Sophias Entscheidung
Der uralte Mythos der Sophia erhellt den Blick auf die aktuelle Zeit.
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Screenshot von The Gnostic Creation Myth: Sophia and the Birth of the Demiurge - YouTube

Sophia bedeutet Weisheit. Der Name findet sich in einem der ältesten Mythen unserer Kultur. Er erzählt von einer Schöpfung, die der Ursprung der materiellen Welt sein soll und die auf einem Gedanken beruht, den Sophia bereute, gedacht zu haben. So entstand, was heute einen Höhepunkt erreicht: eine Welt ohne Seele, beherrscht von einer übergeordneten Macht, die alles unter ihre Kontrolle zu bringen sucht. Hieraus gibt es einen Ausweg. Nach der gnostischen Lehre, der der Sophia-Mythos entspringt, wird kein Retter von aussen kommen. Es ist die Erkenntnis des Einzelnen, die uns befreit.

Dem Mythos nach gab es einmal einen Gedanken, winzig klein nur, erdacht von einer weiblichen Kraft. «Was wäre, wenn ich allein etwas erschaffen würde?» Sophia liebte ihr männliches Gegenüber, ihr Entsprechendes, ihr Alles. Doch sie tat, was nach ihr andere tun würden: Sie war neugierig. Kaum war die Idee aus einem unbedarften Wissensdrang heraus geboren, wurde sie Realität. Sophia ist Göttin, ihre Schöpferkraft unmittelbar. «Was habe ich getan!?» Voller Entsetzen versuchte sie, das Erschaffende zu verbergen. Und damit fing die Geschichte der Menschheit an.

Der Sophia-Mythos ist Teil der Nag-Hammadi-Schriften, die 1945 in Ägypten gefunden wurden und die die wichtigsten Funde zur Erforschung der Gnosis enthalten, des urchristlichen Wissens, das in den folgenden Jahrhunderten verlorengegangen war. Sophias Werk war ein Himmelsbild, das einen Vorhang zwischen den oberen Lichtbereichen und den später entstandenen niederen Äonen bildete. Unterhalb des Vorhangs, auf der dem Licht abgewandten Seite, dehnte sich ein Schatten aus, der «Finsternis» genannt wurde.

Der Schatten wurde zur Materie. Der bereute Gedanke Sophias, das abgetriebene Kind sozusagen, das sie zu verbergen suchte und für das sie sich schämte, wurde zu dem, was als Demiurg bezeichnet wird: eine Gottheit, die die Menschen in der materiellen Welt gefangen hält. In dieser Welt, so steht es in der Hypostase der Archonten, hält sich der Demiurg für einen Alleinherrscher. Er gilt als Anführer der Archonten, Mächten der Finsternis, die aus Staub den Menschen erschufen, nach ihrem Leibe und dem Bild Gottes, des Unvergänglichen, der sich ihnen offenbart hatte. Dieses Abbild tragen wir in uns. Damit wir uns daran erinnern, traf Sophia eine folgenreiche Entscheidung.

Sie verliess das Pleroma, das Glanz-und Lichtmeer, von dem aus alles Gute strömt, und stürzte sich auf die Erde. Dabei zersprang sie in so viele Teile, wie es Menschen gibt. Seitdem ist sie hier bei uns. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, jede einzelne Menschenseele daran zu erinnern, dass sie einen göttlichen Funken in sich trägt. Nicht eher wird sie aufsteigen, bis es auch der letzte Mensch erkannt hat.

Blockiert

Der Sophia-Mythos spricht eine andere Sprache als die biblische Schöpfungsgeschichte. Man muss weder die eine noch die andere glauben. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, etwa: «Es ist alles aus einem Knall entstanden und wird, wie es aussieht, auch so enden.» «Wir kommen aus dem Nichts und werden auch wieder dort verschwinden.» oder: «Es gibt nur eine materielle Welt, mit oder ohne Demiurg.» Doch was machen diese Vorstellungen mit uns?

Was macht es mit uns, wenn wir uns für Fehlkonstruktionen halten, um die es nicht schade ist? Wohin führt die Selbstverachtung? Fühlt es sich gut an, sich selbst als ein unbedeutendes Nichts zu verstehen, eine Art Ding, das von einer Dunkelheit in die nächste wabert, ohnmächtig, unnütz, überflüssig? Mag sich mancher für mutig oder «realistisch» halten, der das glaubt. Nach dem Sophia-Mythos ist er dem Demiurgen und seinen Archonten auf den Leim gegangen.

Als Herrscher über die materielle Welt und Hüter der Illusion halten sie die menschliche Seele in Unwissenheit und blockieren die Erkenntnis ihrer göttlichen Herkunft. In der christlichen Theologie heissen sie Sünden. In der Matrix-Trilogie entsprechen sie der KI, die die Menschheit versklavt und die Matrix erschaffen hat und werden durch Agenten repräsentiert, die die Simulation überwachen und die Menschen unter Kontrolle halten.

Im Film und in der gnostischen Lehre ist ein Ausstieg nur über das Erkennen möglich. Die Erkenntnis – Gnosis - wirkt wie ein Schutzschild gegen die Manipulationen der Archonten. Sie können überwunden werden, wenn wir erkennen, dass wir nicht nur physische Wesen sind, sondern auch unsterbliche Seelen. Wenn wir das innerlich zulassen, ist der Bann gebrochen. Die Archonten haben keine Macht mehr über uns und Sophia kann eine Seele mehr nach Hause führen.

Impulsgeberin

In der aktuellen Auslegung kommt Sophia nicht immer gut weg. Die Wikipedia bezeichnet sie als Untergottheit, die der Hybris zum Opfer gefallen ist. Ihr «Vergehen» bestand darin, neugierig gewesen zu sein. Sie wollte etwas ausprobieren.

Aber Neugierde bringt Bewegung ins Spiel. Ohne sie würde sich nichts verändern. Das Unvergängliche, immer Seiende, der Urgrund, auf dem sich alles abspielt, braucht eine impulsgebende Kraft, wenn es eine Schöpfung geben soll. In vielen Mythen ist es die weibliche Kraft, die diesen Impuls setzt. Sophia, Eva, Pandora – diejenigen, die die Geschichte oft abgewertet hat, brachten sozusagen Leben in die Bude.

Sophias Problem war nicht der Impuls: Was passiert, wenn ich allein etwas erschaffe? Der Stein kam ins Rollen, als sie sich schämte und versuchte, ihre Tat zu verbergen. Sophia hat versucht, ihr Gedankenkind abzutreiben. Doch was einmal entstanden ist, geht nicht wieder weg. Was wir von uns stossen, verschwindet nicht. Es entwickelt ein Eigenleben, das nicht dadurch aufhört zu existieren, dass es nicht beachtet wird.

Die Prüfung

Für diesen Fehler bezahlte Sophia einen hohen Preis. Wie andere nach ihr stürzte sie sich aus dem Glanz- und Lichtmeer, um die Erfahrung weiterzuleben, die sie angestossen hatte. Sie opferte sich, um das Abgetriebene, Zerrissene und Zersprengte wieder zusammenzubringen und zu heilen. Sophia ist keine Herrscherin, sondern eine grosse Mutter. Sie will keine Untertanen, sondern freie Menschen, keine Sünder, sondern Wesen, die den göttlichen Funken in sich erkennen und annehmen. Sie ist eine liebende Kraft, der es um jede einzelne Seele geht, nicht irgendwo da oben, sondern hier auf der Erde.

Mit Sophia gibt es nur eine einzige Aufgabe zu erfüllen: das Erkennen des göttlichen Funkens in uns. Das macht uns nicht zu Göttern. Das Attribut des Göttlichen gibt uns Zugang zu unserer Schöpferkraft. Menschen sind nicht als Untertanen gedacht. Sie sind eigenständige Schöpferwesen, die im Bewusstsein ihres göttlichen Funkens eigene Realitäten erschaffen können.

Der Demiurg lässt seine Geschöpfe nicht einfach so gehen. Vieles wird in Bewegung gesetzt, um die Menschen weiter gefangen zu halten. Sie sollen Untertanen bleiben, Ressourcen, die die Hüter der Illusionen füttern. Auf keinen Fall sollen sie auf die Idee kommen, dass es etwas anderes gibt als die materielle Welt. Doch hier kommt ihm sozusagen Sophia in die Quere: Erkenne dich selbst. Erkenne den göttlichen Funken in dir. Erkenne, wer du wirklich bist. So kann die kosmische Reise weiter gehen. Es wird neue Aufgaben geben, neue Prüfungen zu überwinden auf einem Weg, auf dem es keine Anführer gibt, nur eine Kraft, die uns nicht verlässt und eine Liebe, die alles zusammenhält.

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

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