Der Sonderfall fällt

Geld ist das realste Märchen der Weltgeschichte. Warum bei der Bankenkrise im Jahr 2008 ein Krimiautor vorausschauender war als alle Politiker.

Photo: Pistole und Geld by Marco Verch under Creative Commons 2.0 

Zum zweiten Mal innert 15 Jahren muss mit der Credit Suisse eine altehrwürdige, systemrelevante Schweizer Bank von Weltruf gerettet werden. Die Protagonisten der komischen Tragödie geben dieselben Plattitüden von sich wie schon 2008, als die UBS gestützt werden musste: Dieselben Phrasen wie in Friedrich Dürrenmatts Stück «Frank der Fünfte – Komödie einer Privatbank» (Uraufführung 1959 im Schauspielhaus Zürich). 

Im Crash-Herbst 2008 war ich Mitglied des Zuger Kantonsrates und hatte bereits eine lange Odyssee - was das Bank- und Geldwesen anbelangt - hinter mir. Mein Romanerstling «Das Geheimnis von Montreux» (Wolfbach Verlag Zürich) war wenige Wochen zuvor erschienen und prognostizierte die Welt-Finanzkrise, die die Schweiz in ihren Grundfesten erschüttern werde. Die Schweizer Boulevardzeitung BLICK titelte am 16. März 2009 dazu «Bäcker schlauer als Banker – Niemand konnte die Welt-Finanzkrise vorhersehen, behaupten Banker und Politiker. Der Zuger Kantonsrat und Autor Thomas Brändle straft sie Lügen. Mit einem Krimi.» 

Wie kam es dazu? Seit ich in das kantonale Parlament gewählt wurde, trieb mich die Frage um, weshalb die Wirtschaft immer wachsen muss. Der kleine Kanton Zug ist eine endlose Wachstumsmaschine. Zwangsläufig begann ich Bücher zum Thema zu lesen, besuchte in Argentinien etwa die jüngste Tochter von Silvio Gesell, dem berühmten Geldtheoretiker und Begründer der Freiwirtschaftslehre, traf im österreichischen Wörgl Herrn Gwiggner, der «Das Wunder von Wörgl» noch als Lehrling des Apothekers hautnah miterlebte, lernte den engagierten Zeit-Unternehmer Ivo Muri kennen («Die Uhr», Zeit & Mensch Verlag, 2005), ebenso Hans Würgler, den der Bundesrat 1964 zum ausserordentlichen Professor für Nationalökonomie wählte und nebst vielen weiteren Kapazitäten mehr auch Hans Christoph Binswanger, den grossen Schweizer Wirtschaftswissenschaftler und Autor des Buches «Geld und Magie – eine ökonomische Deutung von Goethe Faust» (Murmann Verlag, 2005). Binswanger hielt später die Laudatio anlässlich der Vernissage meines zweiten Romans «Vatikan City – das geheimnisvolle Manuskript» (Wolfbach Verlag, 2011) im zugerischen Ägerital. 

Vor Erscheinen des Montreux-Romans nervte ich nur die eigene Fraktion mit meinen Fragen und Erkenntnissen rund ums Geld. Nach dem Nahtoderlebnis der UBS musste mich Ständerat Rolf Schweiger aber in die Fraktion nach Bern einladen. Auch leitende Mitarbeitende des Finanzdepartementes des Bundes waren anwesend.

Meine unendliche Verwunderung darüber, wie wenig Kenntnis über die Mechanismen des Geldwesens in diesen Kreisen vorhanden war, führte dazu, dass ich mich mit Gleichgesinnten einige Jahre später als Mitinitiant in das grossartige Abenteuer Volksinitiative (Vollgeld) stürzte. 

Unser Ziel damals? Herr und Frau Schweizer über die Funktionsweise der Bankengeldschöpfung und der damit einhergehenden Konsequenzen für uns alle aufzuklären. Nur gerade ein Viertel der Stimmenden folgte uns bei der Abstimmung 2018. Der Rest wundert sich nun über die neuerliche Bankenrettung. Und es wird bestimmt nicht die letzte gewesen sein. Aber vermutlich die Zweitletzte.

Ist es Ignoranz oder ist es Kalkül, nicht nur den offensichtlich für manche Kreise ausgedienten Internationalen Finanzplatz Schweiz – begründet am Wiener Kongress 1815 – zu beerdigen, sondern damit auch den weltweit bewunderten Sonderfall: die beneidete, einzigartige direkte Demokratie, die politische und wirtschaftliche Stabilität und deren Fundament, die Rechtsstaatlichkeit? 

Der bekannte Schweizer Verfassungsrechtler Marcel Niggli sagte, dass die Schweiz zur Bananenrepublik verkomme. Der Respekt vor dem Recht habe abgenommen. Nicht nur bei der Exekutive, sondern auch bei der Judikative. Viele Richter nehmen das Recht nicht mehr ernst. Er erkenne deutliche Auflösungserscheinungen hinsichtlich der Rechtsstaatlichkeit in der Schweiz. 

Der Fall Credit Suisse ist nur ein besonders starkes Beispiel. Ihm vorausgegangen sind die Notrechtsdekrete bei der diffusen Covid-Pandemie, der herbeigeschriebenen Energiemangellage betreffend AXPO, bei den überstürzten Russlandsanktionen und nun beim Kahlschlag des Finanzplatzes. 

Hat nicht die Matrix des Geldes unsere Gesellschaft, unsere entgenossenschaftlichte Eidgenossenschaft zusammengehalten, um nun mit der Kraft eines Tsumanis die letzten Reste unseres einzigartigen, optimalen Staatswesens hinwegzufegen?

 

Das Regieren per Dekret kenne ich eigentlich nur aus Bananenrepubliken, wie ich sie in Lateinamerika hautnah erlebt habe. Für die Menschen bedeutet staatliches Unrecht grosses Leid, denn: «Nimm das Recht weg – was ist dann ein Staat noch anderes als eine große Räuberbande», sagte Augustinus von Hippo. (Zitiert von Papst Benedikt XVI bei seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011)

Rechtssicherheit aber ist die ursächliche Legitimation einer Nation, in deren Grenzen sich die arbeitsteilige Nationalökonomie durch den Sozialstaat den gemeinsam erarbeiteten Wohlstand aufteilt. Ansonsten mutiert die Demokratie zur Ineptokratie – und Revolution ist dann die Impfung.

Trifft dies in der Schweiz nicht schon länger zu? Nehmen sich manche nicht viel, viel mehr vom Kuchen, als ihnen zusteht? Geld ist Anrecht auf Produkte und Leistung Dritter. 
Hat nicht einfach nur eben die Matrix des Geldes unsere Gesellschaft, unsere entgenossenschaftlichte Eidgenossenschaft zusammengehalten, um nun mit der Kraft eines Tsumanis die letzten Reste unseres einzigartigen, optimalen Staatswesens (Leopold Kohr) hinwegzufegen?

Der Geldsoziologe, Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Aldo Haesler skizziert in seinem Essay-Band («Das letzte Tabu», Huber Verlag 2011) glänzende und böse Gedanken aus der Intimsphäre des Geldes. Ein kluger Expeditionsbericht aus den Hörsälen der Theoretiker, den Wunschträumen der Zukurzgekommenen, den Karrierevorstellungen der Zocker und den Dachkammern der Working Poors. 

Was Haesler den gläubigen Geldtheoretikern entgegenhält, ist Denk- und Lesevergnügen, gespiesen aus selbst erlebten Geschichten. Es ist das erstaunliche Kapitel einer neuen Wirtschaftsgeschichte aus dem Rinnstein unseres noch jungen Katastrophen-Jahrhunderts, gewidmet einer Geldgesellschaft, in der alles wieder wie geschmiert läuft... 
Oder? Haben nicht Lehman Brothers und Bayern-Hypo die Grenzen des fragilen Glücks offenbart? Aldo Haesler zeigt unser Zahlungsmittel von einer neuen Seite: Geld als Glücklichmacher, Geld als Energie für unsere Wunschmaschinen, Geld als Motor unserer Tauschgesellschaft, Geld als unser Gesprächsstoff Nummer eins. 

Nur: Haesler kehrt den Spiess für einmal um – denn es gibt gute Gründe, das Geld anders als nach den Regeln der Volkswirtschaftslehre zu behandeln. Das Resultat ist ein glänzend formuliertes Buch über das Geld im Endstadium seiner Entstofflichung: frivol, charmant, für viele vielleicht ärgerlich, für alle aber höchst erleuchtend. 

Eine Vorahnung dessen, was jene erwartet, die immer noch glauben, die globale Krise sei lediglich ein kurzfristiger, monetärer Betriebsunfall.

Es waren aber übrigens nicht nur die Finanzwissenschaftler, die über die vergangenen zwei Jahrzehnte meine Faszination am Chamäleon Geld lebendig gehalten haben, sondern genauso originelle Schriftsteller wie Christoph Pfluger («Das nächste Geld», Zeitpunkt Verlag) oder Michael Ende («Momo und die Zeitdiebe», Thienemann Verlag, 1973). Grossartig!

Geld ist das realste Märchen der Weltgeschichte. Und die Schweiz der realste Mythos der Geldgeschichte.

Über

Thomas Brändle

Submitted by admin2 on Do, 08/18/2022 - 14:51

Thomas Brändle lebt im zugerischen Ägerital, ist Familienvater, Bäcker-Konditor-Confiseur, gewerblicher Kleinunternehmer, www.cafe-braendle.ch, Autor (Mitglied ISSV, AdS, PEN), alt Kantonsrat, Mitinitiant der www.vollgeld-initiative.ch. In seinem Romanerstling «Das Geheimnis von Montreux» thematisierte er Kellers Prophezeiung durch den Protagonisten Marco Keller, Nationalrat und Nachfahre des Schriftstellers Gottfried Keller.

Die Bücher von Thomas Brändle.