Eine alte Erzählung des Westschweizer Dichters Charles Ferdinand Ramuz handelt von einem kleinen Walliser Dorf, das jeden Winter für längere Zeit ohne Sonne auskommen muss. Das Dorf ist umzingelt von hoch aufragenden Zacken und Gipfeln, und jeden Herbst, Ende Oktober, an einem Tag um die Mittagszeit, ist am südlichen Himmel noch ein feuriger Streifen zu sehen. Dann zieht sich das wärmende, leuchtende Licht der Sonne, hinter die Felsen zurück.
Erst im März kehrt die Sonne zurück.
Solche Dörfer und Siedlungen gibt es, Orte im Schatten, wo das Sonnenlicht auch nicht als Widerschein auf der anderen Seite des Tales erscheint. Bristen im Urnerland ist so ein Ort, Vicosoprano im Bündner Bergell, Bosco Gurin im Tessin, Emmetten in Nidwalden oder das bernische Lütschental. Der Himmel bringt etwas Licht, auch der Schnee, wenn er fällt - aber leuchten und strahlen tut nichts mehr. Als wäre die Sonne erloschen.
Die Menschen in diesen Dörfern haben vor allem eines gelernt. Sie haben es lernen müssen, weil sie den Winter sonst nicht aushalten würden. Sie haben Geduld gelernt.
Auch in anderen Ländern können die Menschen an manchen Orten den ganzen Winter die Sonne nicht sehen. Im hohen Norden schwindet das Licht sogar ganz, und der Tag wird zur Nacht: Wir wissen es, wir haben davon gelesen, doch allein der Gedanke daran macht uns schaudern. Viele Wochen lang immer Nacht. Wie kann man das überleben?
Auch auf Spitzbergen wird es Nacht. Ein Film hat mir Bilder gezeigt. Die Inseln liegen so weit im Norden der Welt, dass die Sonne schon im Oktober verschwindet. Sie verschwindet auch dort, wo keine Berge sind. Der Horizont nimmt sie den Spitzbergern weg. Dann wird es überall auf der Insel dunkel und immer dunkler, bis nur noch die Uhren die Menschen daran erinnern, dass gerade der Tag beginnt. Dann stehen sie auf, so wie wir, und gehen zur Arbeit, als ob es die Nacht nicht mehr gäbe. Aber es gibt sie, und die Menschen können ihr nicht entkommen. Obwohl die elektrischen Lichter brennen. Die Nacht ist stärker, weil sie nicht aufhört.
Doch die Zeit bleibt nicht stehen. Der Winter schreitet voran. Weihnachten kommt und schenkt den Bewohnern des hohen Nordens ein Lichtermeer in der tiefsten Nacht. Weihnachten ist das Versprechen, das der Mensch in der Dunkelheit braucht. Dann wird es Januar, Februar, endlich März. Auch in der Geschichte von Charles Ferdinand Ramuz. Während die Alten immer noch frieren und klagen, versammeln sich die Jungen im Dorf eines Morgens im März auf dem Dorfplatz. Die jungen Frauen schmücken sich mit bunten Tüchern und Ohrringen, einer der Burschen nimmt sein Gewehr mit, ein anderer hängt sich ein Jagdhorn um. So ziehen sie los, mit Herzklopfen in der Brust, zu den Felsen hinauf. Sie kennen ihr Ziel. Es ist immer dieselbe Stelle, Winter für Winter.
Dort, wo der Spalt sich zwischen den Felsen öffnet.
Ramuz schrieb die Geschichte vor bald hundert Jahren. Und vielleicht ist es wirklich nur eine Geschichte. Aber jeden Winter auf Spitzbergen wird sie wahr. Wenn es heller zu werden beginnt, wenn die Nacht der Dämmerung weicht und aus der Dämmerung Tag wird, treffen sich in Longyearbyen, dem Hauptort der Insel, ein paar junge Leute. Sie steigen zum nächst gelegenen Berg empor. Sie tun dasselbe wie die Jungen im Walliser Dorf. Sie gehen der Sonne entgegen.
Manchmal ist der Himmel bewölkt, dann sind sie vergeblich nach oben gestiegen, doch in anderen Jahren haben sie Glück, und sie kehren nach Longyearbyen zurück mit der frohen Kunde, dass es die Sonne noch gibt!
Einige Tage danach strömt die ganze Einwohnerschaft von Longyearbyen zusammen, um den grossen Moment zu erleben, wenn es wieder soweit ist: Wenn sich über dem Berg auf der anderen Seite der Bucht der erste Sonnenstrahl zeigt. Alt und Jung, gross und klein, alle sind sie versammelt, wie ein Abbild der Menschheit, und alle harren sie aus in der Kälte, bis der Himmel über dem Berg immer heller und leuchtender wird – und das Licht wie ein Funke und dann wie ein Blitz in die Herzen der Versammelten zündet.
Sie ist wieder da. Die goldene Sonne. Am Ende steht immer das Licht, die Rückkehr des Lichts. Das ist die Botschaft des Lebens. Die Spitzberger jubeln und klatschen begeistert, erleichtert, erlöst und ausgehungert nach Monaten in der Dunkelheit. Sie applaudieren der Sonne, als wäre sie uns, den Menschen, hoch überlegen, und als müssten wir dankbar sein, dass sie uns ihre Gunst erweist.