Wir alle, glaube ich, dachten dasselbe: Wie ist in der Schweiz so etwas möglich? 40 junge Menschen, die in einer Walliser Disco lebendigen Leibes verbrennen? Über 100 weitere Opfer, die noch leben, aber unter schwersten Vebrennungen leiden?
Mit der Gewalt der Natur müssen wir rechnen. Jederzeit. Aber menschengemachte Tragödien von diesem Ausmass kennen wir nicht. So etwas geschieht nur im Ausland. Auf den Philippinen zum Beispiel, in der «Ozone Disco» 1996: 162 Tote. In der «Gothenburg Disco» 1998 in Schweden: 63 Tote. In der Disco «The Station» 2003 in den USA: 100 Tote. Im Nachtclub «Republica Cromanon» 2004 in Buenos Aires: 194 Tote. In der Disco «Lame Horse» 2009 in Russland: 158 Tote. Im «Santika Club» 2009 in Bangkok: 67 Tote. Im «Kiss Nightclub» 2013 in Brasilien: 242 Tote. Im Nachtclub «Colectiv» 2015 in Bukarest: 64 Tote. Im «Pulse Nightclub» 2025 in Mazedonien: 63 Tote.
Aber nicht in der Schweiz.
Das findet sogar das Ausland. Stellvertretend für Medien in aller Welt fragt die italienische Zeitung La Republica, wie so etwas in der Schweiz, dem «Land der Regeln, der Perfektion, der akribischen Kontrollen» überhaupt möglich war. Auch «Il Giornale» beschreibt die Schweiz als «paese perfetta, precisa e rigorosa» (perfektes, präzises und strenges Land) und bringt das gewohnte Bild nicht zusammen mit dem Schock der Brandkatastrophe.
Dem Bild von aussen entspricht – wenn wir ehrlich sind – auch unser eigenes Bild. Im Vergleich mit dem Ausland finden auch wir die Schweiz noch immer «perfekt». Dieser Grundzustand ist so selbstverständlich für uns, dass er uns manchmal langweilt. Das erkennen wir daran, dass wir uns auf Reisen bevorzugt in Länder begeben, die nicht so wohlgeordnet und ordentlich sind. Unsere liebste Feriendestination ist das Mittelmeer, wo man immer noch arbeitet, um zu leben und nicht lebt, um zu arbeiten.
Kehren wir dann aber nach Hause zurück, zurück an die Arbeit, zurück in die Pflicht, soll uns wieder das Land empfangen, das reibungslos funktioniert. Wo die Züge planmässig fahren, die Risiken kontrolliert sind, die REGA bereitsteht und die Sicherheit jederzeit garantiert ist. Wo auf die Behörden Verlass ist und die Gesetze gelten.
So erleben wir unser Land. Wir vergleichen uns mit dem Ausland und stellen fest: Wir machen es besser. Und das Ausland stimmt zu: Die Schweiz macht es besser.
Wenn sie es aber besser macht, dann ist sie etwas Besonderes. Dieses tief in uns verwurzelte Grundgefühl begleitet und prägt uns: Die Schweiz ist ein besonderes Land – in jeglicher Hinsicht. Sie ist reich. Sie ist schön. Sie ist eine richtige Demokratie. Ihre vier Landesteile sind friedlich vereint. Sie besitzt weder Öl noch Gold noch Seltene Erden, doch ihre Wirtschaft blüht. Sie brilliert in Forschung, Technik und Wissenschaft und in manchen sportlichen Disziplinen feiert sie Sieg um Sieg.
Natürlich ist alles relativ und zu jeder Besonderheit findet sich ein kritischer Vorbehalt. Auch wir selber wissen, dass die Schweiz nicht immer so wunderbar ist, wie sie vom Ausland empfunden wird. Trotzdem erfüllt uns das Image unserer Heimat mit einer gewissen Genugtuung. Unterwegs in anderen Ländern sagen wir gern, dass wir Schweizer sind. Und die Menschen im Ausland hören es gern.
Oh, sagen sie dann erfreut, aus der Schweiz!
Umso betroffener war die Welt, als die Bilder von Crans-Montana über die Bildschirme flimmerten. Um so betroffener waren auch wir. Und innerlich ging es den meisten Schweizerinnen und Schweizern wohl ähnlich. Bewusst oder unbewusst fühlten wir: Das passt nicht zu uns. Das ist nicht die Schweiz. Wir sind nicht wie das Ausland, wo Menschen eher mit Unglücken rechnen, die von anderen Menschen verursacht wurden. Wir sind nicht wie das Ausland, wo Zerstörung und Krieg im kollektiven Gedächtnis gespeichert sind. Die Schweiz hat nie einen Krieg erlebt. Und die Schweiz hat noch nie erlebt, dass 40 junge Menschen in einem Nachtclub verbrennen, weil sein Besitzer, ein Korse mit krimineller Vergangenheit, seiner Verantwortung nicht Genüge tat.
Jetzt ist es geschehen. Wir verstehen es immer noch nicht. Die Schweiz war doch bisher gefeit vor menschengemachten Versagen in diesem Ausmass. Als ob eine gütige, über uns wirkende Hand uns beschützen würde – so kam es uns vor. So soll es doch bleiben! Wir geben doch unser Bestes. Wir haben doch keine Feinde. Wir wünschen niemandem Böses. Wir tun doch alles dafür, dass unser Land seinen Grundsätzen treu bleibt. Dürfen wir da nicht hoffen, dass uns das Schicksal gnädig gestimmt ist? Dass wir unversehrt bleiben?
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Nicht alle Schweizer sehen das so. Sie sind zwar entsetzt über das, was geschah – weil man darüber entsetzt sein muss –, aber sie finden durch Crans-Montana bestätigt, was schon immer ihre Grundhaltung war. Besonders deutlich formuliert es ein Redaktor des Tages-Anzeigers. Zunächst wundert er sich über das Bild der «perfekten Schweiz», wie es von den Medien im Ausland immer noch aufrechterhalten werde – um sich dann zu mokieren darüber, dass nicht nur das Ausland, sondern auch wir an diesem Image nach wie vor festhalten würden. Obwohl es doch voller Klischees und längst überholt sei.
Wörtlich belehrt er uns:
Wir Schweizerinnen und Schweizer leben nicht in einer anderen Weltkategorie. Wir sind keine übernatürlichen Wesen, wir sind nicht von Gott auserwählt.
Mit anderen Worten: Die Schweizer sind Menschen wie alle Menschen. Und deshalb ist auch die Schweiz ein Land wie jedes andere Land. Was in anderen Ländern geschieht, kann jederzeit auch bei uns geschehen. Es kann jederzeit wieder geschehen. Wir stehen nicht unter göttlichem Schutz. Niemand steht unter göttlichem Schutz.
Was will uns der Zeitungsmann mit seinen ernüchternden Worten sagen?
Wenn die Schweiz kein besonderes Land ist, dann müssen wir für diese Besonderheiten auch nicht mehr einstehen. Dann müssen wir es nicht besser machen als andere. Dann müssen wir uns nicht länger darum bemühen, die besondere Schönheit der Schweiz zu erhalten. Dann müssen wir gegen die Windenergie keinen Widerstand leisten. Dann dürfen auf unseren Bergen die Windräder stehen so wie überall.
Wenn die Schweiz kein besonderes Land ist, müssen wir wirtschaftlich nicht erfolgreicher sein als das Ausland. Dann muss man den Unternehmern das Unternehmen nicht leichter machen. Dann muss man es ihnen erschweren wie überall, wo der Staat seine Macht kumuliert. Dann sollen sie zahlen statt produzieren.
Wenn die Schweiz kein besonderes Land ist, braucht sie keine direkte Demokratie mehr. Dann genügt auch weniger Demokratie. Dann genügt es, wenn wir alle vier Jahre Politiker wählen, die wissen, was gut für uns ist. Dann sind wir bloss noch das Volk, das mit Brot und Spielen bei Laune gehalten wird.
Wenn die Schweiz kein besonderes Land ist, braucht sie keine Eigenständigkeit mehr. Dann genügt es, wenn sie sich einer Union unterwirft, deren Elite für alle regiert. Für alle denkt, für alle erlaubt, für alle verbietet, für alle richtet.
Wenn die Schweiz kein besonderes Land ist, muss sie nicht mehr neutral sein. Dann darf sie Freunde und Feinde haben. Dann darf sie Sanktionen beschliessen. Dann darf sie Soldaten schicken. Dann muss sie von Kriegen nicht länger verschont sein.
Dann ist sie endlich nur noch ein Land wie alle anderen Länder.
Wollen wir das? Ich will es nicht. Die Brandkatastrophe von Crans Montana, so kommt es mir vor, war eine Warnung. Eine Ermahnung des Lebens an unser Land, den eigenen Weg nicht zu verlassen, seine Besonderheit nicht zu verspielen. Was in Crans geschah, fordert uns dazu auf, dass wir an unsere Stärken weiterhin glauben. Dass wir es besser machen. Dass wir als gutes Beispiel vorangehen. Vielleicht stimmt es ja doch:
Dass der eigene Weg vom Schicksal belohnt wird.
Weitergehende Gedanken zum Wesen und Selbstverständnis der Schweiz sind zu finden in Nicolas Lindts jüngstem Buch «Orwells Einsamkeit. Sein Leben und mein Weg zu einem persönlichen Denken».