Der Friedensnobelpreis hat einen zweifelhaften Ruf. Gestiftet hat ihn Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, vergeben wurde er aber immer wieder an Leute, die mehr Kriege geführt als beendet haben. Henry Kissinger ist nur das bekannteste Beispiel. Umso erfreulicher ist die diesjährige Wahl des norwegischen Nobelkomitees: Es ehrt die südafrikanische Juristin Navanethem «Navi» Pillay.
Ihr Lebenslauf liest sich wie eine Geschichte des modernen Völkerrechts. Sie kämpfte gegen die Apartheid. Sie war Richterin am High Court in Südafrika, am Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda und am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.
Danach war sie UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte und zuletzt Vorsitzende der Untersuchungskommission zu den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten. Das Komitee würdigt sie als treibende Kraft beim Aufbau einer internationalen Rechtsordnung, in einer Zeit, in der Richter und Institutionen des Völkerrechts politisch und wirtschaftlich unter Beschuss stehen.

Navi Pillay besucht als Hochkommissarin für Menschenrechte den Slum Cité Soleil im Haiti (Foto: Marco-Dormino/OHCHR-Photo)
Wie berechtigt die Sorge ist, zeigten die Reaktionen. US-Präsident Donald Trump, der den Preis gerne selber bekommen hätte, will die «Mystery Person» nicht einmal kennen, sieht aber durch die Preisverleihung einen «unauslöschlichen Fleck» auf Norwegen, welches das Komitee der Preisverleihung bestellt.
Die Reaktion des israelischen Aussenministeriums ist besonders geschmacklos: «Gäbe es einen Preis für Lügen, Hass und Ritualmordlegenden (bloodlibel), wäre Navi Pillay nicht bloss eine Anwärterin. Sie wäre die Favoritin.» Joseph Goebbels würde bestimmt aus der Hölle Beifall klatschen.
Der Grund: Die von Pillay geleitete Kommission kam im September 2025 zum Schluss, Israel begehe in Gaza Völkermord, was Israel entschieden bestreitet. Pillay antwortete mit Humor und bot an, den Preis mit Trump zu teilen.
Natürlich musste auch die Israel nahestehende Weltwoche die Preisverleihung kritisieren. Damit ihr Hausautor Pierre Heumann aus Israel das nicht selber machen musste, führte er ein längeres Interview mit Geoffrey S. Corn, «Distinguished Fellow» des Jewish Institute for National Security of America (was die Weltwoche allerdings unterschlägt). Corn war zuletzt ranghöchster Berater für Völkerrecht der US-Armee – die für den Krieg gegen den Iran Regeln zum Schutz der Zivilbevölkerung aufgehoben hat!
Corn übergeht im Interview zentrale Normen: Auch Angriffe auf militärische Ziele sind bei unverhältnismässigen zivilen Schäden verboten; Aushungern ist ein Kriegsverbrechen und Warnungen vor der Bombardierung ziviler Ziele wie Spitäler sind keine Entlastung. Der Völkerrechtler Corn verwechselt zudem den Beweismassstab für Verurteilungen mit jenem für UNO-Berichte und Haftbefehle, der weniger strikt ist. Fazit: Corn ist eher ein Freund Israels als ein Völkerrechtler.
Ein echter Völkerrechtler ist dagegen Alfred de Zayas, der Navi Pillay im Namen des Neutralitätsrats gratulierte. Er bringt auf den Punkt, worum es geht: «Alfred Nobel wollte den Frieden durch das Recht fördern.» Frieden sei «ein Menschenrecht und die Voraussetzung für die Wahrnehmung der anderen bürgerlichen, kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Rechte».
Pillay sei «eine starke Stimme für die Schwachen». Ihre Wahl nennt er «ein positives Signal», denn der Friedensnobelpreis hätte seinen Glanz und seine Glaubwürdigkeit verloren. Er verweist auf Fredrik Heffermehls Buch «The Real Nobel Peace Prize», das dokumentiert, wie oft der Preis an Kriegstreiber ging.
Die Auszeichnung, so de Zayas, ehre «alle, die an Weltfrieden, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Zivilisation glauben und dafür arbeiten». Die Wahl erinnert daran, dass Frieden nicht aus Stärke entsteht, sondern aus Recht, das für alle gilt, auch für die Mächtigen.
Navi Pillay hat ein Leben lang dafür eingestanden. Dass sie dafür angefeindet wird, zeigt, wie sehr wir Menschen wie sie brauchen.