Alleine am Frieden schaffen – geht das?
«Eines Tages, so eine indianische Legende, brach ein riesiger Waldbrand aus. Bestürzt und ohnmächtig sahen die Tiere dem Wüten des Feuers zu. Allein der kleine Kolibri flog immer wieder um ein paar Tropfen Wasser, die er aus seinem Schnabel auf die Flammen fallen liess...
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Bild: Shutterstock

Nachdem das Gürteltier seinem Treiben einige Zeit zugesehen hatte, rief es ihm zornig zu: «He, Kolibri! Bist du eigentlich noch bei Trost? Mit deinen paar Tropfen Wasser wirst du das Feuer niemals löschen!» Der Kolibri sah ihm geradewegs in die Augen und sagte: «Kann sein. Aber ich tue, was ich tun kann.»*

So ähnlich geht es auch mir, wenn ich für Neutralität und Nichteinmischung plädiere. Zwar stosse oft auf Zustimmung, regelmässig aber auch auf folgenden Einwand: Wie können wir schweigen, wenn kleinere und schwächere Länder von stärkeren Aggressoren überfallen werden? Wäre es dann nicht unsere mitmenschliche Pflicht, den schwächeren zu helfen…? 

Das stimmt, doch sollten wir sorgfältig abwägen, wie eine Hilfe, die wirklich hilft, aussehen sollte. Kriege schaffen Opfer und Leiden, die es sicher zu lindern gilt. Allerdings zweifle ich daran, dass wir weitere Opfer verhindern könnten, wenn wir uns genauso gewalt- und machtvoll einmischen und es zu weiterer Eskalation und zu noch mehr Schüren von Hass kommt.

Ich bin überzeugt, dass jedes empörte und noch so laute Überschreien keinen Ausstieg aus der Gewaltspirale ermöglicht. Wir sollten bedenken, dass das Erkennen und Begründen politischer Ursachen gewisse Parallelen hat mit einem Kampfspiel, wie zum Beispiel Schach. So lange wir mitspielen, müssen wir die Regeln unhinterfragt einhalten, machen mit und ändern nichts an der Art des Spiels. Denn das Wesen des Schachs ist es, den Spielgegner zu schlagen und zu besiegen. 

So bleiben wir auch in politischen Debatten immer innerhalb des gesteckten Verhaltens-Musters. Es wird dabei viel geredet, mit Worten und Ansichten gegeneinander gekämpft. Ein Aussteigen aus eingespielten Mustern wird erschwert, umso mehr als wir zur Illusion verführt werden, dabei zu sein, mitzureden, zu verstehen und zu handeln. Was leider nur vordergründig geschieht.

Trotzdem ist es wichtig, dass wir uns durch verschiedene Medien informieren und berücksichtigen, dass jede Information im Grunde tendenziös geprägt ist. Darum sollten wir uns für oder gegen Dinge und Taten einsetzen, nicht aber gegen einzelne Menschen oder Menschengruppen. 

So nehme ich selber Stellung gegen jede Gewalt gegen menschengemachtes Leiden, verhindere es aber, nach einem Feindbild zu suchen und Individuen oder Länder an den Pranger zu stellen. 

Denn, je nachdem, zu welchem Zeitpunkt wir den Verlauf eines Geschehens betrachten, können sich die Rollen des Bösen und des Opfers vollkommen anders darstellen. Darum versuche ich, mögliche Gründe aus einer Adlerperspektive zu verstehen (sowohl Überblick, Zusammenhänge und Genauigkeit) und Lösungen zu finden, die sich ausserhalb des nur politischen Rahmens befinden.

Um egoistisch-narzisstische Gründe möglichst klein zu halten, orientiere ich mich an folgendem Motto: «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu». Dieser, im Grunde einfache Gedanke weckt unsere Empathie, da wir ihn aus unserer Erfahrung mitempfinden können.

Es handelt sich dabei um keine von aussen erzwungene und häufig unverstandene Regel, der wir mit Ablehnung oder Trotz begegnen könnten. Wenn ich eine neue Perspektive gegenüber dem Konflikt erkennen kann, teile ich diese und versuche Auswege aus dem sonst immer gleich ablaufenden Hamsterrad anzubieten. Ganz ohne Anspruch, dass diese dann als einzig richtige Anschauung übernommen werden soll.

Zusätzlich versuche ich selber im Kleinen möglichst friedlich-ethisch und menschlich zu handeln. Indem ich mit Opfern zwar mitFÜHLE, jedoch nicht mitLEIDE, kann ich mir trotz derer Probleme eine gewisse Positivität, Zuversicht und Leichtigkeit bewahren und diese auch in Begegnungen mit meinen Mitmenschen ausstrahlen lassen. Denn, wenn ich am Elend verzweifle, belaste ich auch andere und behindere wertvolle Energien für einen möglichen Neuanfang.

In diesem Zusammenhang, erkenne ich immer mehr, wie wichtig es ist, dass wir achtsam mit unseren Worten sind, da diese Gefühle transportieren, die schlussendlich in Taten enden. Da alle Kriege durch ihre Zerstörung, Leid und Hass hinterlassen, ist ein Sieg nur vordergründig und nur in den sichtbaren, äusseren Konsequenzen erfolgreich und oft nur so lange stabil, bis es zu Machtverschiebungen kommt und erneut ein Ruf nach Vergeltung aufflammt.

Veränderungen, die jedoch in Individuen geschehen sind eher organisch, von innen heraus entstanden und wachsen auf einem stabilen Boden. Dies erinnert an die Entwicklung von Pilzen. Diese wachsen leise und von aussen unbemerkt unter der Erde, um schlussendlich breitflächig zu spriessen.

Ein afrikanisches Sprichwort besagt, dass ein Baum, der fällt, mehr Lärm macht, als ein Wald der wächst.* Darum dürfen wir uns vom Geschrei der Gewalt nicht entmutigen lassen, sondern sollten auch lebensförderndes erkennen und gewichten.


*Aus: Christophe André, Jon Kabat-Zinn, Pierre Rabhi, Matthieu Ricard : Wer sich verändert
verändert die Welt.

Mirjam Rigamonti Largey

Mirjam Rigamonti Largey
Mirjam Rigamonti Largey

Mirjam Rigamonti Largey aus Rapperswil in St. Gallen ist Psychotherapeutin, hat Psychologie, Religions-Ethnologie und Ethnomedizin studiert, arbeitet als Kunstschaffende, freie Schriftstellerin und als Friedensaktivistin.

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