Heftige Angriffe auf die kurdischen Autonomiegebiete bedrohen schwerer als zuvor die Existenz des sozial-ökologischen Experimentes. Rojava ist militärisch massiv unter Druck sowohl von syrischen als auch von türkischen Gruppen, die jeweils jihadistische Banden unterstützen und mit ihnen kooperieren. Die kurdische Autonomieregion ist dabei politisch fast vollständig isoliert, der Traum von einer dauerhaften autonomen multiethnischen Region hängt aktuell am seidenen Faden. Die nächsten Tage entscheiden, ob der aktuelle Waffenstillstand hält oder ob es zu einer vollständigen militärischen Zerschlagung kommt.
Das März-Abkommen von 2025 zwischen Damaskus und den Syrischen Selbstverteidigungseinheiten (SDF – die kurdischen Truppen) hatte eine schrittweise Integration der SDF in syrische Institutionen und den Erhalt gewisser Autonomierechte vorgesehen – und ist de facto gescheitert.
Seit 10. Januar 2026 starteten syrische Regierungstruppen eine massive Militäroffensive gegen SDF-Gebiete und eroberten schnell das östliche Aleppo, Ain Issa, den Tishreen-Staudamm, Teile von Raqqa, Maskanah, Deir Hafer. Derzeit wird mit schweren Angriffen Kobanê belagert. Als Ergebnis kontrollieren die Truppen nun weite Teile der Provinzen sowie den Euphratstaudamm und die beiden wirtschaftlichen Zentren der ehemaligen kurdisch-autonomen Region: das Omar-Ölfeld und das Gasfeld Conoco. Dort stationierte US-Truppen griffen nicht ein - was als Zeichen dafür gewertet wird, dass die USA die Unterstützung der Kurden aufgegeben haben.
Kurdische Stimmen sprechen von Verrat durch die USA und Europa, da die SDF jahrelang ein Schutzschild gegen die IS war, jetzt aber nicht unterstützt werden. Zehntausende Menschen aus Aleppo, Raqqa, Tabqa fliehen in den Nordosten. Bei den Kämpfen entkamen auch ca. 70–120 IS-Gefangene.
Auch von der Türkei unterstützte islamistische Banden greifen die kurdischen Autonomiegebiete an. Mit Artillerie und Panzern versuchen sie, die Frontlinie von Rojava zu durchbrechen.
Am Freitag hatte der Oberkommandierende der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) Mazlum Abdi einem von den USA vermittelten Waffenstillstand zugestimmt und angekündigt, die Streitkräfte der Autonomieverwaltung aus einigen Gebieten westlich des Euphrat zurückzuziehen. Im Gegenzug erliess Al-Scharaa ein Dekret, das Kurdisch als «nationale Sprache» anerkannte, die in mehrheitlich von Kurden bewohnten Gebieten als Wahlfach an Schulen angeboten werden sollte. Der Waffenstillstand ist brüchig, beide Seiten melden Verletzungen und lokale Gefechte. Der Angriff geht mit niedriger Intensität unerbittlich weiter.
Am Samstag griffen die Regierungstruppen, darunter unter türkischen Kommando stehende Kampfverbände und frühere Mitglieder des Islamischen Staates (IS), die abziehenden SDF-Einheiten an und dehnten ihre Offensive dann entlang der gesamten Grenze zur Autonomieregion aus. Am Sonntag gelang ihnen die Einnahme der Stadt Tabka mit dem Euphratstaudamm.
Die syrische Armee und verbündete Milizen versuchen, das SDF-Gebiet in zwei Teile zu spalten. Die SDF hat eine General-Mobilmachung ausgerufen, kurdische Jugendliche aus dem Irak strömen nach Rojava. (siehe hier: https://youtube.com/shorts/zWXnzCJN_ko?si=Wi0AbG9Q02c7dTvr )
Die kurdische Selbstverwaltung (die Föderation Rojava mit Frauenrevolution, basisdemokratischen Strukturen, multiethnischem Modell) steht vor dem faktischen Ende oder wird massiv beschnitten und fürchtet das Ende der Autonomie und eine Zwangsintegration in ein zentralistisches, islamistisch geprägtes Syrien.
Kurdische Stimmen rufen weltweit zu Solidarität und Widerstand auf (#StandWithRojava, #DefendRojava).