«Troubled» ist die Geschichte von Rob Henderson, der mit drei Jahren im amerikanischen Sozialsystem landet, weil sich seine drogenabhängige Mutter nicht mehr um ihn kümmern kann. Der von einer Pflegefamilie zur nächsten weitergereicht wird, schliesslich von einer armen Familie adoptiert wird, die dann wieder zerbricht. Zeitweise Stabilität erlebt, als seine Adoptivmutter in einer lesbischen Beziehung lebt, die dann aber wieder in die Brüche geht. Der durch das Schulsystem stolpert, im IQ-Test schlecht abschneidet, sich früh an Alkohol und anderem versucht und dem dann letztlich die gefängnisartigen Strukturen des US-Militärs die Chance bieten, dem vorgezeichneten Pfad zu entkommen.
Das Bemerkenswerte an der Geschichte des Autors ist, dass aus ihm ein Elitestudent in Yale und nun ein weitbeachteter Soziologe wurde. Solche Memoiren verkaufen sich gut – vom Tellerwäscher zum Millionär sind Geschichten, die Menschen gerne lesen. Doch diese Geschichte ist weit mehr als ein Buch, das sich gut liest. Henderson schaut mit einer Klarheit auf die modernen Ansichten und gesellschaftlichen Strukturen der Eliten, die vielleicht nur dem möglich sind, der von aussen kommt. Und selbst Opfer war dessen, was er «luxury beliefs» (Luxusansichten) der Eliten nennt.
Auf den ersten Blick werden verblüffende Parallelen zu den Memoiren von Vizepräsident J.D. Vance sichtbar («Hillbilly Elegie»). Auch Vance kommt wie Henderson von ganz unten. Zum ersten Mal bekam er Cola in sein Babyfläschchen gefüllt, als er etwa acht Monate alt war. Er erfuhr etwas Stabilität bei seinen Grosseltern als seine Mutter in die Drogensucht abrutschte. Auch er empfand das Militär als seine Rettung, auch er schaffte es nach Yale. Doch die beiden Bücher lesen sich völlig unterschiedlich. Während Vance mehr oder weniger die Stationen seines Lebens aufzählt (was durchaus auch eine spannende Lektüre ist), schreibt Henderson viel mehr davon, wie er sich in den Situationen fühlt. Man taucht ganz anders ein in sein Leben, erfährt auch viel darüber, was aus seinen Freunden wurde (wenig Erfreuliches). Das ist der eine grosse Unterschied.
Der andere liegt auf der Meta-Ebene. Während Vance Jurist, Private-Equity-Manager und Politiker wurde und es in seiner Geschichte letztlich um seine Erfolgsstory geht, erzählt Henderson nach seiner Kindheit und seinen inneren Kämpfen beim Militär, wie befremdlich die schöne neue Welt in Yale für ihn war. Wie er den woken Ansichten der Eliten naiv und ungläubig gegenüberstand und wie seine Denkprozesse einsetzten.
Um den Vergleich weiterzuführen, hier vielleicht zwei Geschichten aus den beiden Memoiren von Vance und Henderson, die den Unterschied gut verdeutlichen. Vance wird während seines Studiums von Investment-Gurus zu einem grossen Abendessen eingeladen. Dort bekommt er zum ersten Mal in seinem Leben Mineral- statt Leitungswasser eingeschenkt. Er ist empört und beschwert sich beim Kellner, dass mit diesem Wasser etwas nicht stimme. Das neu gebrachte Pellegrino schmeckt aber genauso sprudelig und er stellt fest, dass Eliten offenbar eine Sorte von Wasser trinken, von der er noch nie etwas gehört hat. Henderson wiederum zieht wenig Vergleiche über Lebensstile. Er berichtet davon, wie Studenten empörte Protestmärsche organisierten, weil eine Professorin vor Halloween eine E-Mail verschickt hatte. Für ihn war in keiner Weise ersichtlich, wo das Problem darin lag zu fordern, die Universität solle nicht zentral Kostüme vorgeben oder verbieten, sondern es den Studenten selbst überlassen, was sie anziehen wollten. Er war wirklich baff, dass kreischende Studenten ihre Entlassung forderten und behaupteten, sie sei eine cis-heteronormative Rassistin und sie würden sich mit ihr am Campus nicht mehr «sicher fühlen». Auch dass die E-Mail bei Studenten angeblich «Schmerzen verursacht» habe, fand er erstaunlich. «Warum?» und «Was für Schmerzen denn?», waren seine naiven Fragen und es überraschte ihn noch mehr, dass man ihm nahelegte, solch perfide Fragen nicht zu stellen.
Rob Henderson fragte weiter. Mitstudenten, sich selbst, die Literatur und er entwickelte daraus verschiedene interessante soziologische Thesen. Die bekannteste davon ist die Idee der «Luxury Beliefs». Hier geht es um Ansichten, die Eliten wie ein Statussymbol vor sich hertragen. Ihre Forderungen klingen nett und sozial, betreffen sie selbst wenig und richten bei den armen Schichten gigantischen Schaden an, so seine These. Ziel sei es dabei vornehmlich, gut dazustehen.
Beispiele nennt er viele. Familie ist eines, das ihm sehr wichtig ist. Er sieht es als eine Katastrophe an, dass er ohne Vater und Mutter aufwachsen musste. Er konnte auch sehen, wie schwer es alleinerziehende Mütter (unter anderem seine eigene Adoptivmutter) hatten und wie verheerend sich das auf die Kinder in seiner Nachbarschaft ausgewirkt hat. In Yale kamen praktisch alle Studenten aus intakten Familien, in seinem Psychologiekurs gab es nur einen weiteren Studenten, der nicht mit beiden Elternteilen aufgewachsen war. Befragte man die Studierenden einzeln, so wollten sie selbst ihre Kinder auch gerne in einer monogamen Beziehung grossziehen. Aber dann kam gleich hastig der Nachsatz, dass natürlich jede Form der Kindererziehung gleich gut sei, dass Monogamie eine überholte Struktur sei, dass das jeder selbstverständlich machen könne, wie er wolle und zum Schluss eine totale Absage an Cis-Heteronormativität als Unterdrückungsmechanismus (das bezeichnet den Umstand, dass man davon ausgeht, dass Mädchen sich weiblich und Jungen sich männlich fühlen und beide in der Regel heterosexuell sind. Das Gegenbeispiel wäre, dass man abwartet, als was sich die Kinder selbst identifizieren – Mädchen/Junge/egal und zu wem und wie vielen sie sich sexuell hingezogen fühlen. Ersteres wird als Unterdrückung, letzteres als Vorbild gesehen).
Henderson stellte also fest, dass fast alle Elite-Studenten den Luxus hatten, mit zwei Elternteilen aufzuwachsen, dass sie für sich selbst gerne ihre Kinder in einer stabilen Partnerschaft grossziehen wollten, aber gleichzeitig propagierten, Ehe und Familie seinen überholte Konzepte. Obwohl sie selbst eine Ehe anstrebten, verspotteten sie eine Eheschliessung als «nur ein Stück Papier» (er hat allerdings nie jemanden sagen hören, das Abschlusszertifikat von Yale sei nur ein Stück Papier). Henderson vertritt die These, es sei fatal, wenn all die zukünftigen Politiker, oberen Richter, Journalisten, Netflix-Produzenten und so weiter den Massen erklärten, es brauche gar keine stabilen Familien mehr. Überholt, sinnlos, lächerlich. Denn diese Meinungen verbreiten sich nach unten. Er stellt fest, dass es heute eine Frage der sozialen Schicht ist, ob ein Kind mit beiden Elternteilen aufwächst. Je weiter oben man anlangt, desto mehr Kinder haben Mama und Papa zu Hause. In der Unterschicht ist Alleinerziehen mittlerweile die Norm, eine stabile Familie die Ausnahme. Je weniger Stabilität Kinder aber erfahren, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie später kriminell, drogenabhängig, arbeitslos oder Schulabbrecher werden. Die Eliten wollen also den eigenen Kindern optimale Bedingungen bieten und den weniger Informierten weismachen, das brauche es alles gar nicht.
Rob Henderson nimmt seine Kindheit und seinen grauenvollen Mangel an verlässlichen Erwachsenen als Ausgangspunkt um festzustellen, dass Instabilität Kindern schadet (übrigens viel mehr als Armut – Kinder aus stabilen armen Familien haben nach seinen Daten keine so schlechten Aussichten). Er nennt es eine Luxus-Ansicht, wenn Menschen in und aus stabilen Verhältnissen traditionelle Familienbilder für obsolet erklären. Und er vermutet dahinter den Wunsch, sich als progressiv und damit als zugehörig zur Elite zu zeigen. Wie sehr das in der Realität Kindern schade, darüber würden die Leute wenig nachdenken.
Beispiele, wie die der Familie, nennt Rob Henderson in seinen Memoiren noch viele. Die Idee, die Polizei als üble Burschen darzustellen, sei eine weitere. Die Polizei schütze überwiegend arme Leute vor Kriminalität. Wer fordere, die Polizei abzuschaffen, vertrete eine Meinung, die toll und progressiv klinge, ihn selbst wenig koste und die Armen in voller Wucht treffe. Oder Einwanderung. Oder Transgesetzgebung.
Im Wesentlichen bleibt er aber bei seinem Thema. Was brauchen Kinder in schwierigen Verhältnissen am nötigsten. Nicht unbedingt Bildung (obwohl die natürlich keinesfalls schadet), sondern Eltern, die die Kraft und Zeit haben, sich zu kümmern. Er glaubt, dass mehr Bildung, mehr lesen, schreiben, rechnen für seine Schulfreunde nicht das Wichtigste gewesen wäre. Sondern Stabilität. Dass Menschen auch mit einfachen Jobs glücklich werden können, wenn sie das Gefühl haben, ihre Familien anständig zu versorgen, in guter Nachbarschaft zu leben, ein wertvoller Teil ihrer Umgebung zu sein. Dass Noten ziemlich egal sind, wenn man es mit Drogenmissbrauch, Vernachlässigung und Kriminalität zu tun hat. Und dass es einen Wechsel in der Politik braucht. Weg von dem akademischen Fokus hin zu einem klaren Blick darauf, dass Kinder in erster Linie Liebe brauchen und ein verlässliches Umfeld.
Seine Geschichte, die des elternlosen Kindes, das es bis ganz oben an die Eliteuniversität geschafft hat, sieht er nicht als das grosse Vorbild an. Geschafft hat er es nach seiner Meinung, wenn er es ganz ohne gute Vorbilder in seiner Kindheit trotzdem hinbekommt, eine feste Partnerschaft einzugehen und seinen Kindern ein zugewandter und anwesender Vater zu sein.
Insgesamt ist das Buch auf mehreren Ebenen lesenswert: Die Geschichte der Kindheit geht ans Herz, sein Kultur-Clash in Yale ist teilweise lustig, auf jeden Fall aber erhellend, seine Reflexionen sind spannend. Man hat Rob Henderson bedeutet, er brauche sich nicht um eine Professur zu bemühen. Mit seinen den Eliten gegenüber so kritischen Ansichten habe er da keine Chancen. Er solle seinen brillanten Geist doch auf etwas weniger Kontroverses richten, wenn er eine akademische Karriere anstrebe. Jetzt lebt er als unabhängiger Soziologe, der forscht, denkt und schreibt, was ihm wichtig erscheint. Er finanziert sich über seinen Substack und natürlich auch über seine Memoiren.
Daher enthält das Buch etwas, das man nicht so oft zu lesen bekommt: Frische Gedanken. Jenseits von irgendwelchen Lagern. Unbedingte Leseempfehlung. Bislang gibt es das Buch allerdings nur auf Englisch.

Rob Henderson
Troubled: A Memoir of Foster Care, Family, and Social Class
In Schwierigkeiten: Memoiren über Pflegeeltern, Familie und soziale Schichten