Eine alte Binsenweisheit sagt: Nur Lebendiges schwimmt gegen den Strom. Tote Fische treiben mit im Strom. Lebendigsein, auf die innere Stimme hören, in einer guten Verbindung zu sich selbst und zur eigenen Geschichte stehen, einen Meinungsdiskurs nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung erleben, den Mut finden, sich zu positionieren, die Angst vor Abgelehnt- oder Ausgeschlossenwerden verlieren… All das könnten Bausteine sein dafür sein, sich frei und damit auch sicher und «gewiss» zu fühlen.
In der Notfallpsychologie habe ich gelernt: Auslöser für eine Traumatisierung ist u.a. die Erschütterung der bisherigen Grundgewissheiten im Leben. Zum Beispiel, dass wir (und unsere Liebsten!) safe sind, dass wir sie schützen und uns auf eine Normalität verlassen können, dass «so etwas» «bei uns im Westen» nie passieren kann. Ob die aktuelle militärische Intervention der USA in Venezuela unter Umgehung des Völkerrechts oder ob der Silvester-Brand von Crans Montana unter offensichtlicher Umgehung elementarster Sicherheits- und Kontrollvorschriften: solche Ereignisse sind keine Naturkatastrophen, die schicksalshaft über uns gekommen wären, sondern menschen- und politik-gemachte Katastrophen, wie wir das unter «den moralisch Guten auf der richtigen Seite des Wertewestens» oder «bei uns in der sicheren Schweiz» niemals für möglich gehalten hätten.
Heute, am 9. Januar, läuten um 14 Uhr alle Glocken in der Schweiz. Eine Schweigeminute. Ein Land hält kurz still und gedenkt. Diese kollektive Trauerbekundung kannte auch Deutschland nach dem Absturz der German Wings am 23.3.2015 in die französische Alpen. Es geht um Sichtbarmachen, um Öffentlichkeitscharakter und Gemeinschaft: Es hätte ja auch mein Kind oder meine Schwester sein können im Flugzeug oder in der Bar von Crans Montana. Die süddeutsche Zeitung schrieb damals zu diesem Gedenken: «Ein Ort des Zwecklosen, Fraglosen, Antwortlosen. Und gerade darin liegt sein Sinn.»
Wenn wir also kollektiv trauern können, dann sollten wir auch miteinander Gewissheiten finden können. Nicht, dass wir sicher sind, sondern dass wir sicher sein können, zumindest in Krisenzeiten nicht alleine sein zu müssen. Darin liegt im Übrigen ja auch der politische wie gesellschaftliche Wert eines (Trauer-) Rituals: «Es schafft Zeiten und Räume für das Unerklärte und Unerklärliche. In ihnen muss sich das Gemeinwesen nicht neu erfinden, in ihnen versichert es sich seiner Grundlagen.» (SZ vom 24.3.15)
Und da bin ich wieder bei der Binsenweisheit des Beginns. Gedenken da in der Schweigeminute für die Opfer von Crans Montana nur «Lebendige», die gegen den Strom schwimmen? Und warum gibt es ja jetzt bei den westlichen Regierungschefs betretenes Schweigen, sie müssten «die komplexen Verhältnisse in Venezuela» erst mal «in aller Ruhe» «einordnen»?
Vielleicht helfen solche Zäsuren zu einer Relativierung der Verhältnisse von Stigmatisierung, Culture Cancel, Denunzierung, Ausgrenzung und Polarisierung, wie wir es seit einigen Jahren bei (gesellschafts-)politischen Reizthemen wie Corona und (sogenannte Aufarbeitung), Ukraine und Gaza, Migration und Asylwesen, Klimawandel und soziale Gerechtigkeit, Digitalisierung , Gendern und ähnliches erleben müssen. Weil es jetzt, nach Venezuela (kommt bald Grönland? Oder Kolumbien?) und nach Crans-Montana gar nicht mehr darauf ankommt, auf welcher Seite wir bei diesen genannten Themen stehen? Vielleicht helfen diese Ereignisse tatsächlich wieder zu einem vermehrten Miteinander!
Trauer ist die Reaktion auf eine Verlusterfahrung. Wir haben etwas Wertvolles, Liebevolles verloren, das uns jetzt schmerzlich fehlt. Es gibt aber auch Verlusterfahrungen, die heilsam sein können, weil sie im guten Sinne desillusionieren, neue Kräfte wecken und Horizonte eröffnen. Wenn das Bisherige nicht mehr «gewiss» ist, dann brauchen wir neue Sicherheiten. Wir finden sie nachwievor in uns, in dem, was wir Intuition nennen oder Authentizität, in dem, was wir Mut nennen, die eigenen Überzeugungen zu leben. Ja, in der Lebendigkeit, gegen den Strom schwimmen zu können. Wir finden sie aber auch in der Gemeinschaft von anderen, die ebenso nach neuen Gewissheiten suchen.
Vielleicht ist die heutige Schweigeminute ein kleines Puzzleteil in diesem Suchprozess!
