viola Amherd, die Nicolas Perrin, den Schwager ihrer engen Beraterin Brigitte Hauser-Süess, 2019 ins Amt als Verwaltungsratspräsident der RUAG MRO Holding brachte. Er trat am 20. Februar 2024 zurück, am Tag, als der Prüfbericht der Eidg. Finanzkontrolle veröffentlicht wurde.

Was steht im Untersuchungsbericht der Kanzlei Niederer Kraft Frey?

  • Ein Mitarbeiter verkaufte Ersatzteile mit einem ermittelten Marktwert von 48,8 Millionen Euro für rund drei Millionen an eine ihm nahestehende Firma. Später stellte sie ihn an. Derselben Firma überliess die RUAG 17 Leopard-2-Geschützrohre gratis, jedes über 100’000 Euro wert. Die Kontrollstelle hatte zuvor ein Angebot genehmigt, obwohl die Endverwender geschwärzt waren – Kontrolle im Blindflug.
  • Mindestens 22 Getriebeverkäufe unter Marktwert verursachten mutmasslich vier Millionen Euro Schaden. Bei einem Kettengeschäft machte eine Firma, die zur Hälfte der Ehefrau eines Mitarbeiters gehörte, 200’000 Euro Gewinn.
  • Armeebestände dienten Drittgeschäften, ohne dass alle notwendigen Voraussetzungen nachweisbar waren. Dazu kamen 1140 Verschrottungen und 1319 Inventuranpassungen ohne vorgängige Bewilligung der Logistikbasis. Das beweist nicht ebenso viele Diebstähle. Die Ware war einfach nicht mehr da.
  • Eine südafrikanische Tochter der Nitrochemie, an der die Ruag mit Rheinmetall beteiligt ist, diente der Umgehung des Kriegsmaterialgesetzes. Das VBS unter Bundesrat Guy Parmelin war bereits 2017 informiert, dass die Nitrochemie einen Grossteil ihres Geschäfts mit Ländern machte, die «aus der Schweiz heraus nicht beliefert werden könnten».

Pfister spricht von «krimineller Energie». Die RUAG hat 2024 erstmals Strafanzeige gegen fehlbare Mitarbeiter erhoben und diese laufend ergänzt.

Der Bundesrat behält sich rechtliche Schritte gegen die Organe der RUAG vor. Wer so etwas sagt, hat vermutlich bereits die Beweise auf dem Tisch. Warum noch zuwarten? Jetzt kann Martin Pfister zeigen, dass er über die Qualitäten verfügt, im VBS aufzuräumen; denn das Verteidigungsdepartement will er weiter führen, wie er am Freitag erklärte. Wirklich überzeugend wirkte er allerdings nicht, als er das sagte.

Was folgt nun? Natürlich eine Arbeitsgruppe. Sie soll die Verantwortung der RUAG-Organe und der Stellen des Bundes in der Eignerrolle sowie die Massnahmen des Unternehmens prüfen. Das klingt vernünftig. Aber:

Der RUAG-Skandal wäre nicht die erste Affäre, die durch eine Arbeitsgruppe erst mal entschärft und dann still und leise der Versandung anheim gestellt würde. Beispiele: Die Corona-Leaks von Bundesrat Berset über seinen Kommunikationschef Lauener zu Walder in der Ringier-Chefetage (Übersicht von SRF), die gigantische Verschwendung mit dem Software-Projekt Insieme (dazu Bericht der Geschäftsprüfungskommisssion) oder die Crypto-Affäre (Übersicht von SRF).

Den Augiasstall reinigte Herakles, indem er einen Fluss hindurchleitete. Beim RUAGias-Stall dürfte die nächste interne Prüfrunde kaum genügen. Passend wäre, den Untersuchungsrahmen der beantragen PUK zur Beschaffung des F-35 breit zu fassen. Der Kampfjet greift tief in die RUAG ein, die ja einen Flieger zusammenbauen und ein internationales Wartungszentrum einrichten will.

Eine PUK hätte den entscheidenden Vorteil, dass sie Zeugen von der Geheimhaltungspflicht befreien kann, ein entscheidender Faktor, wenn es darum geht, Bereiche der Bundesverwaltung mit weitgehender Geheimniskrämerei zu durchleuchten.

Die bundesrätliche Erschütterung ist angemessenes Gefühl. Aber Verantwortung verlangt jetzt Konsequenzen – und vielleicht auch einen neuen Mann. 


Medienmitteilung Bundesrat: VBS verurteilt Verfehlungen bei der RUAG und ergreift Massnahmen. 30.10.2026

Video Medienkonferenz Bundesrat Pfister. 30.10.2026

NZZ: Neue Details zu brisantem Panzergeschäft der Ruag: «grösseres Ausmass» des Betrugs entdeckt. 28.12.2024

Eidg. Finanzkontrolle: Prüfung möglicher Betrugsaspekte. 10.1.2025

Eidg. Finanzkontrolle: Das Wesentliche in Kürze. 24.2.2025

NZZ: Mutmasslicher Betrug, Chaos und Selbstüberschätzung – die Finanzkontrolle kritisiert die Ruag scharf. 24.2.2025

20 Minuten: Panzer-Deals zu Spottpreisen – Millionenschaden für die Schweiz. 24.2.2025


Übersicht über die aktuelle Berichterstattung zum RUAG-Skandal

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