Entscheide frei - wie der Staat es will

Der Sohn eines kalabresischen Mafiabosses will in die Fussstapfen seines Vater treten - doch ein Richter bewahrt ihn davor. Gegen den Willen des Jugendlichen. Über den italienischen Film «Sons of Ndrangheta».

Der italienische Fernsehfilm aus dem Jahr 2019, den ich erst vor kurzem gesehen habe, heisst «Sons of Ndrangheta» – im Original «Liberi di scegliere», was übersetzt bedeutet: Frei, zu entscheiden. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten und handelt von einer ranghohen kalabresischen Mafiafamilie. Der Vater ist abgetaucht, lebt seit Jahren in einem Bunkerversteck, da besuchen ihn seine Getreuen, da besucht ihn auch einige Male im Jahr seine Familie, jedes Mal ein trauriges Schauspiel, wenn die Kinder in den Bunker hinabsteigen müssen, nur um ihren Vater zu sehen. Aber so will es die Realität der Mafia. (Hier auf Netflix, it. wikipedia-Eintrag).

Der ältere Sohn wird verhaftet, weil er auf der Flucht einen Carabinieri erschossen hat, er kommt für viele Jahre ins Gefängnis, die ältere Tochter ist bereits einem anderen hohen Mafiosi versprochen, obwohl sie noch sehr jung ist und diesen Mafiaboss gar nicht heiraten will, und so bleibt noch der jüngere Sohn, er heißt Domenico, ist 16 Jahre alt und der Liebling der Mutter. Auch er soll in die Fußstapfen seines Vaters treten und eines Tages die Befehlsgewalt über den Mafiaclan übernehmen.

Das macht ihn stolz, aber zugleich leidet er auch, weil er isoliert aufwächst und keine Freunde hat. Das erkennt ein kalabresischer Richter, dass diese jungen Mafia-Abkömmlinge eigentlich gar nicht glücklich sind, und deshalb gelingt es dem Richter mit einem juristischen Trick, den jungen Domenico aus der Familie herauszuholen und in eine soziale Einrichtung weit weg von Kalabrien einweisen zu lassen.

Er selber bringt diesen jungen Mann dorthin, obwohl sich dieser natürlich wehrt, er will nicht eingesperrt werden in dieses Wohnheim, sondern sein vorgezeichnetes Leben in Kalabrien fortsetzen können. Doch der Richter weicht nicht zurück, das ist seine humanistische, stolze Mission, die er für sich beschlossen hat, und so kommt Domenico an diesen Ort, wo bereits andere Jugendliche aus zerrütteten Verhältnissen wohnen.

Zunächst leistet der junge Kalabrese passiven Widerstand, bleibt im Bett und verweigert sich, doch mit viel Geschick gelingt es den zwei Sozialpädagogen - die man auch in der Schweiz im Sozialwesen antreffen könnte –, den jungen Mann allmählich aufzuweichen, gefügig zu machen und ihm eine andere, legale Zukunftsperspektive zu zeigen, sodass sich Domenico immer mehr von seiner Familie zu distanzieren beginnt. Er geht dann auch seinen eigenen Weg, und im Abspann am Ende des Films wird mit Genugtuung festgehalten, seit 2012 sei es gelungen, über 40 Jugendliche aus der kalabresischen Mafia herauszuholen und ihnen eine eigene Existenz zu ermöglichen.

Wer wollte dagegen sein? Das tönt doch alles sehr gut und sehr menschlich und man wünscht diesen Jugendlichen nur das Beste, dass sie ihren eigenen Willen überhaupt einmal zeigen können, das müsste man doch unterstützen. Trotzdem blieb in mir nach der Betrachtung des - sehr authentischen – Films ein ungutes Gefühl. weil der Staat eigenmächtig entscheidet, was für Mafia-Jugendliche das richtige Leben ist. Der Eingriff in die Autonomie des 16jährigen und seiner Familie ist drastisch, und ich kann diesen Eingriff nicht gutheissen, obwohl es voraussehbar ist, dass auch der junge Domenico wieder ganz viel Leid anrichten würde, wenn er dann selber Mafiaboss wäre.

Die Befürchtung, dass ein Mensch auf die schiefe Bahn kommen könnte, gibt uns nicht das Recht, diesen Menschen vor sich selbst zu schützen und ihm unsere Definition von Glück aufzuzwingen. Eine freie Gesellschaft muss dieses Risiko aushalten können – selbst wenn es sich um zukünftige junge Mafiosi handelt. Domenico muss selber herausfinden können, was ihn glücklich macht.


Dieser Text erschien im Podcast «5 Minuten» von Nicolas Lindt.

14. September 2022
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