Sie gehen für den Frieden
Neunzehn buddhistische Mönche durchqueren die USA zu Fuss – ohne Parolen, aber mit einer Praxis, die Millionen berührt.
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(Alle Bilder dieses Beitrags: https://www.facebook.com/walkforpeaceusa/)

In den USA passiert gerade etwas Grossartiges: Neunzehn Mönche aus einem buddhistischen Kloster in Fort Worth in Texas haben sich Ende Oktober auf einen Friedensmarsch in Richtung Washington aufgemacht. 

3700 Kilometer, bei jedem Wetter. Zu Fuss, ohne Banner, ohne Lautsprecher, ohne Forderungskatalog, aber mit einer Haltung: Gewaltlosigkeit, Achtsamkeit und Verantwortung für das eigene Handeln. Schritt für Schritt durchqueren sie Städte und Landschaften der USA, auf Strassen, die sonst nur Geschwindigkeit kennen – langsam genug, um gesehen zu werden, leise genug, um gehört zu werden.

Ihre Botschaft ist einfach und radikal zugleich: Frieden ist keine abstrakte Idee, sondern eine tägliche Praxis. In einer Zeit permanenter Erregung gehen sie bewusst entschleunigt, als hätten sie die Eile hinter sich gelassen. 

Sie diskutieren nicht, sie überzeugen nicht – sie gehen, als hätten sie sich entschieden, der Welt nicht mehr hinterherzulaufen, sondern ihr entgegenzugehen.

Die Botschaft ist gleichzeitig einfach und schwer: Frieden beginnt im Inneren, nicht als Gefühl, sondern als Praxis. Achtsamkeit als Schutz gegen das Dauerfeuer aus Angst, Wut und Meinung. 

Die Mönche gehen nicht gegen etwas, sie gehen für etwas – für das Innehalten, für Mitgefühl, für die Möglichkeit, dass ein anderer Umgang miteinander mehr verändert als jede Parole.

Zu Beginn des Marsches sind die Reaktionen noch bescheiden. Autofahrer verlangsamen kurz, fragen sich, was hier geschieht. Passanten bleiben stehen, manche lächeln, andere schütteln den Kopf. Dann kommen Fragen: Woher kommt ihr? Warum geht ihr? Was wollt ihr erreichen?

Einmal setzt sich eine erschöpfte Frau am Strassenrand zu ihnen. Sie sagt nichts, weint nur. Ein Mönch setzt sich daneben, keine Umarmung, kein Wort des Trostes., nur gemeinsame Stille. Später erzählt sie, es sei das erste Mal seit Jahren gewesen, dass sie sich nicht habe erklären müssen. 

Ein anderes Mal schliesst sich für mehrere Kilometer ein Veteran an. Er geht schweigend mit, salutiert am Ende und sagt: «Das hätte ich früher gebraucht!»

Je länger die Mönche unterwegs sind, desto grösser wird das Interesse. Die Gruppe wird erkannt. Menschen bringen Wasser, Obst, handgeschriebene Zettel. Kinder gehen ein Stück mit, fragen nach den Gewändern und nach dem Hund Aloka, der zwischen den Mönchen läuft. 

Abends sitzen Pilger zusammen, meditieren, teilen das Wenige. Der Marsch wird zu einem wandernden Kreis, offen für alle, die für kurze Zeit dazugehören wollen.

Dann tauchen Fotos auf, kurze Videos und Hashtags. «Wer sind diese Mönche?» wird zu «Ich habe sie gesehen.» Dann zu «Sie haben etwas in mir bewegt.» Die sozialen Medien füllen sich mit Bildern und Kommentaren. 

Zwei Wochen nach dem Start am 26. Oktober in Fort Worth wird eine Facebook-Seite für den Marsch eingerichtet. Heute zählt er 2,6 Millionen Follower, fast 2 Millionen folgen auf Instagram. Wikipedia führt die täglichen Stationen auf, wo Halt gemacht wird, wo ein offizieller Peace March Day ausgerufen wird und welcher Gouverneur die Mönche empfängt.

 

Zehntausende säumen ihren Weg, hunderte, manchmal tausende gehen mit, und es beginnt etwas, dessen Bedeutung noch nicht ermessen werden kann. Denn die Kraft, die von den 19 Mönchen ausgeht, bewegt sich jenseits des Politischen, des Messbaren und sie ergreift auch die Menschen am Strassenrand, die sich Blumen schenken, umarmen oder einfach still sind. 

Und sie ergreift die Millionen, die zuhause vor ihren Computern sitzen, den Marsch per Livestream verfolgen und den einfachen Teachings zuhören, die über «W4P Moments» und andere Yloutube-Kanäle verbreitet werden.

Während in den USA lokale und nationale Medien bis hin zu CBS und Washington Post über den March for Peace berichten, ist die Resonanz in Europa deutlich schwächer. Sie konzentriert sich in den sozialen Medien von Gruppen, die sich ohnehin für Buddhismus, Friedensarbeit oder spirituelle Themen interessieren.

Der Peace March erinnert daran, dass Veränderung in uns beginnt, in uns, aber sichtbar für andere. Sprecher, oder spiritueller Leiter der Gruppe ist der 49 Jahre alte Bhikkhu Pannakara. 

Bevor er den Mönchsweg einschlug, arbeitete er als Ingenieur bei Motorola und machte einen Abschluss an der University of Texas. Pannakara stammt aus der Theravada-Tradition des Buddhismus in Vietnam. Sein Ansatz verbindet traditionelle buddhistische Praxis wie Vipassana-Meditation und Dhutanga, die asketische Wanderpraxis, um Achtsamkeit, inneren Frieden und Mitgefühl in die Gemeinschaften zu tragen, denen die Gruppe auf dem Weg begegnet. 

Am 11. Februar wollen die 19 Mönche Washington erreichen. Gut möglich, dass dann Hunderttausende dabei sein werden, wie am 28. August 1963, als Martin Luther King seine berühmte «I have a Dream»-Rede hielt. 

Wenn Bhikku Pannakara dann seine Rede halten wird, wird es keine politische sein, sondern eine einfache Aufforderung, jeden Tag zu einem Tag des Friedens zu machen, in Gedanken, Wort und Tat. Und vielleicht wird er wiederholen, dass der March of Peace nicht in Washington endet, sondern erst am Ende des Lebens.

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