Im Namen der Nachhaltigkeit übernehmen machtvolle Stiftungen die Aufgabe des Imperiums. Sie verwandeln lebendige Kulturen in Museen, Älteste in Fotomodelle und Rituale in dekorative Gebete für Konferenzen. Sie veranstalten Zusammenkünfte mit indigenen Führern in zeremonieller Kleidung, eine Choreographie symbolischer Einbeziehung, die den systematischen Ausschluss von Indigenen verschleiert. Es ist das alte Kolonialtheater, das unter dem Deckmantel der«Philanthropie» neu inszeniert wird.
Jay Naidoo
Der obige Auszug aus einem Artikel des südafrikanischen Ältesten Jay Naidoo erklärt, warum ich manchmal zusammenzucke, wenn eine Konferenz eine indigene Person auf die Bühne bittet, um die vier Himmelrichtungen anzurufen, bevor sich alle zum Tagesgeschäft in ihre Zuschauersessel niederlassen. Wir werden vielleicht mit einem Lied in einer einheimischen Sprache beglückt und mit einer Lektion über den heiligen Ring des Lebens. Dann tritt die indigene Person von der Bühne ab oder wir verlassen alle den Kreis und gehen zurück in den Vortragssaal und widmen uns wieder dem Zeitplan voller Sprecher und Diashows, Podiumsdiskussionen und Breakout Sessions, Kennzahlen und Lösungen.
Meine emotionale Reaktion auf indigene Lieder und Zeremonien ist völlig anders, wenn ich sie in ihrem natürlichen Zusammenhang erlebe und ihre Wirklichkeit als bescheidener und ehrlicher Gast betrete.
Dennoch bin ich nicht ganz so zynisch, wie Jay Naidoo im obigen Artikel zu sein scheint. Ich kann bei diesen NGOs und Konferenzveranstaltern auch ein ehrliches Bemühen erkennen, einen echten Impuls, ihre gewohnten Wege zu überwinden. Auf einer Ebene bemerken sie die Unzulänglichkeit ihrer überkommenen Mittel, Methoden und Denkweisen beim Bewältigen der momentanen Zivilisationskrise. Aber allzu oft geht dieses Bemühen über in schlichte«Einbeziehung«. Weibliche Indigene und queere, nicht-binäre farbige Personen ersetzen vielleicht kurz die männlichen Weissen auf der Bühne. Aber das Auswechseln einzelner Teile verändert nicht die Bauweise der Maschine.
Die Strukturen und unbewussten Gewohnheiten der Maschine bemächtigen sich ganz einfach der besten Absichten zur Einbeziehung. Die physischen Räume von Konferenzsälen und besonders die elektronischen Räume virtueller Zusammenkünfte verstärken diese Gewohnheiten. Sie erzeugen die üblichen Denkmuster: mechanisch, abstrakt, körperlos. In diesen Räumen erscheint die organische Intelligenz des Kosmos als Theorie.
Manche Einsichten lassen sich nur schwer gewinnen, wenn man in einem Raum ist oder auf einen Bildschirm starrt. Sie kommen einem wie Sehnsucht, Einbildung oder Wahnvorstellung vor. Draussen im Regenwald, in der Wüste oder auf einem Segelboot sind sie so offenkundig wie die Sonne.
Daher verändert sich nicht viel, wenn man indigene Menschen in Vorstandsetagen und auf Konferenzpodien bringt. Es ist sicherlich besser, als sie auszuschliessen, aber wir wollen mehr tun, als die Maschinisten der Weltzerstörung durch neue mit anderen Hautfarben zu ersetzen.
Wir denken, dass die Maschinisten die Maschine steuern, aber es ist viel eher so, dass die Maschine die Maschinisten steuert. Sie passen sich den Rollen an, die das System vorschreibt. Setz mich in einen Bagger, und ich werde lernen, ihn zu bedienen.
Nehmen Sie jemanden aus dem Regenwald und versetzen Sie ihn in einen amerikanischen Vorort, und schon bald wird er sich wie ein Vorstadtbewohner verhalten. Versetzen Sie ihn in einen Unternehmensvorstand oder ein Ministerium, und schon bald wird er sich wie ein Unternehmensleiter oder Minister verhalten. Natürlich kann er seine ursprünglichen Werte mitbringen, genauso wie man Küstensträucher in Binnenlandböden pflanzen kann, aber dort werden sie verkümmern.
Wenn wir wollen, dass in unserer Zivilisation neue Entscheidungen getroffen, neue Richtungen eingeschlagen werden, genügt es nicht, neue Stimmen in die alten Strukturen einzufügen. Und noch viel weniger, wenn wir sie als Dekoration verwenden. Wenn die Indigenen dazu verwendet werden, Veranstaltungen als «bewusst» zu klassifizieren, bringt das auch nicht viel. Auch nicht die Übernahme ihrer Rituale als «Inhalt», ihre Geschichten als KI-Trainingsdaten oder ihre heiligen Stätten als spirituelle Touristenziele. Die Wirtschaftswachstumsmaschine hungert immer nach neuem Kapital – sei es in Form von Natur, Kultur oder Spiritualität – , die sie in Geld umwandeln kann, und dabei braucht sie immer neue Formen des Kolonialismus.
Es gibt eine Alternative. Heute erkennen viele, was Jay Naidoo erkennt. Wir, die wir den Bankrott moderner Entwicklungsnarrative sehen, suchen andere Mythologien und damit andere Arten des Menschseins, andere Arten der Verbundenheit mit dem sonstigen Leben und der Materie. Wir schauen auf die Indigenen, weil wir dringend Hilfe brauchen beim Projekt des globalen Wandels, und möchten sie in ihrem Beitrag unterstützen. Wir bevormunden sie nicht, indem wir uns einbilden, besser zu wissen als sie, wie man lebt oder wie man besser weiss. Wir versuchen nicht, sie uns ähnlich zu machen, sie in gescheiterte Fortschrittsbilder zu pressen. Wir vermitteln den Zugang zu ihnen nicht im Austausch für Spenden an unsere NGOs. Wir versuchen nicht, sie an ein System anzuschliessen, an das wir nicht mehr glauben.
Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir, damit die Menschheit über die Einweihungsschwelle treten kann, die vor uns liegt, all das zusammensammeln müssen, was die Moderne an die Ränder der Wirklichkeit verbannt hat. Deshalb schätzen wir intakte indigene Kulturen nicht nur wegen der Beiträge, die sich leicht in anerkannte Paradigmen der Landbewirtschaftung und Umwelterhaltung einfügen lassen, sondern auch wegen ihrer Kosmologien, ihrer Geschichten und ihrer Umgangsweisen mit Geist und Seele, Klang, Symbol und Materie.
Das übliche kausale Bezugssystem der Naturwissenschaft kann die Indigenen für den Erhalt von Ökosystemen und für ihr nachhaltiges Leben anerkennen. Unsichtbar in diesem Bezugssystem, jedoch offensichtlich für jene, die gewillt sind, aus ihm herauszutreten, ist die Rolle indigener Kulturen bei der Bewahrung von Netzwerken heiliger Stätten, Erdschreinen, Zeremonien und Geschichten, die die Welt zusammenhalten.
Das moderne Denken glaubt, dass wir Geschichten über die Welt erzählen. Indigene Denkweisen gehen davon aus, dassGeschichten die Welt weben. Sie glaubten, das Worte, Klänge, Gesten, Lieder, Rituale, Umgangsformen und Gebet die Materie beeinflussen jenseits von der Wirkung physischer Kräfte. Nach Mircea Eliade glaubten viele Kulturen, dass die Welt nicht weiter existieren könnte, wenn sie nicht regelmässig Welterneuerungs-Zeremonien abhielten. Die Schöpfung würde zerfallen. Bei den Yurok und anderen kalifornischen Traditionen sah man Welterneuerungs-Feste als eine Art Wartung oder Reparatur der Welt.
Das mag sich wie ein abstruser Aberglaube anhören, wäre da nicht die unbequeme Tatsache, dass – während Kulturen auf der ganzen Welt ihre Traditionen verlassen – die Schöpfung tatsächlich immer weiter zerfällt. Ja, könnten wir sagen, das kommt von Bergbau, Abholzung, Klimawandel, Plastik in den Flüssen, Giftmüll im Boden. Es kommt nicht daher, dassindigene Völker ihre Zeremonien nicht mehr abhalten. Oh ja, wir wissen so viel besser als sie, wie die Welt funktioniert.
Tun wir das? «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen», sagt die Bibel. Hilflos rast unsere Gesellschaft auf den ökologischen, sozialen und physischen Zusammenbruch zu, während gleichzeitig die Anzahl der intakten, vormodernen Kulturen schwindet. Diese Entwicklungen sind für das ganzheitliche Denken ursächlich verbunden.
Zum Glück gibt es auf dieser Erde noch indigene Menschen, die ihre Zeremonien durchführen, ihre Sprachen sprechen, ihre Schreine erhalten und ihre Geschichten erzählen. Es gibt gerade noch genügend von ihnen, dass die Welt zusammenhält, wenn auch nur am seidenen Faden. Ich habe einmal einen Kogi sagen hören: «Ihr müsst euch ändern. Unsere Rituale können die Erde nicht mehr lange zusammenhalten.» Die Kogi und andere noch einigermassen intakte Kulturen legen der Erde eine andere Wirklichkeit zugrunde, eine, deren Zukunft deutlich schöner ist als die Hölle, der die Zivilisation entgegenschleudert.
Die meisten etablierten Umweltaktivisten und Philanthropen schätzen indigene Völker sehr. Ihre Handlungsgrundsätze würdigen diese, weil sie Kohlenstoffsenken und Biodiversitätsgebiete erhalten, und aus Mitgefühl möchten sie historische (und anhaltende) Ungerechtigkeiten wie wirtschaftliche Ausbeutung und kulturelle Aneignung wiedergutmachen. Für sie sind das jedoch mehr Angelegenheiten von gesellschaftlicher Gerechtigkeit als von ökologischer Notwendigkeit. Heilige Stätten und Zeremonien kommen in dem Bild weniger vor. Die moderne Ursächlichkeit erkennt deren Rolle beim Zusammenhalten der Welt nicht an. Deswegen fliesst viel mehr Energie (und Geld) in Dinge wie «grüne Energie» als in Richtung indigener Rechte.
Manchmal beteiligen sich NGOs sogar aktiv an der Zerstörung indigener Kultur im Rahmen einer «Entwicklungs»-Arbeit, die moderne Bildung, moderne Infrastruktur und moderne Lebensart einführen will. Erfolg wird dabei auf eine Weise gemessen, die ein Universitätsstudium in der Hauptstadt höher wertet als eine Schamanenausbildung im Dorf. Einer auf diese Weise «aufgeklärten» Generation erscheinen kulturelle Traditionen – und sogar die eigene Sprache – oft zurückgeblieben, peinlich oder kurios. Selbst wenn sie die alten Rituale noch durchführen, haben diese nicht mehr dieselbe Kraft, wenn sie aus ihrer ursprünglichen Welt-Erzählung und Lebensweise herausgerissen sind.
Allerdings gibt es, genau wie es immer noch indigene Gesellschaften gibt, die ihre Sprache und Kultur relativ intakt halten konnten, auf der anderen Seite einige von uns in der modernen Welt, die deren Bedeutung für die Zukunft der Erde erkannt haben. Für uns gibt es kein wichtigeres Umweltthema als das weitere Überleben indigener Kultur und deren territoriale Unversehrtheit.
Ich philosophiere inzwischen seit mindestens zehn Jahren über dieses Thema, und vor Kurzem wurde ich tiefer eingebunden als Berater für Organisationen, die meine Ansichten teilen. Eine davon ist eine neue, gemeinnützige namens Rooted. Sie legt gleichermassen Wert auf Umwelt- wie Kulturbeiträge inidigener Gesellschaften. Dies sind einige ihrer ersten Projekte:
- Die Wiederherstellung des Territoriums der Huni Kuin in Brasilien. Momentan sind 80% von deren Land unter der Kontrolle grosser Farmen, der Rest ist schwer geschädigt. Einer ihrer Führer, Häuptling Ninawa, hat ein Bündnis aus 123 weiteren Häuptlingen und deren Gemeinschaften geschmiedet, um Land wiederzugewinnen und, wenn dies nicht möglich ist, auf bewaldetes Land umzusiedeln, wo sie ihre Kultur praktizieren und ihr tiefgreifendes ökologisches Wissen anwenden können.
- Zwei Zusammenkünfte nach der Weltklimakonferenz in Brasilien für indigene Weisheitsbewahrer und Hüter der Erde aus aller Welt. Deren Anwesenheit auf Weltklimakonferenzen ist äusserst wichtig, damit sich das Narrativ von Kohlenstoffreduzierung in ein Paradigma der lebendigen Erde verändert. Diese Zusammenkünfte arbeiten alle beide mit sehr knappen Mitteln. Wenn diese Führer es schaffen, sich zu sammeln und an ihrer Geschichte, ihrem Verständnis in Solidarität festzuhalten, können sie uns besser dabei helfen unsere zu verändern.
- Zusammenarbeit mit der Organisation Earth Elders [Erd-Älteste], um indigene Schamanen und Stammeshüter zu finanzieren, die eine mulitkulturelle Allianz weben. Ich kenne einige der von ihnen Unterstützten persönlich. Viele von ihnen orientieren sich nicht daran, Geld zu erbitten. Sie sind bescheiden, nicht an Selbstdarstellung interessiert und deshalb kaum sichtbar für die Finanzwelt. Dennoch ist ihre Arbeit an kultureller und ökologischer Integrität unentbehrlich.
Wenn irgendjemand von Ihnen, die diesen Artikel lesen, sieht, was ich sehe in Bezug auf die Wichtigkeit kultureller Unversehrtheit indigener Völker und die Arbeit derjenigen, die deren Zeremonien, Geschichten und schamanischen Praktiken aufrecht erhalten, und sich angesprochen fühlt und in der Lage sind zu spenden: Ich habe unten einen Spenden-Button angefügt.
Wenn Sie sich in der philanthropischen Finanzwelt bewegen, dann überlegen Sie bitte, ob Sie eine [steuerabzugsfähige] Spende nach 501(c)3 machen würden.
Die Projekte bieten eine ausserordentlich hohe «Kapitalrendite». Im Gegensatz zu den Milliarden, die in konventionelle Klimaprojekte fliessen, liegen ihre Kosten bei Zehn- oder Hunderttausenden, aber sie haben eine unmittelbare, überdimensionale Wirkung.
Ich glaube daran, dass die Zivilisation sich mit dem Leben wiedervereinigen kann. Nicht durch Verleugnung der Moderne, sondern durch ihre Metamorphose; eine symbiotische Verschmelzung mit Denk-, Betrachtungs- und Daseinsweisen der Ahnen. Zum Glück ist deren Lebensweise nicht verloren, aber sie schwindet dahin zusammen mit den Territorien, die sie beherbergen. Mögen wir sie wieder wertschätzen.
Übersetzt aus dem Englischen von Ingrid Suprayan und dem Team von «Charles Eisenstein auf deutsch»