Wenn wir heute von den grossen steinzeitlichen Anlagen Europas sprechen, benutzen wir Begriffe wie Grosssteingrab, Megalithgrab, Menhir oder Steinkreis. Diese Begriffe sind hilfreich, weil sie beschreiben, was archäologisch sichtbar und nachweisbar ist. Aber sie sagen noch wenig darüber aus, was diese Orte für die Menschen bedeuteten, die sie errichteten und über viele Generationen hinweg aufsuchten.
Diese Frage begleitet mich seit Langem. In meiner Arbeit mit dem Steinkreis von Évora in Portugal habe ich mich ganz auf die mediale Ausrichtung konzentriert und dabei immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Steine nicht nur Zeugen der Vergangenheit sind. Ich erlebe bestimmte Orte als Speicher von Information und als Tore, durch die eine Kommunikation mit der Erde, mit den Ahnen und mit einer Wirklichkeit möglich wird, die unsere heutige Kultur meist als «unsichtbar» oder «metaphysisch» bezeichnet. Die Steine wirken dabei wie Antennen. Auf diese Weise habe ich auch Orte gefunden, bei denen ich den Eindruck hatte, dass sie speziell als Erdorakelplätze dienten.
Damit stelle ich keine archäologische Behauptung auf. Meine Methode ist eine andere: Ich folge zunächst einer medialen Wahrnehmung und frage anschliessend, ob und wo sie mit historischen, archäologischen oder kulturgeschichtlichen Befunden in Resonanz tritt. Auf diese Weise habe ich mich unter anderem intensiv mit den megalithischen Anlagen von Évora und auch auf Malta beschäftigt.
Besonders der «Cromlech» Almendres bei Évora wurde für mich zu einem solchen Forschungsort. Als ich an meinem Buch Traumsteine arbeitete, wurde die Anlage in den mir zugänglichen Darstellungen noch wesentlich jünger datiert. Meine mediale Wahrnehmung führte mich dagegen in eine sehr viel ältere Zeit. Ich hatte den Eindruck, dass der Ursprung dieses Ortes weit hinter die damals angenommene Entstehungszeit zurückreichte.
Spätere archäologische Einordnungen haben tatsächlich die Möglichkeit wesentlich früherer Phasen von Almendres stärker in den Blick genommen. Heute wird öffentlich ein Alter des Steinkreises genannt, das erstaunlich nahe an dem liegt, was ich damals in meinen Meditationen empfangen habe. Zugleich zeigt die Forschung, dass Almendres wahrscheinlich nicht in einem einzigen Akt errichtet wurde. Der Ort wurde über lange Zeiträume verändert, erweitert und neu gestaltet.
Hier liegt für mich eine interessante Übereinstimmung, aber auch eine wichtige Korrektur meiner damaligen Wahrnehmung. Dass ich den Ort als sehr alt wahrnahm und zugleich den Eindruck hatte, dass er über Jahrtausende weiterentwickelt wurde, findet eine bemerkenswerte Resonanz in der heutigen archäologischen Betrachtung. In einem Punkt lag meine Wahrnehmung jedoch falsch: Ich glaubte, seine ursprüngliche Gestalt sei dabei im Wesentlichen erhalten geblieben. Heute spricht vieles dafür, dass die sichtbare Anlage selbst verschiedene Veränderungen und Umgestaltungen erfahren hat.
Gerade diese Differenz ist für mich wichtig. Mediale Forschung bedeutet für mich nicht, eine innere Wahrnehmung zur unangreifbaren Wahrheit zu erklären. Sie bleibt Forschung. Sie kann überraschende Hinweise geben, sie kann später durch äussere Befunde bestätigt oder vertieft werden – und sie kann korrigiert werden. Erst in diesem Dialog beginnt für mich eine wirklich interessante Erkenntnisarbeit.
Von Almendres führt eine Spur zu den Grosssteingräbern Nord- und Mitteleuropas. Auf Rügen entstanden vor etwa fünfeinhalb Jahrtausenden mächtige Steinkammern und Hünengräber. Archäologisch ist eindeutig, dass in vielen dieser Anlagen Tote bestattet wurden. Doch der Begriff «Grab» engt unser heutiges Denken zugleich zu sehr ein. Diese Anlagen wurden über Generationen hinweg aufgesucht und genutzt. Sie waren Teil des kulturellen und vermutlich auch spirituellen Lebens der damaligen Menschen. Die Toten blieben offenbar Teil eines Beziehungsraumes der Lebenden.

Im Steinkreis Almendres bei Évora (Portugal)
Was geschah an solchen Orten?
Wir wissen es nicht. Die Menschen, die sie errichteten, haben uns keine schriftlichen Erklärungen hinterlassen. Doch wir können fragen, ob unsere moderne Trennung zwischen Friedhof, Heiligtum, Versammlungsplatz und Ort der Kommunikation mit einer geistigen Welt überhaupt auf ihre Kultur übertragbar ist.
Ich vermute, dass gerade der Ort der Toten ein Ort besonderer Kommunikation war, eine Verbindungslinie zu den Ahnen. Auf einer gemeinsamen Reise mit meinem Freund und Lehrer Arkan Lushwala erzählte er mir, dass in seiner frühen Inkakultur Verstorbene als Mumien einen besonderen Ort in den Lebensräumen der Gemeinschaft erhielten, um die Verbindung mit den Seelen der Verstorbenen aufrechtzuerhalten. Solche Informationen können unser heutiges Weltbild erweitern.
In vielen traditionellen Kulturen sind die Ahnen nicht einfach verschwunden. Sie gehören weiterhin zur Gemeinschaft. Bestimmte Landschaften, Quellen, Berge, Höhlen und Steine bilden Übergangszonen zwischen den Lebenden, den Ahnen und anderen Wirklichkeitsebenen. Wenn wir mit diesem erweiterten Blick auf die europäischen Megalithanlagen schauen, entsteht ein anderes Bild: Das Grab war möglicherweise zugleich Heiligtum, die Steinkammer zugleich Schwellenraum – eine Art Hüterin der Schwelle, die mit der unteren, der mittleren und der oberen Welt verbindet.
Einige solcher Orte, besonders auf Malta, haben sich mir als Erdorakelplätze offenbart, an denen Priesterinnen sich mithilfe von Trance in die Botschaften der Erde oder des jeweiligen Ortes vertieften.
Diese mediale Eingabe fühlte ich auf besondere Weise bestätigt, als ich die Kogi in Kolumbien besuchte. Sie zeigten mir ihre heiligen kleinen Steinkreise, die sie wie ein «kosmisches Telefon» benutzen, um sich für den Erdkörper und seine Informationen zu öffnen. Die speziell dafür ausgebildeten Sagas oder Mamos sorgen dafür, dass in menschliche Beratungen auch die Stimme der Erde und die ihrer Brüder und Schwestern – der Tiere und Pflanzen – einbezogen wird. Hierfür gibt es besondere Beratungsplätze, die sogenannten Kadukus: heilige Orte, an denen sich Soziales und Mediales miteinander verbinden.
In meinen medialen Forschungen begegnete mir die Vorstellung von Erdorakeln – Orten, an denen Menschen lernen konnten, die Erde nicht als stumme Materie zu erleben, sondern als ein lebendiges Informationsfeld. Bestimmte Steinsetzungen könnten dazu gedient haben, die Wahrnehmung zu konzentrieren, Übergänge zu markieren oder eine Verbindung zwischen Erde, Mensch und Kosmos herzustellen. Dies sind die Eingaben, wie ich sie erhalten habe. Ob dies tatsächlich der Intention ihrer Erbauer entsprach, können wir archäologisch nicht beweisen. Aber wir können nach Spuren suchen, die eine solche Möglichkeit unterstützen – oder ihr widersprechen.
Dazu gehören die genaue Einbettung der Monumente in die Landschaft, ihre teilweise astronomischen Orientierungen, ihre langfristige rituelle Nutzung und die besondere Beziehung zwischen den Lebenden und den Toten. Auch die Zeichen auf einzelnen Steinen – geometrische Formen, Schlangenlinien oder menschenähnliche Darstellungen – lassen erkennen, dass wir es nicht mit einer rein funktionalen Architektur zu tun haben.
Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, die Insel Rügen mit ihren vielen alten Steinsetzungen zu besuchen. Bei aller Unterschiedlichkeit fallen Ähnlichkeiten zu anderen Regionen ins Auge. Auch in der Gegend von Almendres gibt es Steinsetzungen, die mich an manche Anlagen auf Rügen erinnern. Zwischen Portugal und der Ostsee liegen grosse kulturelle und geographische Entfernungen. Dennoch gehören beide Steinsetzungen zu einer Epoche, in der Menschen in weiten Teilen Europas begannen, gewaltige Steine aufzurichten und Orte zu schaffen, die Generationen überdauerten. Während die frühesten möglichen Phasen von Almendres wahrscheinlich älter sind, fällt seine weitere Entwicklung teilweise in dieselben Jahrtausende, in denen auch im Norden Europas die grossen Megalithanlagen entstanden.
Vielleicht dürfen wir deshalb vorsichtig von einer europäischen Grammatik heiliger Landschaften sprechen – nicht von einer einheitlichen Religion, sondern von verwandten Grundfragen: Woher kommen wir? Wohin gehen die Toten? Wie spricht die Erde zu uns? Wie verbindet sich menschliches Leben mit den Bewegungen von Sonne, Mond und Sternen? Und gibt es Orte, an denen die Grenze zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt durchlässiger wird?
Die Menschen jener Zeit waren nicht von der permanenten technischen Informationsflut unserer heutigen Welt umgeben. Vielleicht hatten sie dadurch sehr viel mehr Gelegenheit und Notwendigkeit, die Rhythmen der Natur, die Bewegungen des Himmels und die feinen Veränderungen ihrer Landschaft wahrzunehmen. Ihre Aufmerksamkeit war auf andere Weise geschult.
Auch meine Forschungen auf Malta haben mich immer wieder zu diesen Fragen geführt. Dort begegnet uns eine andere, hoch entwickelte megalithische Kultur mit monumentalen Heiligtümern und unterirdischen Räumen. Wieder finden wir die Verbindung von Stein, Erde, Tod, Fruchtbarkeit, Ritual und einer Architektur, die weit über praktische Zwecke hinausweist.
Für mich entsteht daraus kein Beweis für eine verlorene europäische Urreligion. Es entsteht etwas Offeneres und Interessanteres: die Ahnung eines alten Wissens darüber, dass Landschaft Bewusstsein trägt und dass Menschen Orte schaffen können, an denen sie mit diesem grösseren Bewusstseinsraum in Beziehung treten.
Der Steinkreis von Tamera steht für mich in dieser langen Fragegeschichte. Er soll keine Rekonstruktion einer vergangenen Kultur sein. Er ist der Versuch, heute wieder zu lernen, was es bedeuten könnte, die Erde selbst als Gesprächspartnerin wahrzunehmen.
Vielleicht können uns die alten Steine Europas dabei helfen. Nicht indem wir ihnen unsere heutigen Vorstellungen überstülpen, sondern indem wir wieder lernen, Fragen an sie zu stellen – und aufmerksam genug werden für die Antworten, die aus Erde, Geschichte und eigener Wahrnehmung zugleich zu uns kommen.
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