Der US-Ökonom und Geostratege James Rickards entwirft in seinem Essay ein Szenario tiefgreifender geopolitischer Umbrüche, das bewusst nicht als Prognose, sondern als „kreative Möglichkeit“ angelegt ist.
Rickards, der auf eine lange Reihe erfolgreicher Vorhersagen verweist – von Brexit bis Trumps Wahlsiegen –, betont, dass auch spekulative Szenarien ernst genommen werden müssten: „Fiction hat eine seltsame Eigenschaft: Sie wird oft zur Realität.“
Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Annahme, dass scheinbar randständige Konflikte eine Kettenreaktion auslösen könnten. Rickards skizziert etwa einen möglichen militärischen Konflikt um Grönland, sollte eine politische Übergabe an die USA scheitern.
Würden europäische NATO-Staaten versuchen, Grönland militärisch zu verteidigen, könnten sie laut Rickards innerhalb kürzester Zeit von US-Streitkräften zurückgedrängt werden. Das Ergebnis wäre zwar ein amerikanischer Sieg – aber zugleich „das Ende der NATO“, die Rickards ohnehin für strukturell geschwächt hält.
Der Ukraine-Krieg habe gezeigt, dass viele westliche Waffensysteme modernen russischen Technologien unterlegen seien. Ein Zusammenbruch der NATO hätte weitreichende Folgen: Die baltischen Staaten könnten von Russland annektiert werden, Europa würde zwischen russischer und amerikanischer Energie abgeschnitten, und die industrielle Basis Westeuropas käme zum Erliegen.
Rickards denkt weiter: Während die USA ihre Einflusssphäre auf die westliche Hemisphäre konzentrieren könnten – inklusive Venezuela, Grönland und strategischer Rohstoffe –, könnte China Taiwan übernehmen, möglicherweise unter stillschweigender Duldung Washingtons.
Die USA würden im Gegenzug Taiwans Halbleiterinfrastruktur zerstören und eigene Kapazitäten massiv ausbauen. Auch andere Regionen geraten in den Fokus, etwa die Chagos-Inseln, deren mögliche Übernahme durch die USA Rickards als weiteren Sargnagel für die NATO beschreibt.
In dieser Weltordnung würden die Grossmächte – USA, Russland, China und möglicherweise Japan – unilateral handeln, während mittlere Mächte wie Deutschland, Frankreich oder Grossbritannien an Einfluss verlören.
Rickards warnt mit einem historischen Vergleich und zitiert den Militäranalysten Big Serge: „Grosse Kriege begannen oft an scheinbar unbedeutenden Orten – Lexington, Sarajevo. Warum nicht Grönland?“
Rickards’ Fazit ist düster, aber bewusst offen gehalten: Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass gerade die unwahrscheinlichsten Ereignisse eintreten. Deshalb müsse man auch extreme Szenarien durchdenken – nicht als Panikmache, sondern als Vorbereitung auf eine Welt, in der Gewissheiten rasch verschwinden.