Die Welt und alle Wesen lieben
Diese Worte, die Herrmann Hesse dem Siddhartha im gleichnamigen Roman in den Mund legt, sprechen mir so ganz aus dem Herzen: Die Welt und alle ihre Wesen vorbehaltlos zu lieben, diesen Wunsch trage ich schon lange in mir, wie bestimmt auch viele andere — aber seine Umsetzung ist für die Menschen unserer traumatisierten Gesellschaft alles andere als einfach. 
Buddha-Statue. Foto: Avinash Guruvayoor
Buddha-Statue. Foto: Avinash Guruvayoor

Die Welt zu durchschauen, sie zu verachten, 
mag grosser Denker Sache sein. 
Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, 
sie und mich und alle Wesen 
mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können.
Hermann Hesse, Siddhartha

Wir haben Leid und Schmerz in der eigenen Familie oder durch andere erfahren: durch «Erziehung» und Gewalt, durch Belohnung und Bestrafung, durch Ablehnung und Ausgrenzung, u.a.m. — und nicht zuletzt durch Krieg, im Kleinen wie im Grossen.

Mit einem solchen Trauma im Hintergrund bleibt uns fast nichts anderes übrig, als im Vorhinein Menschen und Situationen kritisch zu betrachten und zu bewerten, und gegebenenfalls zu glauben, sie «durchschauen und verachten» zu können— das ist also nicht nur «grosser Denker Sache».

Durch jede Traumatisierung wird uns Vertrauen genommen, Vertrauen in das Gute im Menschen. Wie können wir dieses Vertrauen wieder aufbauen — bei all den grausamen Dingen, die täglich in der Welt geschehen, von denen wir ständig hören, und die schrecklichen Bilder dazu immer noch von viel zu vielen Menschen in den Medien angesehen werden?

Wie können wir einen Merz, einen Putin, einen Selenski, einen Netanjahu oder gar einen Trump lieben??? Selbst wenn wir bedenken, dass mit Sicherheit keiner von ihnen eine trauma- und/oder gewaltfreie Kindheit und Jugend gehabt hat. Aus der Erkenntnis der Psychologie wissen wir: Brutale Dinge kann nur jemand begehen, der selbst Gewalt und Brutalität erfahren hat. Und so wird weiter an der Kriegstüchtigkeit/Brutalisierung gearbeitet, werden weiter noch effektivere Zerstörungs- und Tötungsmaschinen gebaut.

Übrigens: Die grössten Rüstungskonzerne Europas, Rheinmetall und KNDS, sitzen hier in Kassel, meiner Heimatstadt. Und demnächst gehört auch noch VW dazu.

Liegt es in unserer Macht, solche Vorhaben zu verhindern? – Stellt euch vor, es ist Krieg, und niemand geht hin; stellt euch vor, die riesigen Rüstungskonzerne wollen Kriegsmaterial herstellen, und kein Arbeiter steht zur Verfügung … Das einzige, was wirklich helfen könnte, wäre wohl ein Generalstreik, denn: Nur gemeinsam sind wir stark! Wie aber kommen wir zusammen?

Vielleicht bringt der grosse Wandel dieser Zeit auch das grosse Erwachen der Menschheit? Menschen wie Eugen Drewermann oder Daniele Ganser rufen immer wieder zum Mut zur Wahrheit, zum Selberdenken und zum Friede bringenden Handeln auf. So wie auch der Dalai Lama einen neuen Appell an die Menschheit richtet: «Seid Rebellen des Friedens!» …
(Diese Vertreter des Friedens kann ich durchaus mit «Liebe, Bewunderung und Ehrfurcht betrachten»!)

Wie können wir erreichen, dass wir uns gemeinsam auf den Weg der Rebellen des Friedens begeben?
Es gibt Berichte über Naturvölker, bei denen ein Mensch, egal welchen Alters, der etwas «böses» getan hat, nicht etwa bestraft oder ausgeschlossen wird, sondern es wird eine Versammlung einberufen, in deren Mitte er aufgenommen wird. Nun beginnt einer nach dem anderen in der Runde über all die guten Dinge zu berichten, die dieser kleine oder grosse Mensch bereits vollbracht hat. Anschliessend wird er gefragt, was ihn bewogen hat, diesen Pfad zu verlassen? …

Wir könnten uns ein Beispiel daran nehmen: Wenn es auch in unserer «zivilisierten» Welt gelänge, in Familien, Gruppen, Gemeinschaften, Schulen und anderen Einrichtungen, so verständnisvoll miteinander umzugehen, würde die Welt bald anders aussehen. Noch leben wir aber in dieser, durch die gewaltvolle patriarchale Vergangenheit traumatisierten Gesellschaft, in der wir viel zu oft einfach nicht in der Lage dazu sind.

Lernen könnten wir es aber, lernen einander zuzuhören und zu verstehen. Dafür gibt es die verschiedensten Methoden. So hat z. B. kürzlich der gemeinnützige Verein Mehr-Demokratie einen Leitfaden für «Sprechen und Zuhören» erarbeitet, den man wunderbar zum Üben einer friedfertigen Kommunikation in Gruppen benutzen kann.

Wie wir inzwischen aber sicher schon oft gehört haben, geht der Weg zu einem friedlichen Miteinander nur und zuallererst über uns selbst. Umso mehr ist es jetzt an der Zeit, dass wir versuchen, uns unserer Traumata bewusst zu werden und den Mut aufbringen, diese in ihrer Tiefe anzuschauen, zu bearbeiten und schliesslich zu heilen. Nur so kann ich erreichen, «mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können».

Hilfreich für diese Bewusstwerdung ist es auch immer wieder, hinaus in die Natur zu gehen, die Natur, die Bäume, die Pflanzen, die Tiere zu beobachten, ihnen zuzuhören. Die Natur macht alles im Sinne der Schöpfung richtig: sie wächst, blüht, unterstützt sich gegenseitig und stirbt, wenn die Zeit dafür gekommen ist — und wird wieder geboren.
Werden und Vergehen, der grosse Kreislauf der Natur — zu dem auch wir gehören.

Werde dir auch immer wieder über die Kraft deiner Gedanken bewusst: Deine Gedanken bestimmen nicht nur dein Weltbild; Gedanken an den Frieden schaffen Frieden, besonders wenn wir sie heute Abend um 21 Uhr gemeinsam, und dadurch synergetisch verstärkt ins morphogenetische Feld der Liebe und des Friedens senden.


www.eva-maria-gent.de

www.gesellschaft-in-balance.de
www.charta-demokratiekonferenz.org

Eva Maria Gent

Eva Maria Gent

Eva Maria Gent (*1951) lebt in Kassel und ist Heilpraktikerin und Homöopathin. Sie ist Ko-Vorsitzende der «Gesellschaft in Balance e.V.», die die «Charta Demokratiekonferenz» entwickelt hat. eva-maria-gent.de

Ich wohne in einer Gemeinschaft mit 16 Erwachsenen und 4 Kindern. Wer mehr darüber erfahren möchte, kann sich noch den Film über uns in der ARD-Mediathek anschauen: https://1.ard.de/Anders_leben_S01_E03

 

Newsletter bestellen