Es war kein spontaner Entschluss. Der Wunsch, selbständig zu arbeiten, begleitete mich seit meiner Jugend. Schon mit 15 Jahren war da dieses Gefühl: einmal etwas Eigenes aufbauen, sinnstiftend arbeiten, nahe bei den Menschen. Doch wie so oft im Leben brauchte es Zeit. Zeit zum Reifen. Zeit für Erfahrungen. Zeit, um zu erkennen, was wirklich trägt.
Heute, rund dreissig Jahre später, ist dieser Wunsch Realität geworden. Mit meiner Firma Alltagsbegleitung Häfeli begleite ich Menschen in ihrem Alltag – dort, wo das Leben stattfindet: zu Hause.
Nicht im Pflegezimmer, nicht im institutionellen Rahmen, sondern im vertrauten Umfeld, zwischen Küche, Wohnzimmer und Spazierweg.
Zwischen Selbstständigkeit und Einsamkeit
Viele ältere Menschen leben heute länger selbstständig. Sie erhalten Mahlzeiten geliefert, medizinische Versorgung über die Spitex, vielleicht einmal wöchentlich Unterstützung im Haushalt. Und doch bleibt oft etwas Ungesagtes zurück: Einsamkeit. Der Mangel an echter Nähe. An Zeit. An einem Gegenüber, das nicht nur «funktioniert», sondern da ist.
Genau hier setzt Alltagsbegleitung an. Es geht nicht um Pflege im medizinischen Sinn. Es geht um Begleitung. Um Gespräche, gemeinsames Einkaufen, Ordnung im Alltag, einen Spaziergang, ein offenes Ohr. Um das, was im Leistungskatalog oft keinen Platz findet – im Leben aber zentral ist.
Viele Menschen brauchen nicht mehr Hilfe, sondern mehr Beziehung. Und das darf auch professionell sein.
Eine Arbeit zwischen Nähe und Verantwortung
Die Selbstständigkeit war für mich kein leichter Schritt. Ich kam aus einer langen Phase beruflicher Verantwortung, aus dem Spannungsfeld zwischen Existenzsicherung und innerem Ruf. Erst vor zwei Jahren habe ich den Schritt ganz bewusst gewagt– nicht aus Mangel an Alternativen, sondern aus Überzeugung.
Heute arbeite ich mit einer Mitarbeiterin zusammen, bilde mich kontinuierlich weiter, bewege mich täglich im sensiblen Feld zwischen Nähe, Abgrenzung und Verantwortung. Denn Alltagsbegleitung ist kein Wohlfühlhobby. Sie verlangt Präsenz, Klarheit und ein hohes Mass an Vertrauen – von beiden Seiten.
Ein gesellschaftlicher Wendepunkt?
Dass dieses Arbeitsfeld zunehmend an Bedeutung gewinnt, zeigt sich auch auf politischer Ebene. Der Bund prüft derzeit, Ergänzungsleistungen so anzupassen, dass Betreuungs- und Unterstützungsleistungen zu Hause künftig besser finanziert werden können. Ziel ist es, älteren Menschen ein längeres Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen – statt frühzeitig in ein Heim wechseln zu müssen.
Noch ist diese Entwicklung nicht umgesetzt, doch sie weist in eine Richtung, die Praktikerinnen wie ich seit Jahren erleben: Betreuung findet nicht nur in Institutionen statt. Sie beginnt im Alltag.
Wenn Gesellschaft ernsthaft will, dass Menschen zu Hause bleiben können, dann braucht es auch Strukturen, die diese Form von Begleitung anerkennen. Nicht als Luxus, sondern als Teil der Grundversorgung menschlicher Würde.
Daheim statt Heim
Alltagsbegleitung ist kein Ersatz für Pflege. Aber sie ist oft das, was entscheidet, ob jemand bleibt – oder gehen muss. Ob der Alltag tragbar bleibt. Ob Angehörige entlastet werden. Ob ein Mensch sich gesehen fühlt.
Vielleicht brauchte es dreissig Jahre, bis ich diesen Weg gehen konnte. Vielleicht brauchte es auch die gesellschaftliche Reife, um ihn sichtbar zu machen.
Der Zeitpunkt scheint gekommen.
