700 000 Palästinenser mussten damals alles – Häuser, Tiere, Bäume, Land, Besitz – zurücklassen. Sie bzw. ihre Nachkommen leben seitdem zumeist in Flüchtlingslagern in umliegenden Ländern: im Libanon, in Jordanien und Gaza. Ins heutige Staatsgebiet Israels, ihre eigentliche Heimat, dürfen sie auch heute nicht zurückkehren. Für Palästinenser war das die «Nakba». Die Katastrophe.
Israel dagegen gedenkt des damaligen Sieges jährlich mit viel Nationalstolz und grossen Feiern. Über die Katastrophe der Palästinenser ist ein Mantel des Schweigens gebreitet. Und seit 2011 wird jeder Organisation, die sich an Trauerfeierlichkeiten der Nakba beteiligt, die finanzielle Unterstützung gestrichen. Man darf nichts vom Leid wissen. Danielle Schwartz hörte das Wort Nakba zuerst als Erwachsene. Ihr Film ist ein Herantasten an eine kollektive Schweigemauer.
Ihr Grossvater Yossi Schwartz, geboren 1931 in einer frühen jüdischen Siedlung in Palästina, war als Kind oft im arabischen Nachbardorf Zarnuqa, um mit den Nachbarkindern und den Tieren zu spielen. Im Befreiungskrieg war er Soldat. Als er ins Elternhaus zurückkehrte, gab es das Nachbardorf nicht mehr. Im Wohnzimmer der Eltern hing nun dieser wunderschöne Spiegel, um den es im Gespräch zwischen Enkeltochter und Grosseltern geht. Der arabische Spiegel wird in Ehren gehalten. Nach ihrem Umzug haben die Grosseltern sogar einen Extra-Anbau für ihn angelegt: wie für ein wertvolles Erbstück.
Doch wie kam er hierher? Warum interessiert dich das, fragt Yossi. Er weiss es nicht. Sicher ist nur, dass er vorher den wohlhabenden Nachbarn gehörte. Hat der Urgrossvater ihnen den Spiegel abgekauft? Hat er ihn aus einem verlassenen Haus abgenommen? Oder ist es Beutegut einer Plünderung?
Die Grosseltern winden sich. Mit Plünderungen wollen sie nichts zu tun haben. «Solche Leute sind wir nicht.» Genommen – das darf Danielle sagen. Das lasse offen, auf welche Weise Yossis Vater ihn nahm. Vielleicht war es ja doch rechtmässig.
Der erste Fassung des Films war schon zur Veröffentlichung bereit, Danielle postete eine Mitteilung darüber auf Facebook. Dann zogen die Grosseltern ihre Zustimmung zurück. So einen Film wollen sie nicht über sich. Danielle fährt noch einmal hin und spricht mit ihnen, sie nimmt die Kamerafrau. Und das ist der ganze – preisgekrönte – Film: ein Gespräch darüber, warum die Grosseltern das Wort Plünderung ablehnen.
Uns Deutsche erinnert das Gespräch schmerzhaft an die Gespräche mit unserer Eltern- bzw. Grosselterngeneration: Warum habt ihr zugelassen, dass die Juden ermordet wurden? «Wir wussten nichts davon.» Wie konnte man nichts darüber wissen, warum viele Millionen Menschen – Nachbarn, Mitschüler, Ladenbesitzer – verschwanden? Nach und nach begann meine Mutter sich zu erinnern, dass die Nachbarn, ein altes jüdisches Ehepaar, sich vergiftet hatte. Und dass ihre Mitschülerin Ruth eines Tages nicht mehr da war.
Wie können so viele Menschen in Israel nicht wissen (wollen), was aus den Menschen geworden ist, die vorher auf ihrem Land gelebt haben? Aus deren Besitz. Und wie sie zu ihrem eigenen Land und Besitz gekommen sind.
Kollektive Verdrängung ist zum Aus-der-Haut-Fahren. Das Besondere an diesem Film ist, dass das gesamte Gespräch ohne Vorwürfe geführt wird. Sondern in der Liebe zwischen einer Enkelin und ihren Grosseltern. Und trotzdem nicht beschwichtigend. Ohne Verurteilung, aber präzise fragt Danielle immer weiter und schaut, wie weit die Grosseltern sich öffnen für die Wahrheit. Und auch die Grosseltern – unglaublich sympathisch – bemühen sich. Man kann sich vorstellen, dass sie ihr Narrativ so weit wie möglich gedehnt und gestreckt haben, um ansatzweise etwas zu benennen, was in der israelischen Gesellschaft mit einem Tabu belegt ist.
«Schliesslich erlaubten sie mir, den Film zu veröffentlichen», erzählt Danielle. «Aber viele aus meiner Familie wollten ihn nicht einmal anschauen.»
Danielle lebt inzwischen in Deutschland. Bei Kriegsausbruch, gleich nach dem 7. Oktober 2023, verliess sie ihre Heimat. Wir werden nicht vom Trauma heilen, wenn wir nicht Abstand gewinnen von dem ständigen Gefühl der Bedrohung. Dabei ist sie überzeugt: «Naming is healing». Man muss lernen, Sprache für die kollektive Schuld zu finden, um sie zu überwinden. Sie bietet Filmabende mit anschliessenden Dialogräumen an. Wer neugierig ist, welche kollektiven Schweigemauern wir selbst aufgebaut haben, sollte sie einmal einladen.

Ausschnitt aus dem Film «Mirror Image»