Den Dolch der anderen Frau im Rücken - Vergebung unter Frauen
Am Sonntag ist Weltfrauentag. Aus diesem Anlass veröffentlicht Hanna Milling ihren neuen Film: «From Women to Women». Darin geht es um die vielbeschworene Frauensolidarität, die auch einen Untergrund haben kann: Neid, Konkurrenz, Misstrauen durch andere Frauen. Christa Dregger sprach mit Hanna über ihre Erfahrung.
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From Women to Women: Emanzipation heisst, nicht nur das Nette zu sehen, sondern auch die Schatten

Zeitpunkt: Bist du eigentlich Feministin?

Hanna Milling: Das kommt sehr darauf an, wie man den Begriff definiert. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass Frauen in eine echte Selbstermächtigung finden. Ich verstehe auch, glaube ich, jeden einzelnen Schritt in der Geschichte der Frauenbefreiung – bis dahin, wo Frauen dann auch gegen die Männer kämpften. Aber das entspricht nicht meiner Haltung. Ich stehe nicht für den Kampf gegen das andere Geschlecht.


«From Women to Women» ist eine mutige Botschaft darüber, unsere Schattenseiten anzunehmen, Schwesternschaft neu zu definieren und unsere wahre weibliche Kraft zurückzugewinnen. Es ist eine Botschaft der Verantwortung, Selbstermächtigung und des Friedens.

Unbedingte Empfehlung: Vor der öffentlichen Premiere des Films am Weltfrauentag, dem 8.3. - und zwar hier - sind Sie eingeladen zu einer Online-Zoom-Premiere mit den Mitwirkenden am 7.3. von 14-17 Uhr. Dort können Sie sich „From Women To Women” in voller Länge anschauen, Hanna Milling, Stefana Bosse und Gina Vadana werden über die Entstehung und Umsetzung des Projekts sprechen, Mitwirkende wie Ilan Stephani, Turiya Hanover, Abigail Iquo Isuo und Sabine Lichtenfels werden ihre Erfahrungen teilen.
Seien Sie Teil eines tiefen Austauschs mit den Frauen, die an dem Projekt teilgenommen haben!
www.fromwomentowomen.world


(3-minütiger Trailer des Films)


In deinem ersten Film «From Woman to Man» von 2018 ging es darum, dass Frauen aussprechen, wo sie Männer verletzt haben. Das war ein Kontrapunkt zum bisherigen Feminismus, der sich gegen die Verletzungen durch Männer aufgelehnt hat. Und jetzt geht es um die Wunden, die Frauen sich gegenseitig zufügen. Was sind das für Verletzungen? 

Es war ein tiefes Erkennen in meinem eigenen Weg und in der Arbeit mit anderen Frauen: Wenn ich in der Opferidentifizierung bleibe und mit dem Finger auf die andere Seite zeige, geschieht nichts. Damals gab es auch Angst: Wenn ich mich jetzt hinstelle und meine Schattenseiten zu mir nehme, wenn ich sage, was mein Beitrag zum Geschlechterkampf ist, nehme ich dann nicht die ganze Schuld zu mir und mache mich womöglich wieder klein? Doch das Gegenteil ist passiert: Wir erlebten eine Aufrichtung, eine echte Selbstermächtigung und wachsende Selbstliebe.

Jetzt zum Thema «von Frau zu Frau»: Wenn ich mir wünsche, dass wir Frauen in eine echte Solidarität und Schwesternschaft kommen, dann müssen wir auch da die Schatten anschauen. Es sind Schatten, die wir in einem patriarchalen Unterdrückungssystem gelernt haben.

 

Wie sieht dieser Schatten konkret aus? 

Es geht hier um Misstrauen, Konkurrenz, Verrat, um den sprichwörtlichen Dolch anderer Frauen im Rücken. Es geht um angebliche Frauensolidarität. Denn im kollektiven Narrativ behaupten wir: «Natürlich unterstützen wir uns als Frauen, wir sind Schwestern usw.» Aber im Untergrund passieren ganz andere Dinge: Eifersucht, Neid, Manipulation… Im Film gibt es unterschiedliche Facetten dazu, zum Beispiel zwischen jüngerer und älterer Frau. Die Urwunde haben wir Frauen von unseren Müttern erhalten, als die uns fast nie so beschützten, wie wir es gebraucht hätten.

 

Hat nur der Schutz gefehlt oder geht es auch um das aktive Verletzen der Töchter durch die Mütter?

Das Kernthema besteht darin, nicht wirklich in der eigenen weiblichen Kraft gewesen zu sein, um die Tochter beschützen und ihr beizubringen zu können, gesunde Grenzen zu haben. Aber wenn das Mädchen zur jungen Frau heranwächst, gibt es manchmal auch Eifersucht und Konkurrenz durch die Mutter.

 

Ich selbst erinnere mich an die unerfüllte Sexualität unserer Müttergeneration. Die damit verbundene Unzufriedenheit mit dem Leben wurde unbewusst an uns weitergegeben. Das tragen wir als Erbe noch mit.

Ja. Ich erinnere mich auch daran, von meiner Mutter verurteilt und energetisch weggestossen worden zu sein, als ich zur jungen Frau wurde und die Blicke der Männer auf mich zog. Da war kein «Ich bin da, ich bring dir bei, wie du dich damit auch geschützt fühlen kannst», sondern nur ein verurteilender, abwertender Blick meiner Mutter. Das trage ich als tiefen Schmerz in mir.

 

Es gibt ja überhaupt das Thema der schönen Frauen. Die werden von anderen Frauen immer misstrauisch behandelt. Solange wir im Patriarchat leben und um die Gunst der Männer konkurrieren, müssen wir uns vergleichen, oder?

Genau. Das sitzt tief. In der Beschäftigung mit dem Thema ist mir auch noch mal klar geworden, dass es noch nicht wirklich lange her ist, dass wir nicht mal wählen durften, nicht arbeiten durften, wenn der Ehemann es nicht erlaubte. Da bestand das grosse Ziel eben darin, den Mann zu finden, der mich gut versorgen kann – und ihn zu halten. Unter diesen Umständen wird jede andere Frau zur Konkurrentin. Auch wenn wir davon heute scheinbar weit weg sind, steckt das noch in unseren Zellen. Und wenn eine andere Frau attraktiv ist, dann erscheint sie uns bedrohlich.

 

Ich empfinde dich als sehr attraktiv, und du bist unglaublich gebildet und erfolgreich. Hast du das in deinem eigenen Leben von anderen Frauen auch erfahren?

Ich trage viele Dolche im Rücken. Als ich zur jungen Frau wurde, kam ich in eine neue Schule, und die ganzen Jungs der älteren Klassen waren interessiert an mir. Ich hatte in meinen Teenager-Jahren keine einzige wirkliche Vertraute. Diese Einsamkeit merke ich auch jetzt noch. Mein System hat früh gelernt: Ich kann Frauen nicht vertrauen. Es war für mich viel leichter, männliche Freunde zu haben. Dann war es mir irgendwann egal, was mit den Frauen ist.

Und da stelle ich mich jetzt mit diesem Video hin: Was muss ich mir anschauen? Zu was für einer Frau bin ich geworden? Ich habe dann zum Beispiel auch mit Männern geflirtet und es war mir egal, was mit seiner Partnerin ist. Ich habe Frauen nicht vertraut und mich selbst auch nicht mehr vertrauenswürdig verhalten. Das gab es auch in mir, und es tut mir aufrichtig leid! Ich spüre Tränen hinter den Augen, weil ich weiss, wie sehr ich mir damit den Nährboden von Heimat in mir selbst und unter Frauen genommen habe. Deshalb fehlte das so viele Jahre in meinem Leben. 

Es war ein langer Weg, mir diesen Nährboden doch noch aufzubauen. Erst dann wurde meine Beziehung zu Männern wirklich frei und war nicht mehr emotional verstrickt. Heute bin ich unter Frauen beheimatet, und erst von dort aus will ich zum Mann. Ich liebe Männer und dieses Spiel der Energien, aber ich brauche den Nährboden unter Frauen.

 

Wie kann denn das Misstrauen unter Frauen heilen? 

Anfangen, ehrlich zu sprechen und hinzuschauen, austreten aus diesem blossen Harmoniewunsch, wo wir dann in Frauenkreisen zusammensitzen und über die Männer lästern. Statt dessen gilt es zu merken: Ich sitze hier gerade mit viel Misstrauen, ich habe Angst vor euren Urteilen…

 

Hier kann man das Interview in voller Länge anschauen...

Oder: Ich merke, dass ich euch verurteile.

Genau dahin wollte ich. Da ist es notwendig, die kollektive Ebene reinzuholen. Es sind kollektive Muster, und ich habe keine Schuld daran, dass ich sie in mir trage. Aber ich kann individuell Verantwortung dafür übernehmen. Das zu begreifen, bringt Lust, Neugierde und auch den Mut ins Feld, meine Wutkraft einzusetzen. Ich will den Mustern auf die Schliche kommen – und zwar viel mehr in mir selbst als bei dir! Da erlebe ich ein Heilungspotenzial.

 

Wie entstanden die Videoaufnahmen?

Die ersten Drehs sind nach einem intensiven Retreat entstanden. Es sind nicht nur irgendwelche Worte, sondern wir leben das, was wir hier aussprechen.

 

Wenn wir in die heutige Welt schauen – siehst du das auch so, dass es ganz stark von dem abhängt, was Frauen machen, wie die Weltsituation sich entwickeln wird?

Ja, ich kann fast hören, dass die Erde nach uns ruft. Ein neuer Feminismus bedeutet zu fragen, wo diese urweibliche Kraft in uns ist. Da geht es nicht nur um Mann und Frau, wir haben alle den männlichen und den weiblichen Teil in uns. Die urweibliche Kraft, die Leben schafft, aber auch zerstören kann, die sich wirklich mit Kraft für etwas hinstellen kann, diese Macht können wir uns wieder aneignen. Das ist noch nicht wirklich geschehen. Das heisst auch, wirklich nein zu sagen zu dem, was auf politischer Ebene gerade passiert.

 

«Die Waffen nieder!» – das gilt auch für die eigenen inneren Waffen, für diese Dolche, die wir bereithalten. Diese Kraft wollen wir.

Und die können wir haben. 

 

Danke, Hanna. Ich bin sehr gespannt auf das Video und was daraus hervorgeht. Ich wünsche, dass es einen neuen Ruck durch die Frauenwelt bewirkt.



 Hanna Milling ist Coach, Mediatorin und Doktor der Philosophie. Gemeinsam mit anderen leitet sie das Seminarhaus Haus am See im brandenburgischen Chorin. 

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger
Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch unter dem Namen Leila Dregger bekannt). Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebte fast 40 Jahren in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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