Eine Handvoll Erde
Erde ist am fruchtbarsten, wenn sie voller Leben ist. In einer Handvoll gesunder Gartenerde leben mehr Organismen als Menschen auf dem Planeten. Aber was MACHEN all die Regenwürmer, Rädertiere, Mollusken, Wurzelfüssler, Wimpertierchen, Bärtierchen und Geissellinge, die Amöben und Kleinkäfer, Enchyträiden, Rotatorien und Nematoden, Schnecken, Bakterien, Pilze, Algen alle da? Im Wesentlichen dasselbe: Sie zerstören Leben.
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In einer Handvoll gesunder Gartenerde leben mehr Organismen als Menschen auf dem Planeten. Foto: Shutterstock

Was hinten aus einer Komposttoilette herauskommt, ähnelt dem, was vorne hineinging, kaum noch. Ich scheue mich jedenfalls nicht, die schwarze Substanz in der Hand zu zerkrümeln und ihren würzigen Duft nach Walderde einzuatmen. So schnell und gründlich haben Wurm&Co gearbeitet. Und so gründlich werden sie auch arbeiten, wenn dereinst unsere eigenen sterblichen Überreste dem Erdboden übergeben werden. 

«Der Denker steht im Innersten ergriffen vor dieser aus dem Tode erwachsenden Lebensfülle», schrieb Raoul Heinrich Francé vor rund 100 Jahren, einer der Entdecker der Bodenlebendigkeit. Bis dahin definierten Liebig und andere Agrarpioniere Boden nur als chemisches Substrat. Francé aber konnte mitreissend über das Leben darin schreiben und stellte fest: «Das Ergebnis so vieler zusammenwirkender grosser und kleiner Lebewesen ist, dass die Leichen verschwinden.»

Das Ergebnis so vieler zusammenwirkender grosser und kleiner Lebewesen ist, dass die Leichen verschwinden.

In der Tat: Wir können unseren Destruenten (= Zerstörern) dankbar sein, dass sie uns im Erdreich willkommen heissen und unsere Überreste so gut entsorgen. Sogar begraben würden sie uns, täten wir das nicht selber: Wenn ein Tierkadaver auf der Erde liegen bleibt, machen viele kleine Käferchen darunter und darum herum die Erde weich und graben und ziehen den Leichnam allmählich ins Erdreich hinab. Dort, in der Feuchte, können die Eiweisse noch gründlicher gespalten und verwertet werden. Von einem verendeten Tier im Wald ist jedenfalls nach wenigen Wochen nichts mehr zu sehen. 

Die Vorstellung, dass mein Körper, jetzt noch so durchströmt von Leben, einmal zernagt, gefressen, durchlöchert, zerkaut wird, dass Eier hineingelegt werden und Larven darin aufwachsen, Käfer hinein und hinauskrabbeln und sich bedienen mit was immer sie wollen, ist gruselig. Aber längst nicht so gruselig wie die Vorstellung, sie würden das nicht tun: Dann würden Kadaver und Ausscheidungen überall liegen blieben und sich stapeln – und wir müssten uns grauenhafte Massnahmen ausdenken, um nicht ständig auf Leichen zu treten.

Vielleicht war ja Gottes angeblicher Fluch «Denn Erde bist du und zu Erde musst du wieder werden!» in Wirklichkeit eine liebevolle Erinnerung an den Kreislauf des Lebens. Die Kleinsten sind die grossen Gleichmacher: All das organische Material verwandelt das fein gestimmte Zersetzungsorchester in mineralische Nährstoffe, die die Pflanzen brauchen – sowie in die krümelige Struktur, die Wasser und Luft in ihren Poren speichert.

Die Wissenschaft nennt diese Vorgänge Bodengare, Humifizierung, Mineralisierung, sie spricht von Mikrobiom, Bodenökologie, Edaphon und Humussphäre. Die Bauern in meiner Heimat sagen schlicht «Dreck». Von diesem Dreck sind wir abhängig. 

Noch einmal Francé: «Die ganz dünne Decke zwischen dem Grundwasserspiegel und dem grünen Pflanzenkleid, das ist der Reichtum eines Landes. Davon, wie sie beschaffen ist, hängt der Wohlstand, der Entscheid, ob Agrar- oder Industriestaat, die Zivilisation der Bevölkerung, die ganze Art ihrer Kultur ab.» 

Diese Decke ist in Gefahr. Das massive Artensterben im Boden könnte für unser Überleben auf der Erde gefährlicher sein als die vielbeschworene Klimakrise. Schon heute sind fast 40 % der Böden degradiert, warnt die FAO. Bis 2050 könnten es 90% sein – mit schwersten Konsequenzen für unsere Versorgung. 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Boden pro Jahr gehen verloren, alle fünf Sekunden verlieren wir eine Fläche von der Grösse eines Fussballlfeldes, sagt die FAO.

Die Gründe dafür sind intensive Landwirtschaft mit Monokulturen, Überdüngung, Pestiziden, mit Überweidung und schweren Maschinen, die Bodenerosion in Folge von Extremwetter und Flächenversiegelung sowie Waldzerstörung. Einmal verlorener Boden lässt sich schwer wieder aufbauen, denn der natürliche Prozess der Bodenbildung ist sehr langsam: 2,5 cm Boden brauchen zur Entstehung je nach Klima, Gesteinsart, Vegetation und biologischer Aktivität 500 bis 1000 Jahre – und sie können in einer einzigen Sturmnacht weggeschwemmt werden. Je grösser der unterirdische Artenreichtum, um so resilienter ist der Boden.

Deshalb sollten wir Boden gut machen und das Edaphon schützen, wo immer wir können. Durch bewussten Konsum, durch regenerative Landwirtschaft mit ihren vielen Boden erhaltenden Techniken wie Mulch, weniger Pflügen, geeignete Fruchtfolge – und auch gleich vor der Haustür: Indem wir selbst wieder am Kreislauf des Lebens teilnehmen und unsere organischen Abfälle dem Boden in Form von Kompost oder Mulch zurückschenken. Denn wir sind Erde und zu Erde werden wir wieder werden!


Reerdigung

Inzwischen sind auch Bestatter auf die Idee gekommen: Unter dem Stichwort Reerdigung wird der Körper eines Verstorbenen innerhalb rund 40 Tagen durch Mikroorganismen in nährstoffreiche Erde umgewandelt. Dabei wird der Leichnam in einem sargähnlichen Kokon auf ein Bett aus Stroh, Heu und Pflanzenmaterial gelegt. Unter kontrollierten Bedingungen (Sauerstoff, Feuchtigkeit, Wärme) zersetzen natürliche Mikroben den Körper. Die verbleibenden Knochen werden zermahlen und dem Humus beigemischt. Die entstandene Erde kann im Garten verwendet werden. Die Methode verbraucht deutlich weniger Energie als eine Feuerbestattung und gibt Nährstoffe an die Natur zurück. Das Verfahren ist umstritten und noch nicht überall genehmigt. Im Kanton Zürich wird die Einführung der Reerdigung derzeit juristisch geprüft.
 

 

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch «Leila» Dregger), Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebt über 40 Jahre in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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