Wandel durch freies Handeln
Ein Dialog mit Guy Bettini, dem Schweizer Improvisationsmusiker, Klangkünstler und bildenden Künstler über den Weg der Freiheit
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Guy Bettini

DAS BLATT (1) vom Januar 2026 ist dem Thema «Wandel» gewidmet. Guy Bettini und Ueli Keller, die sich dafür virtuell austauschten, kannten sich zuvor nicht und sind noch nie leibhaftig begegnet.


Guy, wir sind uns beim Bildungsforum Schweiz (2) mit einem Zoom virtuell begegnet. Eines der Diskussionsthemen betraf dabei das Dasein in einem Zwischenraum: In einer Welt, wo Altes nicht mehr geht, und wo Neues noch nicht steht. Mit dem, was Du dazu spiegeltest, habe ich mich kreativ verstanden gefühlt. Im Nachgang zu diesem Zoom habe ich Dir dazu meinen Beitrag «Dasein in einem Zwischenraum» gemailt, wie er vom ZE!TPUNKT veröffentlicht wurde (3). Magst Du mitteilen, was Dir dabei auf- und dazu einfiel?

Ja, auf der einen Seite erkennt man die Falschheit, die von der Menschheit noch immer gelebt, geglaubt und genährt wird, und auf der anderen Seite erkennt man ein unermessliches Licht der Wahrheit, das jedoch noch nicht in den konkreten Entscheidungen des täglichen Lebens angenommen und zum Ausdruck gebracht werden konnte.

Was wäre, wenn sich dieser Zwischenraum, der ein Gefühl der Reglosigkeit, Ohnmacht, Unfähigkeit und Begrenztheit mit sich bringt, in einen Strom von Energien, Visionen und Empfindungen verwandeln würde, jenseits des Gegensatzes zwischen einer alten Welt, die nicht mehr geht, von der man sich aber nicht befreien kann, und einer neuen Welt, die man für möglich hält, aber noch nicht leben kann?

Diese Transformation setzt die Annahme einer Dimension voraus, die jenseits von Zeit und Raum liegt, einer Dimension, in der man in Zeitlosigkeit und Raumlosigkeit lebt.

Wenn man von einem Raum spricht, der sich zwischen etwas befindet, das nicht mehr geht, und etwas, das noch nicht verwirklicht ist, dann ist dieser Raum auch ein zeitlicher Raum, ein Moment zwischen zwei unterschiedlichen Zuständen. Deshalb spricht man, wenn man von einem Zwischenraum spricht, auch von einer Zwischenzeit.

Der Zwischenraum vermittelt ein Gefühl der Blockade, der Reglosigkeit, der Eingeschlossenheit innerhalb einer Grenze. Einer Grenze zwischen zwei verschiedenen Realitäten: eine Realität, die noch vorhanden ist, aber nicht mehr geht, und zu der man sich nicht mehr zugehörig fühlt, sowie eine andere Realität, die man als richtig, wahr und möglich empfindet, die aber noch nicht vorhanden und lebbar ist. Die Zwischenzeit vermittelt ein Gefühl des Wartens, der Pause, der Schwebe. Man fühlt sich zwischen dem, was war, und dem, was sein könnte, in der Schwebe.

Man fühlt sich gespalten zwischen einer alten, mittlerweile überholten Realität, die man als falsch erkennt, und einer neuen Realität, die gerade, weil sie neu ist, auch ganz oder teilweise unbekannt ist. Und um sich für etwas Unbekanntes zu öffnen - für eine Welt, die man als wahr und richtig empfindet, die aber so anders ist als die bekannte und bisher gelebte Welt - muss man viel Vertrauen haben: Was erwartet mich, wenn ich mich ganz dem Neuen öffne? Welche Gewohnheiten der alten Welt muss ich aufgeben? Werde ich diesen Übergang bewältigen können? Und wie werden sich die Menschen in meinem Umfeld entscheiden? Werden sie mir in diese neue Realität folgen, oder muss ich diesen Weg alleine gehen?

Diese und viele andere Fragen schwirren im Kopf herum und blockieren die Spontaneität der aus dem Herzen kommenden Entscheidung.

Aber stimmt es wirklich, dass die Gegenwart nur eine Zeit zwischen Vergangenheit und Zukunft ist? Was gibt es jetzt, in diesem gegenwärtigen Moment, jenseits von Vergangenheit und Zukunft? Welche Möglichkeiten gibt es in diesem gegenwärtigen Moment? Welche Veränderungen können jetzt vollzogen werden, wenn man sich von den Bindungen an die Vergangenheit, die nicht mehr funktioniert, befreit und sich dem Neuen anvertraut, das sich richtig und wahr anfühlt?

Wenn man sich über diese Dualität von Alt und Neu erhebt, erkennt man, dass es in Wahrheit eine Dimension gibt, die jenseits dieser Dualität liegt, eine Dimension, die die Gegensätze in sich aufnimmt und sie transzendiert. Es ist die Dimension des Bewusstseins der Einheit von allem, was IST.

Raum und Zeit gehören zur alten Welt, sie sind eine jener Illusionen, in denen sich die Menschheit eingerichtet hat, und die sie für wahr hält. Wenn man aus der Reglosigkeit des Zwischenraums und der Zwischenzeit herauskommen will, ist man aufgerufen, die Illusionen, die Unwahrheiten und die tiefe Unbewusstheit, die die Grundlage der alten Welt bildeten, anzuerkennen und anzunehmen, jegliche Form der Beurteilung ihnen gegenüber auszusetzen und sie mit einem immensen Akt der Liebe und des Vertrauens loszulassen, um der neuen und wahren Welt zu ermöglichen, sich an ihrer Stelle zu etablieren.

Wenn die alte Welt, obwohl sie nicht mehr funktioniert, immer noch präsent ist, dann deshalb, weil sie immer noch erzeugt, genährt und für real gehalten wird.

Wie kann man also die neue, wahre Welt präsent machen?

Indem man sie erschafft, nährt, sie zunächst in sich selbst real werden lässt und sie dann nach und nach auch ausserhalb von sich zum Ausdruck kommen lässt.

Die uns umgebende Welt ist ein Spiegel unseres Inneren. Wenn wir also in uns selbst jene wahre Welt verwirklichen, die wir ausserhalb von uns noch nicht verwirklicht sehen, dann kann sie auch ausserhalb, im sozialen, weltlichen Kontext Gestalt annehmen. Spüren wir in uns laut und deutlich den Ruf nach der wahren und neuen Welt?

Wir sind nun aufgerufen, ihm zu folgen, auf ihn zu hören, ihm zu vertrauen. Wir sind nun eingeladen, dieser neuen und wahren Realität zu ermöglichen, sich zu manifestieren, sich zu verwirklichen, vor allem in uns selbst. Auf diese Weise geben wir ihr die Erlaubnis, sich auch im Aussen zu verwirklichen.

Die ewige Quelle, die in jedem sprudelt, begleitet uns auf dem freien und freudigen Weg der empfangenden Schöpfung und des kreativen Empfangens, indem wir spontan die Wahrheit empfangen und erschaffen, die wir in unserem Herzen verspüren.

Danke und wunderbar, Guy. In der Welt, in der wir leben, gibt es viele Übergänge. Nicht nur beispielsweise kalendarische vom alten in ein neues Jahr. Sondern auch grundsätzlich und überhaupt. Und dies sowohl im Aussen wie im Innen.

Mein Leben ist geprägt von Ideologien, Institutionen und Personen, die mich zu einem falschen Selbst erzogen haben: mit einem Selbstwert, der vor allem auf Leistung basiert.

In solch einem Sinn habe ich es im Aussen einigermassen weit gebracht, aber mich dabei im Innen zum Teil kaputt gemacht. Wenn ich mich in der Welt umschaue, habe ich das Gefühl, dass ich damit keine Ausnahme bin, sondern einer Regel entspreche.

Die Überzeugung, dass der Kampf oder gar der Krieg von Menschen gegen Menschen eine unabdingbare Gegebenheit sei, halte ich für einen Unsinn: und dies auch dann, wenn eine grosse Mehrheit nach wie vor daran glaubt. Solange wir solch einem Glaubenssystem Energie spenden, nähren wir es.

Das System funktioniert nur durch Menschen, die diesen Unsinn mitmachen. Begegnen wir ihnen mit Liebe und Verständnis. Bringen wir die Diener dieses Systems achtsam ins Nachdenken und in eine höhere Schwingung des Bewusstseins. Die für die Menschheit existenziell massgebende Frage lautet: Bewusstseinssprung oder Selbstzerstörung?

Handelnd sich verwandeln: Wie ging und geht es dabei Dir, Guy? Und wo im Leben stehst Du damit heute und konkret in Deinem Alltag?

Ich verstehe sehr gut, was du meinst, und möchte dir meine Sichtweise dazu erläutern.

Das Glaubenssystem, in dem wir leben, funktioniert nur dank der Mitwirkung der Menschen, die es nähren und es durch ihren anhaltenden Glauben an all die falschen und illusorischen Realitäten, die das System vorschlägt und auferlegt, immer mächtiger machen.

Aber ich habe mich gefragt: Können wir diese Menschen wirklich als Diener des Systems bezeichnen? Dienen sie wirklich einem externen System? Oder ist es richtiger zu sagen, dass sie Diener ihrer selbst sind, dass sie sich einem Glaubenssystem unterwerfen, das sich in ihnen festgesetzt und verfestigt hat?

Dieses externe System hätte keine Macht, wenn es nicht tief verwurzelt und mächtig in jedem Menschen vorhanden wäre.

Wenn jemand glaubt, dass Krieg unabdingbar ist, dann deshalb, weil er diesen Krieg in sich selbst als unabdingbar empfindet. Ich meine, wie kann man Vertrauen in die Verwirklichung einer Welt des Friedens und der Harmonie im Aussen haben, wenn man im Inneren ständig in Konflikt lebt.

Ich sehe diesen Konflikt hauptsächlich als eine Spannung zwischen zwei Positionen: auf der einen Seite das eigene wahre Empfinden, dem man keine Beachtung schenken will, weil man es für falsch hält, auf der anderen Seite das, was man für richtig, angemessen, bequem, sicher, offensichtlich und regelkonform hält.

Die Menschen haben die Aufgabe, das innere Gefängnis zu entlarven, das sie sich selbst geschaffen haben, indem sie sich äusseren Willen unterworfen haben, bis diese zu falschen inneren Willen wurden, sodass sie den Kontakt zu ihrem wahren Wesen völlig verloren haben. Auf diese Weise können sie sich von der Dienerschaft gegenüber dem inneren Glaubenssystem befreien und so natürlich auch von der Dienerschaft gegenüber dem äusseren System. Es ist also von grundlegender Bedeutung, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten, denn nur in unserem Innersten können wir die wahre Ursache jeder Situation erkennen, niemals im Aussen.

Wenn ich nun zum Thema Verwandlung komme, halte ich es für wichtig, zunächst einmal zu klären, was ich in diesem Moment unter Verwandlung verstehe.

Ich spreche von einem sehr tiefgreifenden Prozess, der vor allem im Innersten stattfindet und dessen Verwirklichung in der Materie auf natürliche Weise erfolgt, als spontane Manifestation dieses inneren Geschehens.

Diese Verwandlung, die alle Schichten und Dimensionen des Seins vereint, ist nur möglich, wenn man dem folgt, was man wirklich im Herzen fühlt.

Wie ist es möglich, sich zu verwandeln und Verwandlungen zu vollziehen, wenn man an dem festhält, was in der Vergangenheit gedacht, vorbereitet und geplant wurde (von uns oder von anderen für uns) und an dem, was man in die Zukunft projiziert?

Die Strukturen der Vergangenheit und die Sorgen um die Zukunft blockieren das, was wir als den Zwischenraum zwischen diesen beiden Situationen bezeichnen können, und verhindern so die freie Entfaltung.

Es ist klar, dass die Vergangenheit mit ihren Entscheidungen, die bereits in Übereinstimmung mit dem getroffen wurden, was als gültig, zweckmässig und sicher angesehen wurde, Garantien bietet. Dieselben Garantien, die auch in der Zukunft beibehalten werden sollen. Daher handelt man in der Gegenwart auf der Grundlage der Garantien, die uns die Vergangenheit bietet, und mit dem Ziel, diese Garantien in der Zukunft beizubehalten oder sogar zu verbessern. Garantien, die in erster Linie innere Muster sind, die dann auch nach aussen hin Gestalt annehmen: Ideologien, Gewohnheiten, Verhaltensweisen, Denkweisen, Masken, die man trägt, um sich bestimmten Umfeldern anzupassen, finanzielle Sicherheit, affektive Sicherheit usw.

Das Verwandlungspotenzial ist immer vorhanden, wird jedoch erst dann aktiviert, wenn wir uns bewusst dafür entscheiden, sowohl die Sicherheiten aus der Vergangenheit als auch diejenigen, die wir für die Zukunft für notwendig halten, loszulassen.

Das Verwandlungspotenzial wird aktiviert, wenn wir uns für das Leben in Freiheit entscheiden. Diese Entscheidung mag für die uns umgebende Welt, für das System und für die Menschen in unserem Umfeld absurd erscheinen.

Sich für die Freiheit zu entscheiden, erfordert eine Vision von neuen Realitäten, frei von Garantien und Gewissheiten, von Ideologien und festen Denkmustern, und es erfordert auch das Vertrauen in ihre Verwirklichbarkeit in der konkreten Welt.

Mein Gefühl sagt mir, dass Verwandlung in vollständiger Verbindung mit Freiheit steht. Um sich zu verwandeln, muss man sich erlauben, frei zu sein. Frei, auf das zu hören, was man wirklich fühlt, und frei, in Übereinstimmung mit seinem wahren Gefühl zu handeln, auch wenn diese Handlungen weit entfernt sind von dem, was als logisch, offensichtlich, zweckmäßig oder sogar obligatorisch angesehen werden.

Diese freien Entscheidungen zur Verwandlung sind jederzeit möglich, in jedem Augenblick können wir uns für die Freiheit entscheiden und damit die Verwandlung aktivieren. Dann gibt es Momente, in denen dieser Prozess verstärkt wird und auch nach aussen hin deutlich sichtbar wird.

Ich erzähle dir ein Beispiel aus meinem Leben, einen Moment tiefer und entscheidender Verwandlung, der mein Leben komplett verändert hat.

Nachdem ich die Kunstgewerbeschule in Basel besucht hatte, traf ich während meines Studiums an der Akademie der Schönen Künste in Brera in Mailand eine bedeutende Galeristin aus Zürich, die kurz zuvor eine wunderschöne Galerie am Seeufer in Ascona eröffnet hatte. Sie gab mir eine grosse Chance, indem sie meine Werke ausstellte und sie auch anderen Galerien in Zürich anbot.

Seit meiner Kindheit bin ich mit der grafischen Kunst vertraut. Mein Grossvater hatte in Ascona eine Druckerei gegründet, und mein Vater, ebenfalls Drucker, hatte das Familienunternehmen weitergeführt und erweitert. Schon als Kind hatte ich die Gelegenheit, einige Holzschnitte anzufertigen, die mein Vater zu Postkarten druckte.

Als ich von der Kunstgewerbeschule zurückkam, gab mir mein Vater verschiedene Aufträge als Grafiker für seine Kunden. Meine grafischen Entwürfe wurden gut angenommen, und so gewann ich in kurzer Zeit das Vertrauen vieler Kunden.

In der Zwischenzeit hatte auch die Galeristin begonnen, meine Bilder gut zu verkaufen, sodass ich immer mehr davon überzeugt war, ein echter Künstler zu sein, ein Künstler, der sich mit dem, was er am liebsten tat, seinen Lebensunterhalt verdienen konnte, der seiner Inspiration folgen und gleichzeitig soziale und finanzielle Anerkennung finden konnte.

Ich schloss mein Studium an der Akademie mit guten Noten ab, was mir auch die offizielle Bestätigung gab: Jetzt war ich für alle ein echter Künstler. So identifizierte ich mich vollständig mit dieser prestigeträchtigen Rolle, auf die ich so stolz war.

Seit jeher gab es in mir noch eine andere grosse Sehnsucht: die Musik.

Gerade während meines letzten Jahres an der Akademie begann ich, mit Klängen und Geräuschen zu spielen. Später fing ich auch an, Trompete zu spielen, die Welt der Klänge öffnete sich mir und ich war davon fasziniert.

Bald darauf folgten die ersten Konzerte an verschiedenen Orten. Ich hatte einige Musiker aus der Gegend mit ins Boot geholt, und zusammen machten wir eine andere, seltsame Musik, eine improvisierte Musik, die im Moment entstand, eine Musik, in der alles möglich war: Klänge, Geräusche, Stille... Diese unerhörte, so neue und seltsame Musik zog ein bestimmtes Publikum an. Wir hatten viel Spass und brachen dabei die Mauern der musikalischen Tradition ein. Für viele war das, was wir machten, keine Musik, für andere hingegen war es die Musik der Zukunft. Mein Herz vibrierte wie nie zuvor.

Nach Abschluss meines Studiums schlug mir mein Vater vor, ein Grafikstudio über der Druckerei einzurichten und so das Unternehmen zu erweitern, das ich eines Tages leiten könnte. Ich dankte ihm für sein Vertrauen und seinen Vorschlag, enttäuschte ihn jedoch zutiefst, als ich ihm sagte, dass ich mir einen Lieferwagen kaufen und wegziehen würde, um meinem Herzen zu folgen.

In diesem Moment sagte mir mein Herz: «Lass alles hinter dir, folge der Schwingung deines Klangs, mach dir keine Sorgen, vertraue darauf.»

Ich ging auch zur Galeristin, dankte ihr für die wunderbare Erfahrung, die ich mit ihr gemacht hatte, und verabschiedete mich. So verabschiedete ich mich auch von der Person, die sich mit der Rolle des Künstlers identifiziert hatte.

Jetzt war es der Ruf der Musik, der mich leitete, und nichts hätte mich aufhalten können, denn ich war zutiefst davon überzeugt, dass diese Entscheidung richtig war.

Meine Verwandten, Freunde und Bekannten riefen mir im Chor zu, dass ich mein Talent, alles, was ich erreicht hatte, und alles, was mir geboten worden war, wegwarf: eine wunderbare und beneidenswerte Karriere als Künstler und Grafiker mit einer gut funktionierenden Druckerei im Rücken. Sie wiederholten mir, dass ich nie Musik studiert hatte, geschweige denn Trompete, und dass meine Entscheidung reiner Wahnsinn sei.

Ich erlaubte mir, frei zu wählen, auch wenn meine Wahl nicht mit dem übereinstimmte, was die Menschen und Situationen um mich herum von mir erwarteten. Das ermöglichte mir, mich zu verwandeln, frei zu handeln und mich spontan zu bewegen. Ich konnte die Welt bereisen, in Berlin leben und mich ungemein bereichern, indem ich meinem wahren Selbst immer näherkam.

Das ist ein sehr radikales und extremes Beispiel, aber es zeigt meiner Meinung nach deutlich einen Übergang, einen sehr tiefgreifenden Moment der Verwandlung. In Wirklichkeit sind diese freien Entscheidungen zur Verwandlung kontinuierlich und müssen in jedem Moment erneuert werden.

Das wurde mir sehr deutlich bewusst, als ich viele Jahre später, auch dank einer inneren Selbstfindungsreise durch Meditation, erkannte, dass sich diese Anziehungskraft der Musik ebenfalls in eine Identifikation verwandelt hatte.

Ich war nun zum Trompeter geworden, und das hinderte mich erneut daran, frei zu sein. Es gab Pflichten, Regeln und Leistungen, denen sich diese Figur des Trompeters unterwerfen musste, und das gab mir das Gefühl, gefangen zu sein, und schränkte mich in meiner Fähigkeit ein, mich neuen Erfahrungen zu öffnen.

So verspürte ich das dringende Bedürfnis nach einer weiteren Verwandlung und verabschiedete mich von der Persönlichkeit des Trompeters, um endlich in einer Dimension anzukommen, in der ich mich frei fühle, mich nicht mehr mit einer Persönlichkeit zu identifizieren, und mich spontan im Augenblick bewege, indem ich auf das höre, was mein Herz mir in jedem Moment wirklich sagt.

In bestimmten Momenten widme ich mich der bildenden Kunst, male Bilder, schaffe Skulpturen oder spiele, singe, schreibe Texte, widme mich dem Garten, renoviere das Haus, in dem ich lebe, und all dies, indem ich nur der Resonanz folge, ohne meinem Handeln Ziele, Zwecke oder Erwartungen voranzustellen, ohne mich in Disziplinen einzuschliessen und ohne die Verlockung der Leistung nachzugeben.

Es gibt immer noch Momente, in denen etwas in mir versucht, sich an zu erreichende Ziele zu klammern, in denen ich ein Gefühl der Pflicht verspüre, das mich dazu drängt, bestimmte Handlungen vorzuziehen. Die Entscheidung muss, wie gesagt, in jedem Augenblick erneuert werden. Genauso wie wir in jedem Augenblick aufgefordert sind, aufmerksam auf uns selbst zu hören.

Jeder geht jedoch seinen eigenen Weg und bewegt sich in seinem eigenen Tempo. Die Entscheidung für die Verwandlung ist immer möglich, ja, sie steht immer zur Verfügung. In jedem Moment kann jeder in jeder kleinen täglichen Entscheidung wählen, sich für die Verwandlung zu öffnen, sich vor allem zu erlauben, frei auf seine wahren Gefühle zu hören und sich der Möglichkeit zu öffnen, ihnen zu folgen. Auch wenn es manchmal nicht leicht ist, sofort aus alten Verhaltens- und Handlungsmustern auszubrechen, ist es möglich, sich dieser Möglichkeit zu öffnen und das Potenzial der Verwandlung zu aktivieren, das immer in uns vorhanden ist.

Lieber Ueli, jetzt kannst du besser nachvollziehen, woher und wie «Das Manifest der Musik, die IST» entsprungen ist, das meine Lebensgefährtin Valentina Gilli und ich 2023 verfasst haben. Du hattest mich gebeten, es in dieser Zeitschrift zu veröffentlichen, da es dich so sehr inspiriert hatte, und ich hatte dir angesichts seiner Komplexität vorgeschlagen, den Leser durch einen Dialog zwischen uns in Resonanz mit ihm zu bringen. Gerne werden wir für DAS BLATT einen Gastbeitrag zum Thema unseres Manifests verfassen. Auf unserer Website (4), wo man Gemälde und Skulpturen sehen und auch Klänge hören kann, werden einige Auszüge aus unserem «Manifest der Musik, die IST» zu finden sein.

Guy, ich bin begeistert und fühle mich bereichert. Und ich freue mich auf die Bilder und die Skulpturen sowie auf die Musik von Euch auf Eurer Website.

Euer Manifest bringt mein folgendes Mantra für einen Wandel aus innerer Freiheit zum Klingen und zum Schwingen:

Mögen wir in unseren Herzen wohnen.
Mögen wir unseren inneren Frieden finden.
Mögen wir uns selbst genügen und glücklich sein.
Mögen wir uns ganz, heil, wohl geborgen und frei fühlen:

Frei von Hass, dem Schattengefühl von Wut.
Frei von Resignation, dem Schattengefühl von Trauer.
Frei von Lähmung, dem Schattengefühl von Angst.
Frei von Illusionen, dem Schattengefühl von Freude.
Frei von Selbstzerfleischung, dem Schattengefühl von Scham.

Mögen wir im Frieden mit uns leben:
In der Welt wie sie ist und sein wird.

Wo Wut ist, möge Klarheit werden.
Wo Trauer ist, möge Liebe werden.
Wo Angst ist, mögen wir kreativ werden.
Wo Freude ist, möge Energie fliessen.
Wo Scham ist, möge Demut werden.

Mögen wir uns mögen:
Im Hier und Jetzt und so, wie wir sind.
Mögen wir uns gut fühlen und Gutes tun:
Für unsere Erde, für andere und für uns.
Mögen wir von innen heilen und ganz werden:
Mit der Lebenskraft in unserem Körper.
Mit der Liebe in unserem Herzen.
Und mit dem Gold in unserer Seele.

 

Links und Quellen

(1) Link zu den bisherigen bald 60 Ausgaben von DAS BLATT: https://round-about-peace.com/das-blatt.

(2) Bildungsforum Schweiz: https://bildungsforum-schweiz.ch/.

(3) Dasein in einem Zwischenraum:. https://zeitpunkt.ch/dasein-einem-zwischenraum

(4) Website mit Bildern, Skulpturen und Klängen: www.auralucis.ch und E-Mail:

[email protected]

Ueli Keller

Ueli Keller

Ueli Keller ist ausgebildet als Lehrer und als Heilpädagoge, als Supervisor- und Organisationsentwickler sowie als Bildungswissenschaftler. Er war 45 Jahre in mehreren Berufsfeldern lohnerwerbstätig. Seit 2012 pensioniert, ist er als frei schaffender Bildungs- und Lebensraumkünstler mit Herz, Kopf, Hand und Fuss in diversen Tätigkeitsfeldern unterwegs. Unter anderem europaweit als Koordinator des Netzwerks «Bildung & Raum» sowie als Botschafter für Neue Politik (www.einestimme.ch).

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