Die gute Nachricht hinter dem Nein
200 Franken wären noch immer genug. Aber es ging nicht um Geld. Die Kolumne aus dem Podcast «Mitten im Leben» zur gestrigen Abstimmung über die SRG-Initiative
Am 20. Juli 1953 sendet die SRG zum erstenmal aus dem Studio Bellerive im Zürcher Seefeld  (Bild SRF Archiv)
Am 20. Juli 1953 sendet die SRG zum ersten Mal aus dem Studio Bellerive im Zürcher Seefeld (Bild SRF Archiv)

Seit vielen Jahren bereits muss ich mich fast jedes Mal ärgern, wenn ich am Dienstag den «Club» einschalte. Ich schaue ihn mir nicht an, aber ich will einfach wissen, ob sich mein Urteil ein weiteres Mal bestätigt. Und das tut es fast immer. Ob es um Corona geht, um das Klima, um die Ukraine, um Social Media  oder um andere politisch umstrittene Themen – fast immer hat die Diskussionsrunde eine Schlagseite. Eine schräge Lage nach links. Dasselbe gilt für die «Rundschau» und für die meisten anderen gesellschaftspolitischen SRF-Sendungen.

Wie einseitig dieses Fernsehen ist, kommt im Gezeigten ebenso wie im Nicht-Gezeigten zum Ausdruck: Welche Bilder man auswählt und welche nicht, welche Gäste man einlädt und welche nicht, welche Menschen man porträtiert, welche nicht, welche Themen man aufgreift und welche nicht, welche Fragen man Gästen stellt, welche nicht, was in der Moderation gesagt wird, was in den Off-Kommentaren gesagt wird, was im Wort zum Sonntag gesagt wird: Fast immer ist es dieselbe Moral, dasselbe Urteil, dieselbe Engherzigkeit. Wer keine Denkverbote kennt und sich das politische SRF antut, gerät in akute Atemnot.

Weil das so ist, weil Menschen wie ich im Weltbild des Schweizer Radio und Fernsehens nicht vorgesehen sind, habe ich Ja gestimmt. Wenn ich schon zahlen muss, sagte ich mir, genügen 200 Franken.

Viele andere fanden das auch. Und viele weitere äussern es nicht als Meinung, sondern empfinden es einfach. Sie empfinden intuitiv, dass das SRF, obwohl sie dafür bezahlen, nicht «ihr» Fernsehen ist, dass sie sich nicht darin wiederfinden, dass sie nicht denken wie die Urbanen in Zürich denken.

In manchen Dörfern sind diese Menschen sogar in der Mehrheit. Mehrheitlich Ja gestimmt haben Gemeinden wie Schleitheim SH, Weiach ZH, Fischenthal ZH, Walzenhausen AR, Wildhaus SG, Neckertal SG, Niederbüren SG, Hundwil AR, Urnäsch AR, Schübelbach SZ, Vorderthal SZ, Muotathal SZ, Gurtnellen UR, Sisikon UR, Furna GR, Conters GR, Habkern BE, Frutigen BE, Adelboden BE, Lauenen BE, Oberkulm AG, Gontenschwil AG, Jaun FR, Täsch VS, Roggenburg BL, Beinwil SO, Blenio TI, Bedretto TI, Campo Valle Maggia TI.

Viele weitere, eher pragmatisch denkende Stimmbürgerinnen und Stimmbürger beschränken sich auf die Feststellung: Ich konsumiere kein SRF. Also will ich dafür nicht bezahlen müssen. Oder sie leerten ihr Portemonnaie und kamen zum nüchternen Schluss: Ich kann mir die 335 Franken im Jahr gar nicht leisten. Das hat keinen Platz in meinem Budget. Auch sie stimmten JA.

Aber das reichte nicht. Alle diese Ja-Stimmen miteinander ergaben nicht einmal 40 %. Über 60 % sagten Nein. Bei einer vergleichsweise hohen Stimmbeteiligung von 55 Prozent.

Warum sagten sie Nein? Obwohl sie bei einer Annahme der Initiative Geld gespart hätten?

Weil 135 Franken Ersparnis pro Jahr ein kleiner Betrag ist. In der reichen Schweiz gewinnt man damit noch keine Initiative. Warum also dieses deutliche  Nein?

Weil die Menschen im Mainstream einmal mehr glaubten, was die Propaganda ihnen erzählt hat. Die Propaganda redete ihnen ein, dass das Schweizer Fernsehen bei einem Ja nicht mehr das Schweizer Fernsehen wäre. Sondern bloss noch ein Fernsehen. Eines wie andere. Eines wie die privaten.

Natürlich stimmt das nicht. Auch mit weniger Geld könnte das SRF seine «Grundversorgung» weiterhin garantieren. Eine staatliche Institution lernt das Sparen nur, wenn sie dazu demokratisch genötigt wird. Aber die Menschen im Mainstream nahmen die düstere Prophezeiung ernst. Sie nahmen sie ernst, als wäre das Schweizer Fernsehen etwas ganz Wertvolles. Etwas, an dem wir unbedingt festhalten müssen. Um es keinesfalls zu verlieren.

Warum diese plötzliche Wertschätzung? Warum dieses Nein, das nicht allein aus den Städten kam, sondern fast mehr noch vom Land?

Die Dörfer, die Ja gestimmt haben, sind eine Minderheit. Die grosse Mehrheit der Stimmenden in der Provinz und im Berggebiet sagte Nein. Die Bergler ebenso wie die Städter lehnten die Initiative in seltener Einigkeit ab. Sie verwarfen sie aus der Befürchtung heraus, das Schweizer Fernsehen könnte zugrundegehen. 

*

Die Gegner der Initiative begründeten ihr Engagement für das SRF damit, dass das Schweizer Fernsehen die Schweiz repräsentiere. Die ganze Schweiz. Darüber lachten die Initianten: Was für ein Hohn! Was für eine Hochstapelei, ein linkes Fernsehprogramm mit der Schweiz gleichzusetzen.

Aber es stimmt.

Das ist der Grund für das unerwartet deutliche Nein am Abstimmungssonntag. Hinter der propagandistisch geschürten Angst, das Schweizer Fernsehen, so wie es ist, zu verlieren - steht die reale, wirkliche Angst, wir könnten die Schweiz verlieren. Im Zangengriff zwischen EU und NATO und vor dem Hintergrund einer kriegerischen, spannungsgeladenen Gegenwart fühlen die Menschen in unserem Land die Beklemmung, dass uns die Schweiz, so wie sie ist und immer gewesen ist, verlorengehen könnte.

Das wollen die Schweizerinnen und Schweizer nicht, das wollen wir alle nicht, und deshalb klammern wir uns an jeden bewährten Pfeiler, auf dem die Schweiz steht: die Schweizer Berge, die Schweizer Landschaft, die Schweizer Musik, das Schweizer Brauchtum, das Schweizerdeutsch, die Schweizer Neutralität – und das Schweizer Fernsehen. So links es auch sein mag und so viel von unserem Geld es auch frisst – es bleibt unser Schweizer Fernsehen seit 70 Jahren. 

So gesehen ist das gestrige Abstimmungsresultat, was die SRG-Initiative betrifft, für mich keine Niederlage. Das klare Nein zur Initiative könnte ein Ja zur Schweiz sein. Ein subversives, emotionales Ja, ein Ja aus diskreter Liebe zu unserem Land.

Und vielleicht, das hoffe ich, wird dereinst ein politisches Ja daraus werden.

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Bücher von Nicolas Lindt

Der Fünf Minuten-Podcast «Mitten im Leben» von Nicolas Lindt ist zu finden auf Spotify, iTunes und Audible.

> App für iPhone herunterladen

> App für Android herunterladen

Neues Buch: «Orwells Einsamkeit - sein Leben, ‚1984‘ und mein Weg zu einem persönlichen Denken». Erhältlich im Buchhandel - zum Beispiel bei Ex Libris oder Orell Füssli

Alle weiteren Informationen: www.nicolaslindt.ch


Newsletter bestellen