KI-Psychotherapie-Programme? Nein Danke!
Ab Juli 2026 zahlt die Grundversicherung der schweizerischen Krankenkassen für eine App der KI der Künstlichen Intelligenz gegen Depressionen. – In der Psychotherapie dürften Onlinetools wichtiger werden – auch wegen langen Wartelisten bei Psychiatern und Psychotherapeuten, war im Tages Anzeiger von Zürich zu lesen.
Der Schrei von Edvard Munch (1863 - 1944)
Der Schrei von Edvard Munch (1863 - 1944)

Meiner Meinung nach kann es mit einer KI-App zur Behandlung von Depressionen nicht gut gehen. Wenn ich zu einer Psychologin komme, wird sie mich, im Idealfall, intuitiv erfassen, einschätzen was für eine Person da kommt, wie man ihr helfen kann damit sie weiterkommt. Bei einer solchen psychologischen Beratung ist auch die Einschätzung der Weltanschauung des Hilfesuchenden wichtig, seine Erziehung, seine Familie, seine körperliche Gesundheit, seine Arbeit, das Milieu, in dem er lebt, sein Alter, sein Geschlecht. Die menschliche Beziehung zwischen der Psychologin und dem Menschen ist wichtig, die Gefühle auch der Psychologin, die Empathie. Menschen in Not brauchen Hilfe durch einen Menschen, der zuhört der sein Freund wird. Kann das alles ein KI-Psychotherapie-Programm: Nein!

Psychotherapie ist eine schwierige Sache, so dass ein Psychologe, Friederich Liebling, der aus Österreich stammte, am Ende seines Lebens seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sagte: Es gibt keine Psychotherapeuten. Er meinte dabei auch sich selbst.

Produktion von KI-Psychotherapie-Programmen

Bei der Produktion von KI-Psychotherapie-Programmen werden vermutlich tausende Therapiegespräche von anerkannten Fachleuten verwendet, damit das Programm dann professionell antworten oder neue Fragen stellen kann. Wo werden solche KI-Therapieprogramme produziert, in den USA, in Deutschland, in Ländern mit vielleicht einem ganz anderen sozialen und kulturellen Hintergrund als in der Schweiz oder in Österreich?

Psychotherapie-KI-Programme: Ein Geschäft

Diese Psychotherapie KI Programme sind sicher auch ein Geschäft wie Microsoft Programme. Der Psychiater, Psychologe oder der Hilfesuchende muss das Programm kaufen. Wir in der Schweiz haben «Glück», wie oben schon erwähnt: «Ab Juli 2026 zahlt die Grundversicherung der schweizerischen Krankenkassen für eine App gegen Depressionen.» Wer programmiert diese Apps? Wo? Wie steht es mit dem Datenschutz, wenn wir unser Elend dem App der Maschine anvertrauen?

1966 Computerprogramm ELIZA von Josef Weizenbaum

Schon 1966 entwickelte Josef Weizenbaum (2) am Massachusetts Institute of Technology (MIT), in Boston das Computerprogramm ELIZA, mit dem er die Verarbeitung natürlicher Sprache durch einen Computer demonstrieren wollte. Eliza wurde als Meilenstein der «künstlichen Intelligenz» gefeiert, seine Variante Doctor simulierte das Gespräch mit einem Psychologen. Es schien den Turing-Test zu bestehen, da viele Benutzer nicht merkten, dass sie mit einer Maschine kommunizierten. Weizenbaum war entsetzt, wie ernst viele Menschen dieses relativ einfache Programm nahmen, indem sie im Dialog intimste Details von sich preisgaben. Dabei war das Programm nie daraufhin konzipiert, einen menschlichen Therapeuten zu ersetzen. Durch dieses Schlüsselerlebnis wurde Weizenbaum zum Kritiker der gedankenlosen Computergläubigkeit. Heute gilt Eliza als Prototyp für moderne Chatbots. Weizenbaum bezeichnete sich selbst als Dissidenten und Ketzer der Informatik. 1984 veröffentlichte Weizenbaum das viel beachtete Buch «Der Kurs auf den Eisberg oder nur das Wunder wird uns retten, sagt der Computerexperte», (3) Josef Weizenbaum lebte von 1923 – 2008. 

Wer programmiert Psychotherapie KI-Programme?

Vielleicht werden heute Psychotherapie KI-Programme von Psychiatern, Psychologen und Computerspezialisten auch programmiert unter dem Einfluss von «höheren Warten». Es wird vielleicht von oben Einfluss genommen was psychisch gesund oder krank gelten soll. Psychiater und Psychologen waren schon oft willige Helfer der Staatsgewalt, hüben wie drüben, nicht nur bei den Folterungen der USA in Guantánamo.

Schweiz: Weg vom Militär mit einem psychiatrischen Gutachten

Kriegsdienstverweigerer wurden zum Beispiel in der Schweiz während Jahrzehnten psychiatrisiert. Mit einem psychiatrischen Gutachten konnte man erreichen, dass man keinen Kriegsdienst leisten musste: Man hatte Angstzustände, Panik vor Waffen, Problemen mit Autoritäten, Unverträglichkeit mit dem militärischen Leben oder Disziplin, Ess- und/oder Schlafstörungen, Albträume, war Bettnässer. Man war laut dem Gutachten psychisch nicht «ganz Mann», aber man musste nicht ins Gefängnis, wie damals tausende andere. Bei einer Stellenbewerbung hatte man später vielleicht Probleme, denn in dem Militärdienstbüchlein hatte man einen geheimen kodifizierten Eintrag seiner psychischen Gesundheit. (4)

Mein Bekannter Ruedi Tobler aus einer pazifistischen Familie lehnte es im Gymnasium ab, sich durch einen Psychiater als «krank» begutachten zu lassen, und zog es vor, mehrere Male ins Gefängnis zu gehen, wie in diesen Jahren tausende junge Männer in der Schweiz. Toblers Bruder wanderte nach Grossbritannien aus, um einer Gefängnistrasse zu entgehen. Felix Ziegler, ein Lehrer, Präsident des Schweizer Zweiges von Service Civil International übernahm im Libanon die Leitung eines armenischen Waisenhauses. Damit musste er fern der Schweiz nicht noch ein zweites Mal in Gefängnis wegen Kriegsdienstverweigerung. Erst 1996 wurde ein Zivildienst in der Schweiz für Kriegsdienstverweigerer eigerichtet. Er dauert heute 1,5-mal so lang wie der Militärdienst.

Referendum gegen das Zivildienstgesetz

Jetzt will der Bundesrat, die Regierung der Schweiz und das Parlament die Zulassung zum Zivildienst verschärfen. Bundesrat und Parlament wollen sicherstellen, dass der Zivildienst eine Ausnahme bleibt. Gegen diese Hürde zur Zulassung zum Zivildienst wurde das Referendum ergriffen. Es kam mit 57 000 Unterschriften zustande. Abgestimmt wird darüber in der Schweiz am 14. Juni 2026. (5)

Falls die Zulassung in der Schweiz zum Zivildienst verschärft wird, rechnet man damit, dass noch mehre junge Männer versuchen den so genannten «blauen Weg» zu wählen, um nicht ins Militär gehen zu müssen. Sie lassen sich von einem Arzt oder Psychiater als untauglich begutachten. Andere werden sich ins Ausland absetzen.

Deutschland: Kriegsdienstpflicht vom 1956 – 2011

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland zunächst vollständig entmilitarisiert. Das Grundgesetz von 1949 enthielt keine Regelungen zur Aufstellung eigener Streitkräfte, und der erste Bundestag sprach sich 1949 gegen eine Wiederbewaffnung aus. Mit der zunehmenden Spannung im Ost-West-Konflikt und der Ratifizierung der Pariser Verträge 1955 wurde die Bundesrepublik verpflichtet, einen Beitrag zur internationalen Verteidigung zu leisten. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) setzte sich für eine Wehrpflichtarmee ein, während die SPD, Gewerkschaften und Kirchen vehement dagegen protestierten. Am 21. Juli 1956, trat das Wehrdienstgesetz in Deutschland in Kraft. Mit diesem Gesetz wurden alle Männer ab dem vollendeten 18. Lebensjahr wehrpflichtig, deutsche Staatsbürger, die in Deutschland lebten.

Vor 60 Jahren setzten sich viele junge deutsche Männer ins Ausland ab, um im neu militarisierten Deutschland keinen Kriegsdienst leisten zu müssen. Meine Freunde Wolfgang Mauch, ein Optiker, und Kurt Strobel, ein Schriftsetzer, kamen in die Schweiz. Die Kriegsdienstpflicht in Deutschland wurde 2011 ausgesetzt. Aufgrund der veränderten Sicherheitslage in Europa, dem Krieg in der Ukraine, gibt es Bestrebungen, sie wieder einzuführen.

Fussnoten

(1) «Statt der Psychologen berät jetzt eine App Patienten. Kann das gut gehen?» von Jaqueline Büchi, Tages Anzeiger 15. Mai 2026.

(2) Joseph Weizenbaum – Wikipedia

(3) Josef Weizenbaum. «Der Kurs auf den Eisberg oder nur das Wunder wird uns retten, sagt der Computerexperte», «Zürich: Pendo-Verlag, ISBN 3-85842-087-5

(4) Der Blaue Weg – Keinen Militärdienst leisten – GSoA

(5) Zivildienstgesetz Nein | Zivildienst Referendum

Heinrich Frei

Heinrich Frei
Heinrich Frei

Ich bin in der Schweiz, in Biel im Kanton Bern aufgewachsen und habe dort eine Lehre als Hochbauzeichner absolviert. Anschliessend arbeitete ich in Grenchen bei einem Architekten als Zeichner und Bauführer. Vom Herbst 1961 an war ich in verschiedenen Architektenbüros in Zürich tätig und ab 1987 Projektleiter für Hochbauten bei den Schweizerischen Bundesbahnen. Von 1961 bis 1966 studierte ich am Abend Technikum Zürich und schloss mit dem Diplom Architekt HTL ab.

Seit 2003 bin ich pensioniert. In der Freizeit bin ich bei Friedensorganisationen engagiert und seit über 20 Jahren bei Hilfswerken, die in Somalia tätig sind. Heute bin ich im Vorstand der Organisation . Zudem verfasse ich Texte zu den verschiedensten Themen. Meine Texte erscheinen unter anderem auf dem Blog ifor-mir.ch

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