Zwischen Welten
Vielleicht stimmt nichts von dem, was Menschen sich jemals erdacht oder erträumt haben. Doch auf eines können wir uns verlassen: die Bewegung, die jederzeit alles verändern kann. Samstagskolumne.
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Am Anfang stand nicht mehr die grosse Mutter, sondern das Wort. Und das Wort wurde gebrochen. Bild: Shutterstock

Während der Corona-Jahre galten diejenigen als Helden, die auf dem Sofa sitzen blieben und Netflix-Serien schauten. Isoliert in den eigenen vier Wänden war man keine Gefahr für sich und für andere. Es hat funktioniert. Das Bedürfnis nach Freiheit ordneten die meisten dem Bedürfnis nach Sicherheit unter. Wer sehnt sich nicht nach einem geschützten Ort, an dem er sich geborgen fühlt, einem Paradies, in dem die Welt zumindest noch irgendwie in Ordnung ist?

Doch kaum schien eine Gefahr gebannt, tauchten die nächsten auf. Krieg in der Ukraine, Krieg in Gaza, und überall eine drohende Klimahölle. Während im Aussen vielerorts kein Stein auf dem anderen bleibt, werden Meinungen zementiert. Wo wir uns nicht einmal mehr auf die Bahn verlassen können, soll es zumindest die Gewissheit geben, alle paar Jahre die richtige Stimme in eine Urne zu legen.

Das Wort demos, das Volk, gab nicht nur der Demokratie ihren Namen, sondern ist auch mit dem daimon verwandt, dem Dämon, und mit dem, was zur heutigen Zeitung wurde: etwas Abgeschnittenes, Zerteiltes, Zerrissenes, was aus dem grossen Ganzen herausgenommen wurde. Mit dieser Ur-Teilung verliessen wir das Paradies der Einheit. Die ursprüngliche Polarität, in der sich die Gegensätze ergänzen, wurde zu einem dualistischen Weltbild, in dem die Gegensätze sich gegenseitig behindern oder sogar ausschliessen.

Damit kam nicht nur der Monotheismus in die Welt und die Idee, dass es für einen schöpferischen Prozess keine weibliche Seite mehr braucht, sondern auch das Patriarchat, die Staatenbildung, die Kriege und die Schrift, die alles dokumentierte. Von nun an wurden die Menschen in Konflikte hineingezogen, mit denen sie persönlich nichts zu tun haben. Am Anfang stand nicht mehr die grosse Mutter, sondern das Wort.

Und das Wort wurde gebrochen. In der heutigen Politik wird nicht einmal mehr so getan, als hielte man sich daran. In aller Offenheit wird nach Land, Ressourcen und Macht gegriffen. Vor den Augen der Weltgemeinschaft fallen die Schleier. Apokalypse heisst das in biblischer Sprache. Andere sprechen von einer Zeitenwende, einem Paradigmenwechsel, einem Scheideweg, an dem die Menschheit steht.

Auf der einen Seite: ein totalitäres System, das das Natürliche durch das Künstliche ersetzt und das Lebendige durch die Technik. Auf der anderen: ein Bewusstsein, das das erkennt. Dazwischen: der Schmerz, wenn die Schleier fallen und wir erkennen, dass es auf der ganzen Welt keinen Ort gibt, an dem wir uns wirklich sicher fühlen können.

Besonders schmerzhaft ist es für den, der sich gegen das Offensichtliche wehrt: Es gibt keine Gewissheit. Das einzige, was uns ganz gewiss bevorsteht, ist der Tod. Doch den wollen wir nicht, obwohl doch gerade er für das steht, wonach wir suchen: Sicherheit. Gleichzeitig ist er ein Schritt in das ganz grosse Ungewisse.


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Der neue Zeitpunkt: 




Das Ende der Gewissheit - 
wo bitte gibt es Sicherheit?



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Wie wir es auch drehen und wenden: Wir entkommen der Ungewissheit nicht. Wohin wir auch blicken: Von überall her winken Ereignisse, die uns zeigen, dass auf nichts mehr Verlass ist. Kein Abkommen, kein Vertrag, keine Institution, die in letzter Instanz wohlwollend die Hand über uns hält. Unser Papier kann von einem Tag auf den anderen nichts mehr wert sein, so wie die Zahlen und Buchstaben auf den Bildschirmen. Unser guter Ruf, unser Erfolg, unser Besitz: alles Tand.

Es ist wie Sterben. Nackt stehen wir da. Diese verwundbare Echtheit ist das, was uns bleibt. Wenn das Aussen zusammenbricht, werden wir in das Innen geführt, das viele von uns so lange vernachlässigt haben. Hier ist er, der sichere Hafen, das verloren geglaubte Paradies. Hier wird er gewebt, der goldene Seelenfaden, der uns mit dem grossen Ganzen verbindet, das uns hält.

Wenn alles zusammenbricht, wird es sichtbar, das Gold in uns, der göttliche Funke, der uns einmal geschenkt wurde. Durch die Risse der alten Kruste scheint es hindurch. Das ist es, was jetzt ansteht, das ist zu tun: für diesen Funken Sorge zu tragen. Die Verbindung pflegen. Es durch uns geschehen lassen. Dem Lebensfluss keine Hindernisse in den Weg stellen. Zu Antennen werden für die höchste Frequenz, die wir in der Lage sind zu empfangen. Dem Neuen das Feld bereiten.

Richten wir uns auf Frieden aus, auf Liebe, auf Schönheit, auf das, was unsere höchsten Werte sind, und geben wir uns der Tatsache hin, dass wir im Grunde keine Ahnung haben, was hier gerade wirklich passiert. Wir wissen nicht, welche Mächte tatsächlich am Werk sind. Nur eines ist gewiss: Es sind ganz bestimmt nicht die, deren Gesichter wir auf den Bildschirmen sehen.

Damit geht nach der vedischen Zeitrechnung das Zeitalter der Illusionen zu Ende. Die Urvölker sprechen von dem Ende einer alten und dem Beginn einer neuen Welt. In der Astrologie treten wir in das Zeitalter des Wassermanns, in dem Körper und Geist wieder zusammengeführt und darauf vorbereitet werden, erneut im Einklang zu schwingen. Im Inneren wird das Gegensätzliche wieder vereint.

So kann auch das Aussen zur Ruhe kommen. Das wird vielleicht noch dauern. Vielleicht wird sich der Weg der Menschheit in verschiedene Zeitlinien teilen. Nichts ist gewiss. Vielleicht stimmt auch nichts von dem, was Menschen sich jemals erdacht oder erträumt haben. Doch auf eines können wir uns verlassen: die Bewegung, die jederzeit alles verändern kann.

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

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