Die Schweiz ist formell weder Mitglied der NATO noch der EU. Wer daraus schliesst, sie könne ihre sicherheits- und aussenpolitische Unabhängigkeit weiterhin frei gestalten, sollte «Das NATO-Netzwerk in der Schweiz» lesen. Denn die eigentliche Leistung des Buches besteht nicht in einer einzelnen Enthüllung. Es ist die Zusammenschau.
Der Weltwoche-Autor Lutz verfolgt Personalien, Institutionen, militärische Kooperationen, Rüstungsbeschaffungen und mediale Deutungsmuster. Daraus entsteht das Bild eines Landes, das formell zwar neutral bleibt, sich praktisch aber immer tiefer in die militärischen Strukturen des Westens einfügt., ihnen dient und sich von ihnen abhängig macht.
Der problematische Weg beginnt nicht erst mit dem Ukrainekrieg. Die Partnerschaft für den Frieden von 1996, Armeereformen und die zunehmende «Interoperabilität» haben über Jahre die Voraussetzungen geschaffen. Seit 2022 hat sich das Tempo erhöht. Schweizer Soldaten üben häufiger mit NATO-Staaten; das VBS sucht engere Kooperation mit der EU und ihrer Verteidigungsagentur; bei F-35 und Patriot wächst die Abhängigkeit von westlichen Rüstungskonzernen.
Besonders aufschlussreich ist das Kapitel über die «(un)sichtbaren Nato-Verbindungen». Lutz folgt den personellen Verbindungen zwischen Denkfabriken und Bundesverwaltung. Foraus und das Center for Security Studies der ETH liefern Konzepte für eine vertiefte Zusammenarbeit mit NATO und EU; ehemalige Mitarbeiter wechseln ins Aussen- und ins Militärdepartment, ins Staatssekretariat für Sicherheitspolitik (SEPOS) oder andere Bundesstellen.
Rund um diese Institutionen beschreibt er ein weiteres Geflecht aus Vereinigungen und Plattformen, darunter die Europäische Bewegung Schweiz oder die Operation Libero, die koordiniert an der Aufhebung der Neutralität arbeiten.
Netzwerke sind an sich nichts Verwerfliches. Problematisch wird es dort, wo ihre Grundannahmen so dominant werden, dass politische Entscheidungen als Sachzwänge erscheinen. Genau hier liegt der stärkste Gedanke des Buches:
Die Neutralität wird nicht mit einem einzigen Beschluss abgeschafft. Sie verschwindet, indem hundert kleinere Entscheide in dieselbe Richtung zielen.
Auch die Medien gehören zum Geflecht. Lutz’ These: Leitmedien liefern den Kontext und die Geschichten, in denen Aufrüstung und NATO-Kooperation als einzig mögliche Antworten auf die neue Sicherheitslage erscheinen.
Noch heikler ist der Umgang mit Dissens. An den Fällen von Botschafter Jean-Daniel Ruch, dem Generalstabsoffizier Ralph Bosshard und weiteren Militärs und Diplomaten zeigt Lutz, wie eng der Meinungskorridor geworden ist. Die Gespräche mit alt Bundesrat Ueli Maurer, Boris Chollet, dem ehemaligen Chef Ausbildung des Militärischen Nachrichtendienstes und mit Jean-Daniel Ruch, dem verhinderten SEPOS-Chef geben dieser These eine persönliche Stimme.
Lutz schreibt nicht aus der Distanz des neutralen Chronisten. Er nimmt Partei für die Neutralität und gegen die NATO-Einbindung. Seine Sprache ist stellenweise scharf. Das sollte man wissen. Aber das Buch legt seine Position offen und lädt dazu ein, die zahlreichen Namen, Verbindungen und Quellen selber zu prüfen.
Überzeugend ist vor allem das Bild eines «Rhizoms»: Viele Institutionen und Personen handeln aus ähnlichen Überzeugungen und Interessen, verstärken sich gegenseitig und erzeugen so eine politische Richtung, ohne dass dafür ein zentrales Kommando erscheint. Lutz beschreibt dieses Geflecht als Verbindung von Verwaltung, Medien, Universitäten, Finanz- und Rüstungswirtschaft, NGOs und Think Tanks.
Damit stellt das Buch eine entscheidende Frage: Wie souverän ist ein Land noch, wenn sich seine grundlegende aussenpolitische Orientierung verändert, ohne dass dieser Kurswechsel als solcher entschieden wird?
Die Schweiz kann mit Europa zusammenarbeiten, ohne Teil eines Machtblocks zu werden. Die Stärke glaubwürdiger Neutralität wäre gerade, Kanäle offenzuhalten, wo andere sie schliessen.
«Das NATO-Netzwerk in der Schweiz» ist eine Landkarte eines fortgeschrittenen politischen Umbaus, der in Einzelmeldungen leicht übersehen wird. Wer über die Zukunft der Neutralität urteilen will, sollte diese Karte kennen, bevor es zu spät ist.
Rafael Lutz: Das NATO-Netzwerk in der Schweiz – wer die Neutralität globalen Machtinteressen opfert. edition Zeitpunkt, 2026. 128 S. Fr. 18.–/€ 20.–. Bestellung und weitere Informationen.
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