Unsere tiefste Angst
«Unsere tiefste Angst ist es nicht, ungenügend zu sein. Unsere tiefste Angst ist, dass wir über alle Massen kraftvoll sind». Die Samstagskolumne.
...
Wir sind mächtiger, als wir zugeben wollen. Grafik: Shutterstock

Ich kannte jemanden, bei dem ging alles schief. Immer, wenn es wieder soweit war, rief er mich an und klagte über sein Schicksal. Ich hörte zu, zeigte Verständnis, versuchte, zu trösten und Lösungen zu finden. Ich machte meinen Job als Mülleimer gut. Bis zu dem Tag, als ich die Sprache darauf brachte, dass er selbst vielleicht etwas mit dem zu tun hat, was ihm widerfährt. Da war die Freundschaft vorbei. Und ich bin nicht mehr bereit, Unrat bei mir abladen zu lassen, wenn ich am Ende allein saubermachen muss.

Ich kenne nur wenige Menschen, die dazu bereit sind, ihren eigenen Beitrag zu einer Situation anzuerkennen. Dinge passieren für sie irgendwie und fallen ihnen quasi vor die Füsse. «Damit habe ich nichts zu tun.» So sind die meisten heute bass erstaunt, wie sich die Welt entwickelt hat. Es ist, als gehörten sie nicht wirklich dazu und würden als Zuschauer durch das Leben gehen.

Viele haben vergessen, wie wichtig und entscheidend der Beitrag jedes Einzelnen zu einer Gemeinschaft ist. Viele fühlen sich unbedeutend. Was kann ich schon tun? Was soll das schon bringen? Also ziehen sich die meisten in eine private Bubble zurück, von der aus sie frustriert und hilflos beobachten, wie ihre Welt gerade untergeht.

Versteckte Vorteile

«Wozu brauchen Sie Ihre Krankheit?» Es gibt Ärzte, die ihren Patienten diese Frage stellen. Sie mag verwundern, vielleicht empören. Sollen wir eine Krankheit brauchen? Wir wollen sie doch gerade weghaben. Doch hintergründig gibt es Vorteile. Wir müssen nicht mehr arbeiten. Jemand kümmert sich um uns. Man bemitleidet uns. Wir bekommen eine gewisse Wichtigkeit. Wir wissen oder finden heraus, warum es uns schlecht geht. Das Leben hat einen bestimmten Sinn.

Opfersein hat vieles für sich. Opfer sind unschuldig. Täter sind schuldig. Täter machen Fehler. Opfer können nichts dafür. Sie bekommen Verständnis und Mitgefühl, Aufmerksamkeit und Fürsorge und stehen moralisch auf der richtigen Seite. Man leidet zwar, fühlt sich aber auch irgendwie gut. Doch der Preis dafür ist hoch. Man ist abhängig von der Anerkennung durch andere, verengt den Blick auf das eigene Leben, fühlt sich ohnmächtig und verliert auf Dauer Handlungsspielraum.

Opfer werden nicht zur Verantwortung gezogen. Täter ja. Sie müssen bezahlen. Das ist wichtig, wenn jemand einem anderen Leid zugefügt hat. Es muss einen Ausgleich geben. Doch jemand, der sich dauerhaft in eine Opferrolle begibt, schadet der Gemeinschaft. Langfristig führt seine Haltung zu Isolation, Unzufriedenheit und Konflikten.

Zwischen den Fronten

Wenn jemand verletzt ist, muss die erste Massnahme sein, die Wunde zu versorgen. Dem Ertrinkenden muss die Hand gereicht werden, dem Hungernden ein Stück Brot. Dem Verfolgten mit Philosophie zu kommen, nützt ihm wenig. Wer in Not ist, braucht keine klugen Gedanken, sondern Hilfe. Die muss er bekommen. Doch diejenigen, die sich in diesem Moment nicht in einer Notsituation befinden, können sich Gedanken darüber machen, ob Menschen nicht auch «ihres eigenen Glückes Schmied sind.»

Hier gehen die Meinungen scharf auseinander. Der Satz gilt vielen als zynisch, da er reale Ungleichheiten ignoriert und unterstellt, dass jeder die gleichen Chancen hat. Er vereinfacht komplexe Lebensrealitäten und ist in Krisensituationen vollkommen unpassend. Auf der anderen Seite vermittelt er ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Würde. Es gibt etwas, was grösser ist als Pech, Schicksalsschläge und strukturelle Ungerechtigkeiten.

Mir hat es geholfen, mich zu fragen, wozu ich meine Krebserkrankung brauchte. Für mich war es furchtbar, mich als hilfloses Opfer zu fühlen, ein Körper, über den andere mehr zu wissen scheinen als ich selbst. Ich mag es nicht, mich wie ein von unbekannten Mächten über das Feld gekickter Ball zu fühlen. Ich möchte zumindest die Spielregeln verstehen, um aktiv an dem Spiel mitwirken zu können.

Ich habe das gemacht

«Unsere tiefste Angst ist es nicht, ungenügend zu sein. Unsere tiefste Angst ist, dass wir über alle Massen kraftvoll sind». Die Worte der politischen Aktivistin und spirituellen Lehrerin Marianne Williamson sind bekannt aus einer Rede von Nelson Mandela 1994 in Pretoria. Seitdem wurden sie oft wiederholt. Doch wurden sie verstanden? Jeder hört gern, dass er mehr kann und zu mehr in der Lage ist, als er gerade zeigt. Doch wenn es darauf ankommt, machen die meisten einen Rückzieher.

Wir glauben es einfach nicht. Nicht ohne Wirkung erzählt man uns seit Jahrtausenden, wir seien sündig, gefährlich, unvollkommen, nichts wert, ersetzbar. Um das auszuhalten, versuchen wir, maximal Einfluss auszuüben und Spuren zu hinterlassen. Wir manipulieren, kontrollieren und versuchen, allem unseren Stempel aufzudrücken als Beweis dafür, existiert zu haben.

Doch wie wäre es, wenn wir uns darüber bewusst werden, dass jeder unserer Gedanken, jedes Wort, jede Tat, unmittelbar Früchte trägt. Es klingt wie im Märchen. Jeder Wunsch wird erfüllt. Wir wüssten ganz genau, dass wir die Gestalter unserer Realität sind und dass wir das erschaffen, was uns begegnet. Auch dann, wenn wir es noch nicht verstehen. Auch dann, wenn es unangenehm ist und wehtut.

Das bedeutet eine Menge Verantwortung. Wir können uns bei niemandem mehr beschweren, über niemanden mehr lästern, niemanden mehr beschuldigen, niemanden mehr angreifen. Wenn sich die Menschen darüber bewusst wären, wieviel schöpferische Kraft in ihnen steckt, hätten wir keine Kriege mehr. Wir hätten Frieden. Und genau deshalb wird die Opferhaltung mit allen Mitteln und an allen Fronten gefördert.

Ohne Opfer keine Täter

Ein ganz anderer Aufstand der Opfer wäre notwendig, um aus der Opfer-Täter-Dynamik herauszukommen. Ja, es geschieht Unrecht. Ja, es muss beglichen werden. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden. Alle Täter. Auch die Opfer. Denn auch sie sind Täter. Wir sind niemals nur das eine oder das andere.

Ob bewusst oder unbewusst: Opfer suchen sich ihre Rolle aus. Was wähle ich? Pech oder Gelegenheit? Ohnmacht oder Selbstermächtigung? Widerstand oder Akzeptanz? Da machen die meisten nicht mit. Sie ziehen es vor, Spielball zu sein und andere über sie bestimmen zu lassen. Um der Eigenverantwortung auszuweichen, gibt es eine Menge Strategien. Ausreden, Ablenkung, Schuldzuweisungen, Verdrehungen, Projektionen, Lügen, Angriff, Verweigerung. Das Leben ist eben ungerecht.

Es ist, als wollten wir Kinder bleiben. Anstatt Verantwortung für das zu übernehmen, was uns begegnet, gehen wir petzen. Wir schwärzen die an, die die Fehler machen, und lenken von der eigenen Person ab. Mancher findet Genuss darin, sich mindestens für einen Augenblick besser zu fühlen, klüger, gerechter, stärker, schöner.

Menschen mit einem geringen Selbstwert verhalten sich so. Sie können nicht für sich selbst stehen. Das können nur Menschen, die sich selbst gut kennen und die ihre Schwächen und ihre Stärken integriert haben. Nur solche Menschen können Verantwortung übernehmen. Sie klagen nicht nur über Missstände, sondern wenden sich der einzigen Stelle auf der ganzen Welt zu, an der sie etwas verändern können: sich selbst.

Je weniger wir das verstehen, desto heftiger werden uns die Ereignisse daran erinnern. Je mehr Menschen sich weigern, ihren eigenen Anteil an einer Situation zu sehen, desto grösser wird das Chaos. Ob wir es wollen oder nicht: Hierfür tragen wir alle Verantwortung, eine Verantwortung, die uns fragt: Na, wie verhältst du dich jetzt? Klagst du noch oder lebst du schon?

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

Newsletter bestellen