Das Thermometer steigt. 20 Grad. 25. 30. Bald 35. Vielleicht mehr. Werde ich diesen Tag überleben? Samstagskolumne über Hitze, die viel grössere Gefahr der Verdummung und die Leichtigkeit.

Es ist heiss... Foto: Pixabay

Werde ich Abkühlung finden? Wird es für mich ein Morgen geben? 8:00. Bereits in der Frühe weckt mich der Gesang der Zikaden meiner französischen Wahlheimat. Mindestens 27 Grad braucht es, damit sie anfangen zu singen. Um 9:00 schliesse ich Fenster und Fensterläden. Durchzug? Die Hitze steht. 

Auf der Jagd nach der frischen Brise beobachte ich die Handwerker auf dem Platz vorm Haus, die so tun, als sei nichts, und trinke lauwarmen Tee. Der soll besser abkühlen als kalter, so wie auch lauwarmes Duschen besser sein soll als eiskaltes. Wird es mir gelingen, die Hitze draussen zu lassen? Werden die Ventilatoren ihren Dienst tun und mich nicht verlassen wie der Gefrierschrank, der schon vor zwei Monaten seinen Geist aufgegeben hat? Werde ich einen klaren Kopf behalten und bei Verstand bleiben?

Ich packe meine Badetasche. Der Fluss ist nicht weit und das Meer auch nicht. Ich habe das Glück, ein paar politisch unkorrekte Nachbarn mit Schwimmbädern zu haben, die noch gefüllt werden dürfen. Autos dürfen nicht mehr gewaschen werden und Gärten tagsüber nicht mehr bewässert. Sieht er so aus, der Weltuntergang? Wird uns letztlich die Sonne dahinraffen, die doch das Leben auf diesem Planeten erst ermöglicht?

 

Falsch gewickelt

Irgendwann, so heisst es, wird die Erde verglühen. In siebeneinhalb Milliarden Jahren soll es soweit sein. Bis dahin haben wir noch ein wenig Zeit, uns Gedanken zu machen. Was ist eigentlich das Problem? Ist es wirklich so aussergewöhnlich, dass die Temperaturen im Sommer auf über dreissig Grad steigen? Gab es nicht schon früher hitzefrei, wenn das Thermometer vormittags auf über 25 Grad stieg? (*) In Deutschland, nicht in Frankreich. Hier im Süden bricht das öffentliche Leben zusammen, wenn mehr als drei Schneeflocken fallen.

Sterben in unseren Breiten wirklich so viele Menschen den Hitzetod? Ist es wirklich so unerträglich, ein paar Wochen lang zu schwitzen? Ist es so schwierig, genug zu trinken, für Schatten zu sorgen und sich nicht in praller Mittagshitze mit vollgeschlagenem Bauch ins kühlende Nass zu stürzen? 

Haben wir so sehr unseren gesunden Menschenverstand verloren, dass man uns nicht nur sagen muss, wie wir zu niesen und uns die Nase zu putzen haben, sondern auch, wie wir uns zu bewegen und sonstwie zu benehmen haben? Sind wir nicht eigentlich gross genug, diesen ganzen Hitze-Hype nicht mitzumachen und uns stattdessen einen schönen Sommer zu machen? 

 

Geh aus, mein Herz

Wie wunderbar ist es, früh aufzustehen und die kühlen Morgenstunden zu geniessen, wie angenehm, sich in der heissesten Zeit eine Siesta zu gönnen, wenn es geht, und wie schön sind die langen und lauen Abende und die weiten Sternenhimmel. Wie gut es tut, seine Aktivitäten der Jahreszeit anzupassen und sich im Rhythmus der Zyklen zu bewegen. 

Kein Grund zur Sorge also? Ja. Wir haben ein gigantisches Umweltproblem und stecken mitten in einem Epochenwechsel, wie wir ihn vielleicht seit dem Aussterben der Dinosaurier nicht gehabt haben. Doch das sollte uns nicht davon abhalten, uns leicht zu machen. 

Der Sommer ist wunderbar dafür geeignet, die Schwere abzuladen und die Freude zu nähren. Lassen wir uns diese Zeit nicht schon wieder verderben! Lassen wir uns nicht den vierten Sommer in Folge madig machen.

Lassen wir uns nicht einsperren. Singen wir in diesem Sommer zusammen, was während der grossen Lockdowns nur getrennt möglich war: Geh‘ aus mein Herz. So begegnen wir gemeinsam der grössten Gefahr dieser Zeit. Nicht die Viren sind es, nicht die Kriege, nicht das Klima. Es ist die Verdummung, der Versuch, uns voneinander zu trennen, uns gegeneinander aufzuhetzen, um uns, immer isolierter, immer misstrauischer, immer verängstigter, auch noch die letzten Energien abzusaugen. 

Diesem Untergang haben wir unser fröhliches Herz entgegenzusetzen, das Herz, das sich nicht dominieren lässt, Gefühle, die sich nicht kalkulieren und überwachen lassen. Laden wir die Sommerfreude zu uns ein! 

Nicht Angst und Verbitterung weisen uns den Weg, sondern die unbeschwerte, geteilte Freude, hier sein zu dürfen und beglückt teilnehmen zu können an diesem lebendigen Flirren, Summen, Zirpen und Singen, um schliesslich ernten zu können, was wir gesät haben.


(*) Das erste Mal hitzefrei gab es in Deutschland auf Erlass des preussischen Schulministeriums 1892. Seitdem liegt die Entscheidung, welche Temperaturen zumutbar sein, bei den einzelnen Bundesländern.