Neue Daten des nationalen Statistikamtes zeigen, dass die Armutsquote im Jahr 2025 auf 28 Prozent gesunken ist – den niedrigsten bisher verzeichneten Stand. Fast 1,8 Millionen Menschen in Kolumbien konnten innerhalb eines einzigen Jahres die Armut überwinden; zugleich gingen extreme Armut und Einkommensungleichheit zurück. Diese Zahlen stellen einen bedeutenden sozialen Fortschritt dar und setzen einen mehrjährigen Trend zur Verbesserung des Lebensstandards fort.
Doch trotz dieser sozialen Fortschritte entschieden sich viele WählerInnen in Kolumbien für den rechtsgerichteten Anwalt und Geschäftsmann Abelardo De La Espriella. Seine nationalkonservative und auf Sicherheit sowie Ordnung ausgerichtete politische Linie unterscheidet sich erheblich von der Politik des scheidenden Präsidenten Gustavo Petro. Das Ergebnis legt nahe, dass selbst bedeutende soziale und wirtschaftliche Fortschritte nicht automatisch zu einer politischen Unterstützung der Regierung führen, die an diesem Fortschritt beteiligt war.
Kolumbien ist dabei kein Einzelfall. In der gesamten Region haben Wahlzyklen wiederholt gezeigt, dass sozialer Fortschritt nicht zwangsläufig zu dauerhafter politischer Loyalität führt. Ähnliche politische Wechsel lassen sich in Argentinien, Chile, Ecuador und anderen Ländern Südamerikas beobachten, wo auf Phasen progressiver Regierungsführung oft die Wahl konservativerer Politiker oder Regierungen mit deutlich anderen Prioritäten folgte.
Der ehemalige ecuadorianische Präsident Rafael Correa lieferte eine Erklärung für dieses Phänomen. Er argumentierte, dass viele Menschen nach einem sozialen Aufstieg möglicherweise stärker darauf achten, ihren erreichten Lebensstandard zu sichern. Dadurch könnten sich politische Prioritäten verändern – auch gegenüber Massnahmen, die weiteren gesellschaftlichen Gruppen ähnliche Verbesserungen ermöglichen sollen. Unabhängig davon, ob man diese Interpretation akzeptiert oder nicht, verdeutlicht sie eine wichtige politische Herausforderung: Gerade der Erfolg progressiver Sozialpolitik kann die Interessen, Erwartungen und politischen Prioritäten der Menschen, die von ihr profitieren, verändern und damit eine langfristige politische Kontinuität erschweren.
Es gibt jedoch eine bemerkenswerte Ausnahme: Mexiko
Mexiko bietet hierzu ein interessantes Gegenbeispiel. Auf die Präsidentschaft von Andrés Manuel López Obrador folgte die Wahl von Claudia Sheinbaum, die derselben politischen Bewegung angehört und versprochen hat, einen Grossteil der bisherigen Agenda fortzuführen. Statt einer politischen Gegenbewegung erhielt das Regierungsprojekt auch nach dem Führungswechsel weiterhin breite Unterstützung in der Bevölkerung.
Was erklärt die mexikanische Ausnahme?
Ein Teil der Antwort liegt möglicherweise nicht nur in den politischen Ergebnissen, sondern auch in der politischen Identität. Während sich viele progressive Regierungen in Südamerika stark über politische Kategorien wie Sozialismus oder «die Linke» definieren, definiert sich Mexikos Regierungsbewegung zunehmend über das Konzept des «mexikanischen Humanismus». Obwohl ihre Politik viele Ziele mit anderen progressiven Regierungen teilt, unterscheidet sich die Sprache deutlich. Der mexikanische Humanismus betont Würde, Gemeinschaft, Solidarität und nationale Kultur statt ideologischer Zugehörigkeit.
Dieser Unterschied könnte von Bedeutung sein. Politische Projekte, die stark über ideologische Zugehörigkeiten definiert werden, können gesellschaftliche Trennlinien verstärken. Projekte, die auf gemeinsamen kulturellen und ethischen Werten beruhen, können breitere Identifikation über traditionelle politische Grenzen hinweg fördern. Aus dieser Perspektive spiegelt Mexikos Kontinuität somit nicht nur die von der Regierung erzielten materiellen Ergebnisse wider, sondern auch das umfassendere Narrativ, in das diese Ergebnisse eingebettet werden.
Die kolumbianischen Wahlen werfen daher eine weitergehende Frage für Lateinamerika auf: Wenn Armutsbekämpfung, geringere Ungleichheit und verbesserte soziale Indikatoren nicht ausreichen, um politische Kontinuität zu sichern, was braucht es dann zusätzlich? Liegt die Antwort in wirtschaftlicher Entwicklung, Sicherheitsfragen, politischer Organisation und medialem Einfluss – oder in der Frage, welche gemeinsamen kulturellen Vorstellungen und Werte eine Gesellschaft verbinden?
Mexiko legt nahe, dass politische Beständigkeit von mehr als nur einer effektiven Regierungsführung abhängt. Sie erfordert möglicherweise auch ein gemeinsames Verständnis von Identität und politischen Zielen, das über herkömmliche ideologische Kategorien hinausgeht. Die vielleicht interessanteste Frage ist daher nicht, warum manche Länder sich politisch nach rechts bewegen, sondern warum Mexiko trotz ähnlicher Herausforderungen einen anderen Weg eingeschlagen hat.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!
David Andersson
David Andersson ist Schriftsteller und Humanist und lebt in New York City. Er beschäftigt sich vor allem mit Fragen der globalen Gerechtigkeit, des kollektiven Bewusstseins und der gewaltfreien Transformation. Er ist Englisch-Redakteur bei der internationalen Presseagentur Pressenza und Autor des Buches „The White-West: A Look in the Mirror“, einer Sammlung von Kommentaren, die sich mit der Dynamik der westlichen Identität und ihren globalen Auswirkungen befassen. CounterPunch, denikreferendum.cz, Mobilized News, Countercurrents, LA Progressive und Dissident Voice haben seine jüngsten Arbeiten veröffentlicht. Viele seiner Artikel wurden in mehr als fünf Sprachen übersetzt.