Antisemitismus, Aufruhr und Kriege, die Welt ist in Unordnung, es herrscht Verwirrung, Wut und Hass. Politische Gründe, Gier und Egoismus, werden als mögliche Erklärungen herangezogen, greifen aber zu kurz. Es ist etwas Grösseres im Gange. Etwas, das die Menschen weltweit erfasst und sich im Laufe der Jahre immer mehr zuspitzt: Schon wird über Weltkriege gesprochen; Tabus werden aufgeweicht. Es werden Sündenböcke gesucht. Hat man den Bösen endlich gefunden, können wir selbst die Rolle des Opfers oder Retters – kurz des Guten – übernehmen. So müssen wir uns nicht mit den eigenen Unzulänglichkeiten befassen. Dabei wird leider oft übersehen, dass wir – um das vermeintlich Böse zu zerstören – selber auch wieder massives Unrecht begehen. Die Probleme lösen sich dadurch aber nicht. Sie werden, im Gegenteil, erst recht potenziert, die Hass-Spirale noch mehr angeheizt.
Die Tendenz zur Spaltung baut sich zuerst im Kleinen auf, um dann auch ins Grosse überzuschwappen. Im Kleinen sind wir auf Identitätssuche, verstümmeln unsere Rollen bis zur Unkenntlichkeit. Die Genderbewegung ist wohl kein Zufall und passt in diese Zeit. Sind wir Mann oder Frau? Sind wir die Guten oder die Bösen? Sind wir politisch links oder rechts?
Es werden Gegensätze erschaffen, die sich bekämpfen. Ein Konsens wird nicht mehr gesucht. Unterschiedliche Weltbilder prallen unversöhnlich aufeinander. So manche Beziehung zwischen Paaren, Freundschaften, Parteien und Kulturen bricht auseinander. Dabei geht es weniger um Inhalte, sondern darum, absolut Recht zu behalten.
Kämpfe zwischen Religionen, Kulturen, Rassen und Ländern sind nur die logische Fortsetzung von dem, was im Kleinen begann. Hinter vordergründigen Erklärungen verbergen sich Gründe, die viel weiter greifen. Es scheint etwas im Gange zu sein, das die ganze Menschheit erfasst und nicht nur lokal begrenzt ist.
Warum das alles geschieht
Der Bewusstseinsforscher Jean Gebser* hat eine Theorie entwickelt, die uns eine neue Orientierung geben kann. Diese hat er durch kulturelle Zeugnisse aus der Vergangenheit illustrieren und belegen können. In unserer Kindheit gehen wir durch die gleichen Phasen, die auch die Menschheit in ihrer Bewusstseinsentwicklung durchlaufen hat. Diese innere Reise führt vom archaischen, zum magischen, zum mythischen und mentalen Bewusstsein. Jede dieser Phasen ermöglicht eine neue und erweiterte Sichtweise auf die Welt. Anfänglich ist diese neue Wahrnehmung hilfreich, entwickelt sich jedoch zu einer «defizienten Phase», die am Ende von einer neuen abgelöst werden muss, damit es nicht zu Stillstand und Zerstörung kommt.
Aktuell erleben wir, wie die ursprünglich hilfreiche mentale Phase (z. B. Industrialisierung) durch eine rationale Sichtweise abgelöst wurde und sich immer mehr einem «defizienten» Zustand annähert. Unsere Rationalität ist hoch entwickelt, ermöglichte uns technische und digitale Fortschritte. Allerdings ist das Wesen der mentalen Arbeitsweise linear, so dass unser Weltbild dominiert wird von Gegensätzen, die einander im «Entweder-Oder-Modus» gegenüberstehen. In dieser Ausschliesslichkeit werden abweichende Ansichten abgelehnt, es kommt zu Widerstand und Spaltungen. Dies geschah im Problemfeld von Corona, wo unterschiedliche Meinungen bekämpft wurden und eine sich gegenseitig ergänzende Lösungssuche nicht mehr möglich war. Stattdessen ging es nur noch ums Rechthaben, Das hindert uns jedoch daran, unsere zunehmend komplexere Welt ganzheitlich zu erfassen.
So wie in der Physik das mechanistische Modell durch das Quantenmodell ergänzt werden musste, um die Komplexheit unserer Natur zu erfassen, muss nun das rationale Bewusstsein durch das «integrale» ergänzt und erweitert werden.
Eine mögliche Lösung: Unterscheiden, differenzieren und integrieren
Mögliche Lösungen aus unserem Dilemma finden sich laut Gebser in einer «integralen» Sicht- und Handlungsweise. Dabei erhöhen und ergänzen wir die sich gegenseitig ausschliessende «Entweder-Oder» Haltung durch eine des «Sowohl-Als-Auch». Zum Schwarz-Weiss-Denken kommen Grau- und Farbtöne hinzu; eine Vielfallt mit Nuancen, die unserer komplexen Welt gerechter werden. Zudem gelingt es uns besser, die gesellschaftliche Spaltung zwischen Individuen und Weltsicht zu überwinden, indem wir uns nicht aufs Rechthaben-Wollen versteifen, sondern erkennen, dass wohl jede Ansicht auf ihre Weise und je nach Bezügen Recht haben kann. Da dieses Richtig und Falsch nicht absolut ist, befindet es sich immer auch in einer Wandlung.
Wir sehen unsere Mitmenschen nicht als reine Meinungsverfechter, sondern als Menschen, die durch ihr Mensch-sein, durch die Suche nach einem zufriedene Leben, miteinander verbunden sind. Der Mensch ist im Grunde nicht das gleiche wie seine Meinung oder was er denkt, da sich dieses im Laufe des Lebens immer wieder ändern kann. Er ist in erster Linie ein suchender Mitmensch mit Ängsten, Freuden und Sehnsüchten wie wir alle. Verschiedene Ansichten, Wahrnehmungen und Interpretationen sollten dabei als vorläufige Wahrheiten akzeptiert und stehen gelassen werden.
Dies erfordert vom Einzelnen eine Selbstbescheidenheit, im Wissen, dass wir alle uns auch irren können. Genährt wird diese Haltung durch Toleranz, einer gegenseitigen Offenheit und den Willen, gemeinsam nach Lösungen für Probleme zu suchen, die uns alle gleichermassen betreffen. Denn was wir zerstören, wird schlussendlich uns allen fehlen. Letztendlich geht es um eine proaktive Zusammenarbeit und nicht um egoistisch-narzisstischen Ruhm oder wirtschaftlichen Profit.
Auch meine Sichtweise soll nicht absolut, sondern als Vorschlag zu einem gangbaren Lösungsweg verstanden werden. Möglichst bevor Streit und Hass uns immer mehr in eine Sackgasse führen.
Ein Beispiel: Umgang mit KI
Die vorläufige Spitze unserer rationalen Entwicklung zeigt sich in der Perfektionierung der künstlichen Intelligenz. Auch hier stehen sich feindliche und unversöhnliche Lager gegenüber: KI wird dabei entweder angstvoll verteufelt und rigoros abgelehnt – oder als erlösende Instanz ins Unermessliche emporgehoben. Beides bringt uns jedoch nicht weiter. Da wir die Entwicklung nicht aufhalten können, sollten wir uns dafür öffnen, hinschauen, Gefahren und Chancen erkennen und lernen, damit umzugehen. Unsere Chance liegt darin, dass wir Teilaufgaben, die Genauigkeit, Tempo und Kapazität erfordern, gezielt, bewusst und achtsam an KI delegieren, dabei jedoch den Überblick behalten, ähnlich wie es ein Kapitän gegenüber seiner Mannschaft tut.
Ich nenne dieses Haltung «Adlerbewusstsein», bei dem wir Ziel und Zweck überblickshaft im Auge behalten, das Steuer nicht aus der Hand geben und trotzdem offen bleiben für nötige Kurskorrekturen. Dabei soll der Antrieb nicht aus Macht, Gier oder Ruhm bestehen, sondern das Anstreben einer sachbezogenen Lösung sein, die letztendlich uns allen dient.
* Jean Gebser (1905-1973) war ein deutsch-schweizerischer Philosoph und Schriftsteller und gilt als einer der ersten kulturwissenschaftlich orientierten Bewusstseinsforscher, die ein Strukturmodell für die Bewusstseinsgeschichte des Menschen etabliert haben. Seine Arbeit fliesst mit ein in die Integrale Theorie (Spiral Dynamics) von Ken Wilber.