«Zeit in einen Punkt zu drängen, macht müde»

Autorin, Psychoanalytikerin und Zeitpunkt-Leserin Jeannette Fischer aus Zürich hat sich Gedanken zum Wort «Zeitpunkt» gemacht und zur Feder gegriffen. In ihrem Wirken beschäftigt sie sich intensiv mit der Frage der Gewalt, Macht und Ohnmacht – in diesem Text mit Druck und Stress, und ob man Zeit auf einen Punkt bringen soll. Und Sie? Welche Assoziationen, Anekdoten und Geschichten verbinden Sie mit dem Wort «Zeitpunkt»? Schreiben Sie uns, wir sind gespannt! Zeit. Punkt. #2

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Um die Zeit auf den Punkt zu bringen, braucht es ziemlich Arbeit. Druck vor allem. Eine Presse, um das, was per se eine Bewegung ist, in einen Stillstand einzupressen. Nicht nur Zeit zum Stillstand zu bringen, sondern sie auch auf einen Punkt hin zu komprimieren.

Führen wir uns vor Augen, wie wir Zeit alltäglich in ihrem Lauf stören – und damit zerstören. Wie wir Zeit schneller machen, sie abzukürzen versuchen; wie wir sie sparen, aufheben für das Wichtige, für das was kommen wird, was kommen soll, für das, was dann endgültig zählt, sich bezahlbar macht, uns vielleicht Freiheit beschert, vielleicht auch nur Freizeit? Oder ist dies inzwischen dasselbe?

Und dann kommt die Angst vor dieser freien Zeit und dann kommt sie diese freie Zeit und dann ist sie da diese freie Zeit und dann kommt die Leere. Um diese Leere zu füllen, werden wir konsumistisch geniessen, wir wollen konsumistisch auf der Höhe sein.

Wir können auch Stress bilden. Stress ist die Bewegung auf den Punkt gebracht. Der Stress wird uns verheissungsvoll aus der Leere führen: Wir werden schneller, noch schneller als die Angst, noch schneller als die Angst vor der Leere – denn Stress kürzt die Zeit ab, Stress ist immer schneller als die Zeit, überholt sie, ja wir können sagen, mit dem Stress sind wir immer auf der Überholspur und damit sind wir auch schneller als die Angst vor der Leere oder vor der Zeit, wenn sie nicht mehr ein Punkt sondern ein Raum ist.

Stress ist Stress und Stress ist sexy. Druck bleibt Druck und Druck hat nie recht. Den Druck, den es braucht, um Zeit zu komprimieren, macht sich in der Panik bemerkbar, zuwenig Zeit zum Leben zu haben.

Die Zeit in einen Punkt zu drängen, macht müde, erschöpft uns von der Schöpfung, und die Sucht nach Erleben zeugt von dieser verlorenen Zeit. Dem Zeitpunkt fehlt die Luft, das Leben wird auf später vertagt, hinein bis ins Greisenalter, um hier, am Ende vielleicht doch noch ein paar Jahre anhängen zu können, welche das Leben rückblickend als sinnvoll erscheinen lassen. Der Zeitpunkt hält uns einen ständigen Verlust vor Augen, doch der einzige Verlust ist derjenige der Zeit.

Dass bei all dem das abhanden kommt, was eigentlich unser Lebenselixier ist, nämlich der Genuss zu leben, sollte hier auch noch angefügt werden.

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Jeannette Fischer hat mehrere Bücher geschrieben. 2018 erschien das Buch «Psychoanalytikerin trifft Marina Abramovic», das nun auch auf Litauisch übersetzt wurde. Kommenden April erscheint «Psychoanalytikerin trifft Helene und Wolfgang Beltracchi». Mehr zu der Autorin und ihren Büchern unter: www.jeannettefischer.ch