Den Vater finden
Hätte der ganze Mainstream den Grundton dieser Geschichte, dann wäre er richtig gut. Aber leider gehört die Sendung «Bitte melde dich», in der die Geschichte erzählt worden ist, zu den wenigen löblichen Ausnahmen. Ein verspätetes Weihnachtsmärchen aus dem Podcast «Mitten im Leben».
«Inniger kann Umarmung nicht sein» (Bild Screenshot)
«Inniger kann Umarmung nicht sein» (Bild Screenshot)

Wenn ich zur Weihnachtszeit eine Geschichte erzählen müsste, dann würde ich von Jennifer und Rachel aus Deutschland berichten, die ihren Vater suchten. Sie wuchsen bei ihrer Mutter Susanne auf, ohne sich an Robert, den Vater erinnern zu können. Robert Dubidad war ein junger Mann aus Jamaika, der bei den britischen Truppen in Dortmund Dienst tat. Susanne war als Übersetzerin tätig. Der Jamaikaner und die Deutsche lernten sich kennen, verliebten sich und heirateten. Kurz danach kam Jennifer auf die Welt, zwei Jahre später Rachel.

Inzwischen war Robert aus dem Armeedienst entlassen worden. Er wollte in Deutschland bei seiner Familie bleiben, doch er fühlte sich als Mensch mit dunkler Hautfarbe nicht akzeptiert. Wenn er mit Susanne seine Schwiegereltern besuchte, verliess der Schwiegervater das Haus durch die Hintertür, um den Mann seiner Tochter nicht sehen zu müssen.

Robert war Musiker, spielte Reggae, doch eine Familie ernähren konnte er damit nicht. Er sah keine Hoffnung für sich im Deutschland der 80er Jahre. Eines Tages hielt er es nicht mehr aus und kehrte zurück nach Jamaika. Seine jüngere Tochter war damals 2 Monate alt. In der Küche hinterliess er eine Notiz, in welcher er seine Frau um Verzeihung bat. Danach hörte sie nichts mehr von ihm. Sie war wütend und traurig, doch vielleicht versuchte sie auch, ihn zu verstehen, denn Deutschland war ihre Heimat. Roberts Heimat wurde es nicht.

Die Mutter zog ihre Töchter allein auf, doch als Jennifer 16 und Rachel 14 war, erkrankte Susanne schwer und starb. Von einem Tag auf den andern waren die beiden Mädchen allein. Sie erhielten einen Onkel als Vormund, blieben aber zusammen. Ihre ganze Umgebung betrachtete sie als Waisen, doch das stimmte eigentlich nicht. Obwohl sie nichts von ihm als eine Fotografie besassen, wussten die Schwestern stets: Auf der anderen Seite des Atlantiks, im fernen Jamaika, lebt ein Mann, der unser Vater ist.  

Dies zu wissen, war aber kein Trost, sondern ein Schmerz – und eines Tages ertrug die Jüngere, Rachel, den Schmerz nicht mehr länger. Sie wandte sich an Julia Leischik, die es sich in einer TV-Sendung zur Aufgabe macht, Menschen zu finden, welche von ihren Familien vermisst und vergeblich gesucht worden sind.

Julia, vom Fernsehen begleitet, reiste darauf nach Kingston, in die Hauptstadt Jamaikas, und begann dort ihre detektivische Arbeit. Zuerst besuchte sie die Vereinigung ehemaliger Soldaten Jamaikas in britischen Diensten. Der Sekretär der Vereinigung war sehr hilfsbereit, fand aber keinen Mann namens Dubidad in der Mitgliederliste. Da der Name jedoch in Jamaika als selten gilt, versuchte es Julia auf dem Postamt. Im Telefonbuch stiess sie unter Dubidad landesweit auf fünf Einträge. Sie reiste kreuz und quer durch die Insel, suchte die Dubidads alle auf und fragte sie nach einem Namensvetter mit Vornamen Robert. Dazu legte sie ihnen die Fotografie vor, die den jungen, gutaussehenden Jamaikaner mit seiner deutsche Liebe Susanne zeigt.

Ganz zuletzt hatte sie Glück. Eine einfache ältere Frau erinnerte sich, als Angstellte vor Jahren in einem Hotel am Meer einen Mann getroffen zu haben, der den gleichen Namen hatte wie sie – Dubidad. Auch der Vorname Robert war ihr geblieben, und die Jamaikanerin wusste auch, dass er in jenem Hotel einer Reggaeband angehört hatte.

Hoffnung schöpfend, reiste Julia an die Küste nach Ocho Rios, wo sie in dem Resort, das ihr genannt worden war, nach dem Musiker Robert Dubidad fragte. Ja, sagte man ihr, vor Jahren habe der Mann hier gespielt. «Reggaevibes» habe die Band geheissen, es gebe sie heute noch, und sie trete schon seit längerer Zeit in einem Hotel an der Runaway Bay auf.

Weit war es nicht zur Runaway Bay – und weit war es nicht von der Rezeption des Hotels an den Strand, wo die Band für die Badegäste ein Ständchen gab. Auf einmal fügte sich eins zum andern, und Julia platzte mitten in das kleine Konzert und fragte den Gitarristen: «Sind Sie Robert Dubidad?»

Der Musiker, ziemlich erstaunt, verneinte und fügte hinzu, Robert Dubidad gehöre schon länger nicht mehr zur Band. Doch er wusste, wo Robert zu finden war, und nannte der deutschen Besucherin die ungefähre Adresse. Julia entfernte sich von den Touristenstränden und erreichte auf holprigen Strassen ein kleines Dorf am Rande des Regenwalds, das nicht zu den reichsten Orten der Insel gehört – wäre da nicht die Üppigkeit der Natur, die von allen Seiten wuchernd und mächtig an die Häuser heranrückt.

Julia trifft eine Frau an. Es ist die Tante von Robert. Er wohne gleich um die Ecke, doch mit dem Auto sei das Haus nicht erreichbar. Die schon betagte Verwandte telefoniert ihrem Neffen – und übergibt das Telefon Julia.

Wenig später taucht zwischen den Bäumen ein Mann auf, der sichtlich älter geworden ist, als das Foto ihn zeigt. Zwar hält er sich immer noch stattlich und schlank, doch in seinem Gesicht liegt eine Traurigkeit, die von der Freude über die unerwartete Nachricht nicht so leicht verdrängt werden kann.

«Mein Leben ist leer, schon lange», sagt Robert Dubidad gleich zu Beginn. Eine neue Familie hat er in seiner Heimat nicht mehr gegründet. Er lebt allein. Man hat den Eindruck eines Mannes, der aufgab.

Julia zeigt ihm Bilder von Rachel und Jennifer, und die Traurigkeit in den Augen Roberts weicht einer ersten, erlösenden Träne. Julia fragt ihn: Was fühlst du, wenn du erfährst, wie sehr deine Töchter den Vater vermissten, obwohl sie ihn nicht einmal kannten?

«Ich war verloren», antwortet Robert, «jetzt bin ich gefunden.» Er sagt es bescheiden und ohne Pathos. Das zaghafte Glück, von seinen Töchtern zu hören, zerfällt sogleich, als er vom Tod seiner Frau erfährt. Man sieht, wie er leidet, und will ihm verzeihen, dass er Susanne und die Mädchen im Stich liess.

«Ich liebte Susanne. Aber ich wurde von ihr weggetrieben. In Deutschland hielt ich es nicht mehr aus.»

Er suchte Hals über Kopf das Weite, doch er büsste dafür in den Jahren seither mit viel Einsamkeit. Und ausgerechnet jetzt, wo es niemanden gab, für den er noch hätte da sein müssen, erfährt er, dass seine Töchter in Deutschland ihn suchen und mehr noch: ihn brauchen. Sie brauchen ihn, weil es schwierig ist, ohne Vater und Mutter zu leben. Und weil es noch viel schwieriger ist, wenn man weiss, dass es den Vater gibt.

Julia – so endet die Fernsehsendung – hat Rachel und Jennifer kontaktiert und ihnen mitteilen können, dass ihre Suche erfolgreich war. Sie arrangiert, dass die Schwestern ihr nachreisen können, empfängt sie auf dem Flugplatz von Kingston und fährt mit ihnen in Robert Dubidads Dorf.

Auf der Wiese vor dem Häuschen von Roberts Tante kommt es zu einem aussergewöhnlichen Aufeinandertreffen. Zwei junge Frauen aus Deutschland, die schon lange keine Mutter mehr haben, stehen am Rande des jamaikanischen Urwalds zum ersten Mal vor ihrem Vater. Ein Zögern, ein Staunen auf beiden Seiten, als würde man es nicht glauben – dann erkennen sie, alle drei: Es ist wahr. Wir täuschen uns nicht. Sie fallen sich in die Arme, aufgelöst und unendlich erleichtert, und sie wollen sich gar nicht mehr loslassen. Inniger kann Umarmung nicht sein.

Man muss schon sehr hartgesotten sein, um diese Szene zu sehen und nicht selbst mit den Tränen zu kämpfen. Der Grund für die Tränen liegt im eigenen Leben. Weil man doch weiss, wie gut es ist, Eltern zu haben. Ohne die Liebe seiner Eltern ist der Mensch allein.

Rachel und Jennifer waren lange allein. Jetzt sind sie es nicht mehr. Und nacheinander treten zum Schluss aus dem Haus der Tante Cousinen und Cousins, Onkel und weitere Tanten, die ganze jamaikanische Familie von Robert. Jennifer und Rachel werden in diesen Momenten so reich beschenkt, dass der Januartag, an dem dies alles geschieht, nichts zur Sache tut.

Eine verspätete Weihnachtsgeschichte ist es doch.

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

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