Hinter den 45,2 %, die am 14. Juni JA zur Nachhaltigkeitsinitiative gesagt haben, stehen Menschen. Genauer gesagt 1’508'095 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger. Was haben diese eineinhalb Millionen gemeinsam? Sie haben gemeinsam, dass sie finden, es reicht. Immer noch mehr Einwanderer kann unser Land nicht verkraften. Und weil der Bundesrat nichts unternimmt, um diese Masseneinwanderung zu beschränken, haben sie zur bundesrätlichen Politik überhaupt eine kritische Haltung. Ihr Verhältnis zum Staat ist brüchig geworden. Sie glauben nicht mehr vorbehaltlos, dass der Staat die Interessen des Volkes vertritt.
Viele dieser eineinhalb Millionen haben sich schon seit Corona immer mehr vom Staat distanziert. Sie hielten die Massnahmen für übertrieben und wollten sich vielleicht auch nicht impfen lassen. Viele haben danach auch gezweifelt, ob es richtig sei, im Ukraine-Konflikt die Neutralität aufzugeben. Und viele, wenn nicht die meisten dieser eineinhalb Millionen wollen die Schweiz auch nicht der EU ausliefern. Sie wollen, dass die Schweiz unabhängig und frei bleibt.
Alle diese Menschen wollen sich informieren. Sie sind politisch interessiert und informieren sich aus den Medien. Aus den Mainstreammedien. Sie tun es aus Gewohnheit und weil der Mainstream umfassend und aktuell, lebendig und durchaus spannend berichtet.
Am Morgen öffnen sie als erstes «20 Minuten». Später lesen sie vielleicht noch die «NZZ» oder den «Tages-Anzeiger», die Berner oder die Basler Zeitung, den «Blick» oder «Watson». Abends sehen sie vielleicht noch die Tagesschau, «10 vor 10» oder hören im Radio das «Echo der Zeit».
Doch obwohl sie diese Medien täglich benützen und konsumieren, ist ihnen klar, dass sie keine kritischen Medien sind. Die Zeitungen ebenso wie das SRF vertreten die Sicht des Staates. Die Sicht der politischen Klasse. Eineinhalb Millionen Menschen in unserem Land machen Tag für Tag die Erfahrung: Das sind nicht unsere Medien. Das sind nicht meine Medien.
Und wenn sie dann noch für ein Fernsehen, das nicht ihr Fernsehen ist, 365 Franken im Jahr bezahlen müssen, dann würden sie sich am liebsten weigern. 1’188'289 Bürgerinnen und Bürger haben JA gestimmt zur Halbierung der Radio- und Fernsehgebühren. Die allermeisten von ihnen gehören zu den eineinhalb Millionen, die auch am 14. Juni JA gestimmt haben.
Medien zu konsumieren, die ich nicht als «meine» Medien empfinde; eine Zeitung zu lesen, die gegen meine Einstellung schreibt, ist ein tägliches Ärgernis und ein täglicher Schmerz. Denn der Mensch möchte geliebt werden. Er möchte auch von seiner Zeitung geliebt werden.
Schon früher konnte man sich von der Zeitung, die man las, zu wenig bestätigt und zu wenig verstanden fühlen. Dann wechselte man eben die Zeitung. Aber heute geht das nicht mehr. Weil alle Zeitungen Mainstream sind. Weil alle «gegen mich» schreiben.
Viele kritische Bürger nutzen die Kommentarspalten, um ihren Widerspruch anzubringen und ihrer Frustration Luft zu verschaffen. Aber zu oft sind die Spalten geschlossen, weil die Redaktionen dem Unmut der Leser kein Forum ermöglichen wollen. Und auch wenn Kommentare geduldet werden, so ändern sie nichts an der Message der Zeitung.
Die einzige grössere Publikation im Land, die eine unbestechliche kritische Sichtweise hat, ist die «Weltwoche». Sie vertritt die Haltung der eineinhalb Millionen, die am 14. Juni Nein zu einer 10-Mllionen-Schweiz gesagt haben. Sie könnte für sie alle das Leibblatt sein.
Doch die «Weltwoche» ist eine Wochenzeitung. Sie produziert zwar ein tagesaktuelles Onlineportal, aber sie deckt nicht das ganze Spektrum der Aktualität ab. Zudem sind ihre Grenzen zwischen Meinung und Information fliessend. Inhaltlich und gestalterisch richtet sich ihr Auftritt an eine eher intellektuelle Leserschaft. Und zu ihrem Zielpublikum gehören auch die Leser in Deutschland und Österreich. Deshalb nimmt vor allem die deutsche Politik in der Berichterstattung einen überproportional breiten Platz ein.
Natürlich versuchen kritische Bürgerinnen und Bürger, die Mainstreammedien so weit wie nur möglich zu meiden. Die Erfahrungen in der Corona-Zeit haben sie dazu bewogen, unabhängige Informationen zu suchen. In der grenzenlosen Welt der Social Media finden sie die gesuchten Antworten. Doch das Surfen im weltweiten Netz befriedigt nicht das Bedürfnis nach aktueller, umfassender Information. Die sozialen Kanäle treffen eine auf uns zugeschnittene Vorauswahl. Sie filtern, was wir zu sehen und zu lesen bekommen. Wenn uns das Geschehen in Palästina interessiert und betroffen macht, werden wir vor allem mit Posts und Seiten zum Thema Nahost eingedeckt, während andere Themen uns kaum erreichen. Das Bild der Aktualität, das wir erhalten, bleibt damit stark vom Zufall gesteuert. Es bestätigt zwar unser Weltbild, ist aber so selektiv, dass wir, um informiert zu sein, doch wieder auf die Mainstreammedien ausweichen müssen.
Auch die sozialen Medien sind deshalb keine echte Alternative zur Information einer Tageszeitung, wie sie «20 Minuten», der «Tages-Anzeiger», die NZZ oder Radio und Fernsehen bieten. Was aber folgt daraus? Die eineinhalb Millionen Schweizerinnen und Schweizer, die am 14. Juni JA gestimmt haben, brauchen eine eigene Tageszeitung.
Wir brauchen sie dringend. Denn es tut uns nicht gut, weiterhin täglich und widerwillig ein Newsportal öffnen zu müssen, das unser Weltbild und unsere Werte verhöhnt. Es macht uns krank, frühmorgens bereits eine Dressur des Denkens ertragen zu müssen, nur damit wir auf dem neuesten Stand der Aktualität sind.
Wir brauchen dringend ein Newsportal, das nicht verschweigt und nicht unterschlägt, nicht aufhetzt und nicht beschönigt, nicht moralisiert und nicht manipuliert – sondern uns Leserinnen und Lesern die Eigenverantwortung zurückgibt. Wir brauchen das Meisterwerk einer Zeitung, die Stellung bezieht und uns gleichzeitig freilässt. Wir brauchen eine tägliche Zeitung, auf die wir uns freuen können.
Es muss eine Zeitung sein, die für «alle» ist. Eine Zeitung wie «20 Minuten». Mit dem kleinen, fundamentalen Unterschied einer anderen Weltanschauung. 20 Minuten ist nicht umsonst die meistgelesene Zeitung der Schweiz. Das liegt nicht nur daran, dass sie kostenlos ist. Es liegt an der Mischung. An der erfolgreichen Kreuzung zwischen Boulevard und Ernsthaftigkeit.
So eine Zeitung müsste es sein. Einfach anders. Ohne pädagogische Einleitungen. Ohne tendenziöse Gewichtung. Ohne deaktivierte Kommentarspalte. Ohne Angstmacherei. Und ohne die Allmacht der Einschaltquoten.
Aber mit Paywall. Aus der Perspektive des Lesers erlebe ich täglich, wohin es führt, wenn sich ein Newsportal wie 20 Minuten nur von Werbung ernährt. Das Übermass an Reklame und Werbebeiträgen macht das Lesen zum Hürdenlauf. Eine bescheidene Paywall wäre bestimmt ein Erfolg – sobald die Leser das Newsportal nicht mehr missen möchten. Während einer längeren Einführungszeit wäre die Zeitung deshalb frei abrufbar. Danach würde sie etwas kosten.
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Ich bin mir sicher, dass die neue Zeitung, wenn sie richtig lanciert wird, selbst im Land der Gemässigten wie eine Bombe einschlagen würde. Für zehn-, wenn nicht hunderttausende Leserinnen und Leser würde die Alternative zu «20 Minuten» innert Monaten unverzichtbar. Endlich hätten die eineinhalb Millionen eine tägliche publizistische Heimat. Endlich hätten wir eine Zeitung, die «bewahrt, was wir lieben» - der Slogan der Nachhaltigkeitsinitiative, der uns auch in Zukunft begleiten soll.
Die neue Zeitung könnte ein neues Gemeinschaftsgefühl hervorbringen. Jeder, der sie liest, hätte die schöne Gewissheit: Ich bin nicht allein. Die Leser der «Weltwoche» kennen dieses Gefühl bereits, aber die neue Zeitung würde sehr viel mehr Menschen in unserem Land erreichen. Ihre Stärke und ihre Verbreitung würde sie daraus beziehen, dass sie von Schweizerinnen für Schweizerinnen, von Schweizern für Schweizer geschaffen würde. Den Anspruch, auch im Ausland gelesen zu werden, hätte sie nicht.
Die Herausgeberschaft, die Beschaffung der Gelder, die publizistischen Leitlinien und die Zusammensetzung der Redaktion – das alles sind Fragen, die uns im ersten Moment noch nicht beschäftigen müssen. Bestimmt gab es schon früher Ideen und Pläne für eine unabhängige, allein der Schweiz verpflichtete Tageszeitung. Aber offenbar war die Zeit noch nicht reif für ihre Realisierung. Vielleicht bedurfte es noch dieser letzten schmerzhaften Niederlage – und der hoffnungsvollen Erkenntnis, wieviele Gleichgesinnte wir sind. Eine neue Partei braucht es nicht. Aber es braucht diese Zeitung. Allein schon deshalb, weil ich sie ganz persönlich brauche.
Jetzt geht es erst einmal darum, den Samen in die Erde zu setzen, um zu sehen, was geschieht. Wer diese Zeilen bis hierhin gelesen hat, ist deshalb eingeladen, sich selber Gedanken zu machen: Würde ich diese Zeitung lesen? Wie wichtig wäre sie mir? Und gäbe es Wege, sie zu verwirklichen?
Bleibt noch der Name. Die Schweiz existiert nicht erst seit 20 Minuten. Es gibt sie schon etwas länger. Seit 1291. So könnte die Zeitung heissen. 1291. Eine kleine Jahreszahl für die Welt. Eine grosse für unser Land.