Im Sanskrit bedeutet Tara ungefähr: «Sie, die die Fähre ans andere Ufer bringt.» Die bekannteste Tara im Tibetischen Buddhismus ist die Grüne Tara, die das mitfühlende Handeln repräsentiert, das erwachte Handeln. Der Hinduismus hat auch eine Tara: eine grimmige Verwandlerin. Inzwischen sehen verschiedene New-Age-Mythologien Tara als eine Art höherdimensionale Erde, also eine Gaia auf höherer Stufe.
Es ist nicht herablassend gemeint, wenn ich so etwas als «Mythologie» bezeichne. Mythen sind Träger von Wahrheiten, ob im wörtlichen Sinn oder nicht.
Vor einigen Jahren begann ich, die folgende Geschichte zu erzählen, unter dem Titel Das Werben um Tara. Ich war mir über Taras Rolle in unterschiedlichen Mythologien nur ansatzweise bewusst. Der Name tauchte einfach auf. Wasser entspringt aus vielen Quellen.
Das Werben um Tara
Der Welt-Mann ist das gemeinsame Wesen der ganzen Menschheit in ihrem maskulinen Aspekt, die Überseele der Menschheit. Er ist ein umfassendes und grossartiges Wesen. Jeder Mensch, der je gelebt hat, ist eine seiner Zellen.
Vor nicht allzu langer Zeit war er noch voller Kraft und Tatendrang, ganz versessen darauf zu erschaffen, höher, besser und mehr zu bauen, ohne sich um die Folgen zu scheren. Aber jüngst hat er den Leib seiner Mutter Erde, Mutter Gaia, betrachtet, und sein leises Unbehagen wurde zu Kummer und Schrecken. Denn es wurde offensichtlich, dass Mutter Gaia sehr krank ist.
Eines Tages geht der Welt-Mann zu Mutter Gaia und sagt: «Mutter, es geht dir nicht gut. Ich habe Angst um dich. Ich glaube, dass ich zu viel und zu rücksichtslos genommen habe. Sag mir, was ich tun kann.»
Sie antwortet: «Ich bin nicht bloss krank, ich sterbe. Und wenn ich sterbe, wenn mein beseelender Geist die West verlassen hat, werden die Lebenssysteme auf der Erde zusammenbrechen. Die Wale werden sterben. Die Fische werden sterben. Die Meere werden sterben. Die Wälder, die Frösche, die Insekten, alles wird zugrunde gehen. Alles ausser dir, Menschheit. Du wirst nicht sterben, aber du wirst allein sein, mein Sohn, allein in deinen klimatisierten Städten, Nahrungsmittel aus dem Labor essen und nur noch digitale Nachbildungen des von dir zerstörten Lebens haben.»
«Wie furchtbar! Oh Mutter, gibt es gar keine Hoffnung? Ich werde versuchen alles besser zu machen. Ich werde weniger Schaden anrichten. Ich werde einen leichteren Fussabdruck hinterlassen. Ich werde nachhaltiges Wachstum einführen, wie wäre das?»
«Dafür ist es zu spät, viel zu spät,» sagt Mutter Gaia. «Ich sterbe.»
«Nein! Lass mich stattdessen sterben. Der Erde wird es ohne mich besser gehen. Ich werde die Zivilisation auslöschen. Ich werde wieder zum Jäger-und-Sammler-Zustand zurückkehren. Ich werde aussterben, damit das Leben gedeihen kann.»
In Mutter Gaias Augen flammt Ärger auf. «Denkst du, ich habe dich ohne jeden Grund geboren? Denkst du, du warst mein grosser Fehler? Denkst du, ich will, dass du ein Kind bleibst oder sogar stirbst? Nein. Jede Gabe, mit der ich dich ausgestattet habe, all deine Fähigkeiten von Kopf und Hand und alles, woraus die Zivilisation besteht, hinter all dem steht eine Absicht. Wenn du erwachsen wirst und heiratest, wirst du wissen, worin sie besteht.
Denn ein anderer weiblicher Geist möchte die Erde beseelen. Ihr Name ist Tara. Wenn sie kommt, wird die Erde in der Fülle von Leben und Schönheit erblühen, grösser als du das je gekannt hast, sogar in deiner Kindheit. Und die gute Nachricht ist: Tara liebt dich bereits. Sie wird nicht deine Mutter sein, wie ich das bin, sondern deine Geliebte, deine Partnerin. Gemeinsam werdet ihr viel Schönes erschaffen und es im Kosmos ausbreiten.»
«Wunderbar!» ruft der Welt-Mann aus. «Wann ist die Hochzeit?»
«Nicht so schnell,» sagt Gaia. «Sie liebt dich, aber sie ist noch nicht davon überzeugt, dass du soweit oder in der Lage bist, ihr Gefährte zu sein. Du wirst um sie werben müssen, um ihre Zustimmung zu erlangen. Du musst ihr zeigen, dass du sie auch liebst.»
«Wie mache ich das?»
«Mit Geschenken. Mache ihr Brautgeschenke. Du musst ihr Geschenke darbringen, die zeigen, dass du das Leben liebst (denn sie ist der Geist des Lebens) und dass du den aufrichtigen Wunsch hast, dem Leben zu dienen. Nur dann wird sie zustimmen, dir ihre Hand zu geben.»
Gaia erklärt weiter: «Jede Tat, die irgendein Mensch im Dienst am Leben und an der Schönheit tut, landet als Geschenk in Taras Schoss. Selbst wenn kein anderer Mensch diese Taten bewundert oder anerkennt – Tara tut es. Sie sieht sie und empfängt sie. Jegliches Geschenk an das – menschliche oder sonstige – Leben ist ein Geschenk an Tara, und je kühner und schöner das Geschenk ist, umso tiefer wird es sie beeindrucken. Sie wird auf dich zukommen, Schritt für Schritt, und dabei wird die Erde in neuer Fülle erblühen.»
«Ja!» sagt der Welt-Mann. «Wieviel Zeit habe ich noch, bevor ich loslege?»
«Es bleibt keine Zeit mehr. Du musst jetzt beginnen. Schau, mein Sohn, ich falle bald in ein Koma, aus dem ich nie mehr erwachen werde. Indigene Völker beobachten schon, dass die Geister aus den heiligen Flüssen und Wäldern flüchten. Das Sterben beschleunigt sich. Meine Lebenssysteme werden eins nach dem anderen ausfallen, und wenn deine Werbung keinen Erfolg hat, bevor das letzte ausfällt, dann wirst du nichts Lebendiges mehr haben, dem du etwas schenken kannst. Du wirst einen anderen Weg gewählt haben.»
«Ich beginne jetzt mit dem Werben,» sagt der Welt-Mann.
Der Welt-Mann blickt noch ein Mal in die erlöschenden Augen seiner Mutter. Er küsst ihr die Hand und flüstert ein Aufwiedersehen.
Er lässt sie zurück und besucht jeden Menschen auf der Erde. Kannst du ihn genau jetzt spüren, wie er dich drängt, Tara Brautgeschenke zu machen? Spürst du seine Begeisterung?
Tara ist auch anwesend. Spürst du ihren hoffnungsvollen Blick?
Der Beitrag stammt vom Substack Charles Eisenstein auf deutsch. Übersetzt von Ingrid Suprayan. Die englische Originalfassung dieses Essays ist hier zu finden.