Mit der dunklen Jahreszeit nimmt das Unsichtbare seinen Platz ein. Wir ziehen uns in unsere Häuser zurück und gedenken der Verstorbenen. Zu Halloween werden die Geister losgelassen. Für einen Abend wird es übernatürlich – zumeist nur für Kinder, die Geist mit Gespenst gleichsetzen. Dabei ist der Geist schwer zu fassen und hat im Deutschen viele Bedeutungen. Er umfasst Bewusstsein und subjektives Erleben, Denken und Vernunft, Selbstbewusstsein und Ich, spirituelle Erfahrung und die Vorstellung einer eigenständigen Wirklichkeit, schöpferische Kraft und kollektive Vorstellungen.
In einer Welt, in der der Mensch zunehmend als materielles System verstanden wird – als biologischer Organismus, dessen Vorgänge sich messen, erklären, behandeln und optimieren lassen –, ist der Geist zu einem grossen Teil aus dem Blick geraten. Die evidenzbasierte Wissenschaft untersucht zwar Aspekte des Geistigen, doch sie kann subjektives Erleben nicht von aussen erfassen. Sie kann die Frage nach dem Sinn nicht mit empirischen Methoden beantworten, kann Wirkung erforschen, hat aber keine Antwort auf die Bedeutung.
Empirische Wissenschaft sucht nach Regelmässigkeiten. Das Einmalige lässt sich mit ihren Methoden nur begrenzt erfassen. Sie kann untersuchen, wofür sie geeignete Begriffe, Methoden und Beobachtungsmöglichkeiten besitzt. Ihr Gegenstand ist immer nur ein bestimmter Ausschnitt der Wirklichkeit – nicht das Ganze, in dem sich das Lebendige entfaltet.
Das alles und noch viel mehr
Geist, Seele und Körper wurden lange als unterschiedliche Dimensionen des Menschseins verstanden. Während der Körper das physisch Leibliche bezeichnete und die Seele mit Empfinden und Persönlichkeit verbunden wurde, stand der Geist für das, was über das unmittelbar Körperliche hinausweist: für Wahrheit, Sinn, Freiheit und das Übersinnliche. Wahrheitssuche und Freiheitserleben erhielten so eine geistige Dimension. Wo diese Dimension ausgeblendet wird, droht auch der Zugang zu Wahrheit und Freiheit verloren zu gehen.
Heute sind wir grösstenteils auf unsere physischen Bedürfnisse und auf unsere Gedanken und Empfindungen reduziert. Damit gerät eine Fähigkeit in Gefahr, die für unsere Orientierung entscheidend ist: die Fähigkeit, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Der Kanal ist verschlossen. Mit der Reduktion des Menschen auf das Messbare verschwindet nicht nur ein Begriff. Es geht auch die Fähigkeit verloren, sich selbst beim Denken zuzusehen.
Geist ist nicht einfach Intelligenz. Wir sind nicht nur das, was wir denken oder fühlen. Wir können unsere Empfindungen und Gedanken beobachten, ohne uns mit ihnen zu identifizieren. Wir sind weder unsere Vorstellungen und Meinungen noch die Etiketten und Titel, die andere uns auferlegen. Wir sind mehr als das. Wir sind der Geist, der alles sieht.
Demokratiefähig?
Anstatt uns ausschliesslich auf bestimmte Quellen zu verlassen, um in den Wogen der Informationsflut nicht unterzugehen, können wir uns fragen: Was nehme ich tatsächlich wahr? Was denke ich, wenn mir niemand sagt, was ich denken soll? Welche meiner Überzeugungen habe ich selbst geprüft?
Innere Eigenständigkeit bedeutet nicht, niemandem zu glauben, sondern die eigene Urteilskraft nicht an andere abzugeben. Viel einfacher wäre es, sich einer fertigen Weltsicht anzuschliessen, die Sicherheit, Zugehörigkeit und Orientierung verspricht. Doch wer seine Identität an eine Überzeugung, einen Titel oder einen Code bindet, erlebt Widerspruch schnell als Bedrohung und macht aus Andersdenkenden Feinde.
Das ist nicht im Sinne einer Demokratie. Demokratie braucht mehr als Institutionen, Wahlen und Gesetze. Sie bedeutet, miteinander zu reden, einander zu widersprechen, zu prüfen, zu entscheiden und Entscheidungen gegebenenfalls zu korrigieren. Sie braucht Menschen, die bereit sind, die eigene Sicht für fehlbar zu halten und anderen das Recht auf eine andere Sicht zuzugestehen.
Eine Demokratie kann formal funktionieren und zugleich innerlich verarmen. Wenn wir nur noch Informationen aufnehmen, die unsere bestehende Meinung bestätigen, wenn politische Gegner zu Feinden werden und bestimmte Deutungen nicht mehr hinterfragt werden dürfen, bleibt die demokratische Form bestehen. Ihre geistige Grundlage aber löst sich auf.
Wachsein bedeutet, infrage zu stellen
Es gilt, den Geist zurückzurufen. Er ist noch da. Nur ist er überlagert von Informationen, Rollen, Routinen, Konsum, Institutionen und ständig neuen Geschichten darüber, wer wir sein sollen. Diese Schichten gilt es abzutragen, damit der Geist darunter wieder sichtbar werden kann.
Der Geist ist nichts, was uns von aussen gegeben werden muss. Er zeigt sich in unserer Fähigkeit, wach zu sein. Wer wach ist, bleibt ansprechbar. Er nimmt wahr, denkt, unterscheidet, hinterfragt und erkennt Zusammenhänge. Er folgt seinen Gedanken nicht bloss gewohnheitsmässig, sondern kann sie beobachten und prüfen.
Ein wacher Mensch bemerkt die eigenen Gefühle, Ängste, Wünsche und Konditionierungen. Er erkennt, dass seine Wahrnehmung die Wirklichkeit nicht einfach abbildet, sondern von Erfahrungen, Erwartungen und Überzeugungen geprägt ist. Spirituell wach zu sein bedeutet, die gewohnte Identifikation mit dem eigenen Ich, den Gedanken und dem alltäglichen Weltbild zu lockern. Wach ist, wer auch die eigene Wachheit infrage stellen kann.
Kann ich zwischen meiner unmittelbaren Erfahrung und meiner Interpretation unterscheiden? Bin ich bereit, Tatsachen anzuerkennen, die meinem Weltbild widersprechen? Kann ich Unsicherheit ertragen, ohne sie sofort mit einer Erklärung zu füllen? Macht mich meine Erkenntnis aufmerksamer für andere Menschen und ihre Erfahrungen? Kann ich meine Meinung ändern, ohne das Gefühl zu haben, mein ganzes Selbst zu verlieren?
Fragen und Zweifel zuzulassen, Widersprüche auszuhalten, die eigene Wahrnehmung ernst zu nehmen, ohne sie für unfehlbar zu halten – das hält nicht nur den Geist wach. Es macht ein friedliches Zusammenleben erst möglich und ist die Voraussetzung für eine Demokratie, die mehr als nur den Namen trägt.