Ironischerweise erfahren wir gerade in einer Zeit der absoluten Nahrungsfülle einen Mangel an ausgewogener Kost, die Leib und Seele gleichermassen nährt. Auf der einen Seite futtern wir uns in eine Reihe von vermeidbaren Zivilisationskrankheiten hinein, wie etwa Gicht (früher eine Krankheit des Adels, da sich nur Reiche regelmässig Fleisch leisten konnten), Diabetes und Herzleiden. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese «Esskultur» uns krank macht: zu viel, zu süss, zu fett, zu industriell verfremdet. Auf der anderen Seite versuchen wir, dieser Entwicklung mit einem Überangebot der verschiedensten Ernährungskonzepte zu kontern, die oft mit fast religiösem Eifer praktiziert werden: Rohkost, Paleo, Keto, Low Fat, Low Carb … jede Woche kommt ein neuer Trend hinzu, der entweder behauptet, das Rad neu zu erfinden, oder langfristig nicht hält, was er verspricht.
Dabei könnte – und sollte – Ernährung doch so einfach sein! Regional und saisonal, natürlich und liebevoll selbst zubereitet:
Die Heilküche der Hildegard von Bingen beweist nach mehr als achteinhalb Jahrhunderten immer noch, dass – und wie – Nahrung auch Medizin sein kann. Neueste Forschungsergebnisse bestätigen die Erkenntnisse – oder besser: Eingebungen durch innere Schau – der Äbtissin. In Zeiten, wo das Bedürfnis nach natürlichen Haus- und Heilmitteln ebenso wie das Interesse an den Heilkräften heimischer Kräuter steigt, bietet diese alte Ernährungsform «eine alltagstaugliche Möglichkeit, Genuss und Gesundheit miteinander zu verbinden», wie Jutta Isabella Martin in ihrem eben erschienenen Buch schreibt. Wir können mit ihr nicht nur Erkrankungen vorbeugen: so, wie wir uns krank gegessen haben, können wir uns durch den bewussten Einsatz der richtigen Nahrung auch wieder heilen. Natürlich ist es nicht damit getan, gelegentlich einen Fencheltee zu trinken oder ein wenig Dinkel zu essen. Das medizinische und kulinarische Vermächtnis von Hildegard ist ein ausgewogener, praktizierbarer und ganzheitlicher Ansatz, der unsere tägliche Ernährung zur Heilkost transformiert.
Hildegard kannte den Zusammenhang von Leib und Seele. Der Mensch war für sie ein Mikrokosmos im Makrokosmos, und was ihm fehlte, wird durch den Makrokosmos hinzugefügt: Pflanzen, Kräuter, Tiere und Edelsteine werden in ihren Lehren als Heilmittel genutzt. Hildegard, die im 12. Jahrhundert lebte, war von adliger Geburt und als Kind kränklich und schwach. Mit zehn Jahren wurde sie ins Kloster geschickt – eine typische Gepflogenheit in adligen Familien mit mehreren Kindern. Dort fand sie ihre Bestimmung und wurde schliesslich Äbtissin. Sie hatte mediale Fähigkeiten, die «innere Schau», und schrieb im göttlichen Auftrag in visionären Schriften auf, was sie auf diese Weise erfuhr – und was unglaublich weit über ihren eigenen Erfahrungsbereich hinausging.
Schon zu Lebzeiten wurde ihre aussergewöhnliche Fähigkeit erkannt und Hildegard zur Beraterin höchster Würdenträger. Danach ging dieses Wissen verloren; erst im 19. Jahrhundert wurde ihr Werk wiederentdeckt und vom Mediziner Dr. Gottfried Hertzka wie ein «Schatz» gehoben. Zu Hildegards Zeit glaubte man an das Modell der vier Körpersäfte, die im Menschen durch ihre individuelle Mischung Temperament und Konstitution bestimmen: «Vom Feuer hat er seine Wärme, von der Luft den Atem, vom Wasser das Blut und von der Erde das Fleisch. So erhalten die Elemente, wenn sie geordnet im Menschen wirken, denselben und machen ihn gesund.» Aus diesem Grund kann auch – und nur – die Natur heilen. Die jeweiligen Konstitutionstypen ähneln dabei ganz erstaunlich den Dosha-Einteilungen des Ayurveda und werden ähnlich wahrgenommen: Wer beispielsweise viel Luft hat, kann sich mit Wurzelgemüse erden.
Bei Hildegard nimmt die Reinigung der Körpersäfte eine hohe Priorität ein: Durch Aderlass, Schröpfen, Fasten - und natürlich die richtige Ernährung. Wir bestimmen, was wir Essen – und damit auch, wie es uns körperlich geht. Autorin Martin betont die Wichtigkeit unserer Entscheidung für Gesundheit gerade beim Essen: «Dabei geht es um Eigenverantwortung und die Energie, die man bei der Zubereitung mit einfliessen lässt.»
Hildegards Küche ist weit von Extravaganz entfernt, aber auch ebenso weit von Askese, und hat als Grundlage eine der Regeln des Heiligen Benedikt: «discretio», das rechte Mass. Als regelrecht universales Heilmittel wird Urdinkel empfohlen, der nach Hildegard «warm und fett und kräftig» ist und zugleich milder als andere Getreide: «Er macht frohen Sinn im Gemüt des Menschen:» Dinkel enthält Rhodanid, weshalb er keine Allergien verursacht; daneben in guter Bioverfügbarkeit wertvolle Inhaltsstoffe und wichtige sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe. Neben Dinkel und Hafer gibt es Hülsenfrüchte als Eiweisslieferanten und reichlich Gemüse und Obst, bevorzugt regional und saisonal. Fleisch muss nicht völlig gemieden werden, sollte aber nur ein, zwei Mal pro Woche gegessen werden; Kuhmilchprodukte werden zugunsten von Ziegen- und Schafkäse sehr reduziert.
Als Fette kennt diese Kost Butter, die als Heilmittel gilt, diverse Öle, wenige Eier, dafür mehr Nüsse. Manch andere Lebensmittel, von Hildegard «Küchengifte» genannt, sollte man meiden oder wenigstens stark reduzieren: zu fette, schwere, trockene oder saftlose Speisen, die einem gesunden Menschen - in Massen - nicht schaden, wohl aber einem empfindlichen oder kranken. Dazu gehören unter anderem Kaffee, Schwarztee, fast jeder Alkohol, Schweinefleisch, Nachtschattengewächse wie Kartoffeln, Tomaten und Auberginen, Hartkäse und Jodsalz. Rotwein, der dem menschlichen Blut ähnlich sei, wie Hildegard meinte, kann man ohne Bedenken geniessen – mit «discretio» natürlich. Die Organuhr hat auch die Äbtissin im Auge behalten: Mit fortschreitender Tageszeit immer weniger essen, und nur leicht am Abend, entlastet die Verdauung. Entgiftung findet nicht nur über die Ernährung statt, sondern kann durch Fasten und Saunieren unterstützt werden.
Einen besonderen Stellenwert nehmen in der Ernährung nach Hildegard die Küchenkräuter ein. Manche Namen dieser einheimischen Kräuter muten uns heute recht eigentümlich an und sind fast schon vergessen: Akelei gegen Verschleimung; Bertram, relativ geschmacksneutral und sehr heilsam durch seine Verdauungsenzyme; Galgant, das «Nitroglycerin der Pflanzenheilkunde»; Hirschzunge zur innerlichen Reinigung; Quendel (Feldthymian) für die Haut; Ysop zur Leberreinigung und Neutralisierung von Purinen – sie wurden von Hildegard in ihrer Wirkung in «warm» und «kalt» unterteilt. Früher wurden diese basischen Pflanzen täglich und in Mengen verwendet – nicht nur als Küchengewürze, sondern gezielt in spezieller Zubereitung, etwa mit Wein verkocht oder als Creme, auch als Kräutermedizin. Als Pesto oder Süppchen, in Keksen oder Ölen können wir in den Genuss ihrer heilsamen Wirkung kommen – doch gebührt ihnen auch Achtsamkeit im Umgang, denn viel hilft hilft hier nicht unbedingt viel, sondern kann sogar das Gegenteil bewirken.
Ernährungsberaterin Jutta Martin, auch «Hildegard vom Bodensee» genannt, gibt Ernährungsempfehlungen bei bestimmten Beschwerden: bei grippalen Infekten, Problemen mit Magen und Darm, Hautkrankheiten, Nervenleiden oder auch Schmerzen im Bewegungsapparat. Um es noch einmal zu betonen: Hildegards Küche bietet «Hilfe zur Selbsthilfe.» Es ist nicht mit ein paar Scheiben Dinkelbrot oder ein paar Gläschen Kräuterwein getan – eine komplette ganzheitliche Betrachtung und Behandlung der Erkrankung steht an, dazu eine zielgerichtete Umstellung des Essens. Die Wirkung dieser schmackhaften Ernährung spürt man unmittelbar, wie die Autorin aus eigener Erfahrung und langjähriger Berufspraxis weiss: Durch Wohlbefinden im ganzen Körper.
Quellen:
Jutta Isabella Martin: «Hildegard von Bingen Heilküche», TRIAS Verlag
Webseite der Autorin: www.DiVeRa.org